Dorothee Oberlinger

Dorothee Oberlinger im Interview

»Dieses Repertoire ist mir auf den Leib geschneidert«: Die Alte-Musik-Expertin über ihr pastorales Weihnachts-Programm mit dem Ensemble 1700.

Interview: Ivana Rajič, 20. November 2025

 

Dorothee Oberlinger ist nicht einfach nur eine Blockflötistin, sie ist eine brillante Blockflöten-Virtuosin. Das Publikum liebt sie und strömt in ihre Konzerte. Die Kritik lobt sie in höchsten Tönen und überschüttet sie mit Preisen und Auszeichnungen. Mit ihrem 2002 gegründeten Ensemble 1700, spezialisiert auf europäische Barockmusik, und Special Guest Dorothee Mields verbreitet sie in der Laeiszhalle am 19. Dezember 2025 ultimatives Weihnachts-Feeling! Um die winterlich-weihnachtliche Stimmung perfekt zu machen, liest Matthias Brandt Texte aus dem »Italienischen Bilderbuch«, Reiseerinnerungen von Fanny Lewald, einer Freundin von Heinrich Heine und Franz Liszt. Im Interview spricht Dorothee Oberlinger über das besondere Konzertprogramm, ihre musikalischen Wurzeln und die Zukunft des Ensembles.

Ensemble 1700
Ensemble 1700 © Sophia Hegewald

Ihr bevorstehendes Konzert in der Laeiszhalle im Dezember steht ganz im Zeichen der italienischen Weihnachtstradition. Wie bringen Sie diese Atmosphäre zum Klingen?

In unserem Konzert trifft der Klang vom Ensemble 1700 auf die Gruppe Pifari e Muse – und damit auf die volksmusikalischen Klänge der italienischen Pifferari. Das sind Hirtenmusiker, die traditionell in der Weihnachtszeit aus den Bergen in die Städte ziehen, um zu musizieren. Diese auch heute noch lebendige Tradition hat bereits Komponisten wie Arcangelo Corelli inspiriert: In seinem Weihnachtskonzert »Fatto per la notte di Natale« hat er den Klang der Pifferari aufgegriffen. Wir bringen diesen Klang jetzt zurück in unseren – denn die Pifferari spielen tatsächlich mit uns zusammen. Das macht noch klarer, was diese Musik ursprünglich ausdrücken wollte.

Wie kam es zu der Idee für dieses Programm?

Die Initialzündung war der Wunsch eines Veranstalters nach einem besonderen Weihnachtskonzert. Ich wollte die pastorale, italienische Weihnachtstradition beleuchten und die volkstümlichen Farben darin hörbar machen – mit meinem Ensemble, mit Pifa, Dudelsäcken, Fiedel und Drehleier. Dann kam allerdings Corona, das Konzert wurde abgesagt. Aber wir haben stattdessen eine Aufnahme gemacht – die dann ein großer Erfolg wurde. Seitdem spielen wir das Programm regelmäßig, und es entwickelt sich stetig weiter. Es ist ein bisschen wie ein Fass ohne Boden. Die Blockflöte ist ja selbst ein pastorales Instrument – dieses Repertoire ist mir quasi auf den Leib geschneidert.

Ist das Ensemble 1700 ebenso tief in der deutschen barocken Klangtradition verwurzelt wie die Pifari e Muse in der italienischen Volksmusik?

Ich würde sagen, ja – wir sind Kinder der historisch informierten Aufführungspraxis. Unser Ensemble ist in Köln beheimatet, wo viele bedeutende Alte-Musik-Ensembles ihren Ursprung haben, wie Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel. Ich selbst habe in Amsterdam bei Walter van Hauwe studiert, einem Schüler von Frans Brüggen, der das Orchester des 18. Jahrhunderts gründete. Und ich habe viele Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt gehört – auch wenn das eher die österreichische Linie ist. In den 1960er Jahren begann diese Bewegung der Orchester hin zur historischen Aufführungspraxis: mit Nachbauten von historischen Instrumenten sowie Fragen der Spielpraxis. Denn die Partituren allein geben nicht viele Informationen her. Als Leiterin muss ich erstmal entscheiden, wie etwa der Basso Continuo besetzt wird und wie darüber improvisiert wird, wie die Phrasen verziert werden und welche Klangwelt das Werk hat. Der Siegeszug der historischen Aufführungspraxis, der in den 1970er Jahren so richtig Fahrt aufnahm, hat mich sehr inspiriert und prägt auch das Klangbild des Ensembles 1700.

Ensemble 1700: Italienische Weihnachten

Jetzt reinhören!

Diese Entscheidungen unterscheiden sich natürlich zwischen den einzelnen Ensembles, die sich der historischen Aufführungspraxis verschrieben haben. Gibt es denn so etwas wie nationale Schulen?

Ja, man spricht oft von unterschiedlichen Schulen. Man hört sofort, ob jemand aus der Schola Cantorum in Basel kommt oder der niederländischen Schule entstammt. Ich selbst bin eine Art Mischung: Ich habe in Köln studiert, mit der Cappella Coloniensis und bei Günter Höller in der Tradition von Reinhard Goebel, der Barockmusik sehr rhythmisch begreift. In Holland habe ich dann eine klanglich extrem feine Herangehensweise kennengelernt – man geht dort quasi mikroskopisch in den Ton hinein. Johann Joachim Quantz sagte ja: Jeder Ton soll sein eigenes Forte und Piano haben – eine hohe Tiefenschärfe. Diese Flexibilität habe ich in den Niederlanden gelernt. Am Ende habe ich auch bei Pedro Memelsdorff studiert, der viel über Mittelaltermusik geforscht hat. Dieses Wissen um die Ursprünge der Musik prägt meine Arbeit bis heute. Wenn ich etwa Beethoven dirigiere, sehe ich sehr klar, was er aus der Barockmusik übernommen hat – zum Beispiel die rhetorischen Figuren – und was daran revolutionär neu ist. Und genau diesen Verbindungen auf der Bühne nachzufühlen und zu vermitteln, ist meine Intention.

Wie sehr beeinflusst umgekehrt Ihre Auseinandersetzung mit der Musik nach dem Barock Ihre Sicht auf Alte Musik?

Wenn ich Barockmusik spiele, weiß ich, wohin sich der Stil weiterentwickelt hat. Das ist sehr interessant. Die Auseinandersetzung mit späterer Musik schärft meinen Blick dafür, wie der Stil zu jener Zeit war, weil ich weiß, wie er anschließend nicht mehr war. Es führt mich noch klarer in die Sprache der damaligen Zeit hinein und hilft mir, den ursprünglichen Ausdruck dieser Musik zu verstehen.

Ihr Ensemble existiert seit über 20 Jahren. Welche Entwicklungen zeichnen sich gerade ab – und wohin könnte die Reise gehen?

Mich interessiert sehr, Konzerte auch visuell spannend zu gestalten, manchmal sogar historisch animiert. Ein großer Fokus liegt auf der Wiederentdeckung vergessener Werke – und auf ihrer theatralischen Umsetzung. Auch das pastorale Programm in der Laeiszhalle ist wie eine Mini-Oper gedacht: Matthias Brandt wird Texte lesen; Musik, Sprache und Theater verweben sich zu einem Gesamtkunstwerk. Für die Zukunft kann ich mir gut vorstellen, noch mehr neue Werke für das Ensemble komponieren zu lassen. Ich selbst spiele ja viele Uraufführungen. Wir sind zwar Kinder der historischen Aufführungspraxis, aber wir leben im Hier und Jetzt und möchten mit diesen tollen Barockinstrumenten auch etwas Neues schaffen.

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