BRad Mehldau

Brad Mehldau im Portrait

Essayist auf allen Tastaturen: Der Pianist Brad Mehldau nimmt die Klassik nicht weniger wichtig als den Jazz.

Text: Tom R. Schulz, November 2025

Hamburg nimmt im limbischen System von Brad Mehldau, der seit Jahrzehnten mit seiner improvisierten Musik die Welt bereist, einen unverrückbaren Platz ein, aus sehr vielfältigen Gründen. Der nobelste heißt Johannes Brahms. Mehldau liebt den spröden Hamburger für den harmonischen Reichtum seiner Musik, für den dichten, mächtig untergründigen Flow seiner auf norddeutsche Art kaschierten Emotionen. Brad und Brahms, das sind des mots qui vont très bien ensemble, wie Michelle und ma belle bei Lennon/McCartney. Letztere sind zwar nicht wie Brahms in Hamburg geboren, wurden aber bekanntlich auf Sankt Pauli erwachsen. Auch die Musik der Beatles liebt Mehldau sehr. Er hat sie ebenso intensiv studiert und dabei um- und umgewendet wie die Klavierstücke, Intermezzi, Lieder und Sinfonien von Brahms.

Gute Gründe in Serie für ein detailliertes Hamburg-Bild im persönlichen Erinnerungsalbum sammelt der 1970 geborene Amerikaner spätestens seit seinem gefeierten Trio-Debüt im Kleinen Saal der Laeiszhalle 2009. Danach hat er dort auch solo gespielt und Duokonzerte gegeben, mit der Liedsängerin Anne-Sophie von Otter, dem Saxofonisten Joshua Redman und dem Mandolinenvirtuosen und Sänger Chris Thile.

Kaum war die Elbphilharmonie eröffnet, konzertierte Mehldau als erster Pianist überhaupt allein im Großen Saal, zwei Tage vor dem ersten Big name der Klassik. Das neue Konzerthaus gab damit zu verstehen, dass es den Jazz nicht weniger wichtig nehmen werde als die Klassik. Was insofern ein überschaubares Risiko blieb, als Mehldau die Klassik nicht weniger wichtig nimmt als den Jazz. Mit seinem mutigen Alleingang in dem brandneuen, in seinen akustischen Verhältnissen für Soloklavier noch unerprobten Saal und mit jedem weiteren Auftritt im Haus festigte Mehldau auch in Hamburg seinen Ruf, der Welt bester Jazzpianist zu sein, was immer man von solchen Zuschreibungen halten mag.

»Reflektor Brad Mehldau« :12.–15.3.2026

The jazz pianist Brad Mehldau in all his artistic facets: as a soloist, in a duo, with big band and an orchestra – he shows himself to be a gifted interpreter, composer and improviser.

Brad Mehldau
Brad Mehldau Brad Mehldau © Daniel Dittus

Unvergessen bleibt insbesondere ein Triokonzert am 12. März 2020. Der Abend im Großen Saal mit Mehldau und seinen Begleitern Larry Grenadier (Bass) und Jeff Ballard (Schlagzeug) war wie durchgefärbt in jenen Blautönen, die sich über Herz und Seele legen, wenn im Verlauf eines Songs aus Dur plötzlich und leise Moll wird. Mehldau liebt diesen Effekt ohnehin. Den Musikern war unversehens die Aufgabe zuteil geworden, im Großen Saal gewissermaßen das Licht auszumachen – der erste Corona-Lockdown stand vor der Tür. Der Saal war schon nur mehr zur Hälfte besetzt. Viele, die Karten gekauft hatten, waren entweder aus Angst vor Ansteckung zu Hause geblieben oder hatten gar nicht mehr damit gerechnet, dass das Konzert überhaupt noch stattfinden würde. Ab 13. März war dann tatsächlich auf viele Monate hinaus Schluss.

Als letzte Zugabe spielte das Mehldau Trio eine wehmütig-beschwingte Version des zum Jazz-Standard gewordenen Musical-Songs »My Favorite Things«. Das Lied steht im Dreivierteltakt und hat ursprünglich einen vergnügten Text. Da werden allerlei unzusammenhängende Dinge aufgezählt, die die Hauptfigur des Musicals besonders mag und an die es sich ihrer Empfehlung nach zu denken lohnt, wenn, wie es im Refrain heißt, der Hund beißt, die Biene sticht und man traurig ist. Denn dann gehe es einem gleich wieder besser. Mehldau, (auch) ein Denker am Klavier, ist viel zu klug, als dass er diesen tröstlichen Jazzwalzer zum Abschied rein zufällig ausgewählt hätte. Manche, die an diesem Abend dabei waren, wird der Song durch die nächsten Tage und Wochen im Stillen begleitet haben.

Brad Mehldau Trio in der Elbphilharmonie, 12. März 2020 Brad Mehldau Trio in der Elbphilharmonie, 12. März 2020 © Philipp Seliger
Brad Mehldau Trio in der Elbphilharmonie, 12. März 2020 Brad Mehldau Trio in der Elbphilharmonie, 12. März 2020 © Philipp Seliger
Brad Mehldau Trio in der Elbphilharmonie, 12. März 2020 Brad Mehldau Trio in der Elbphilharmonie, 12. März 2020 © Philipp Seliger

Nach vielen weiteren Konzerten in der Elbphilharmonie – im Kleinen Saal auch mit eigenen Liedern, gesungen vom britischen Tenor Ian Bostridge – folgt Brad Mehldau in der Saison 2025/26 der Einladung des Hauses, ein »Reflektor«-Festival in der Elbphilharmonie nach eigenem Gusto zu gestalten. Dabei nimmt er unübersehbar Bezug auf den Hauptverwendungszweck der Elbphilharmonie als klassisches Konzerthaus. Mit der Hamburger Camerata führt er seine beiden Werke für Klavier und Orchester auf, die den Gestus von Gershwins »Rhapsody in Blue« schwungvoll und eigenständig ins 21. Jahrhundert fortschreiben. Durch die »Variations on a Melancholy Theme« geistert auch sein Hamburger Idol; bei diesem Stück, schreibt Mehldau, stelle er sich vor, Brahms erwache eines Morgens und habe den Blues. Dem exquisiten Arrangeur Darcy James Argue vertraut Mehldau eigene Stücke zur Bearbeitung für Bigband an; mit seinem langjährigen Bass-Buddy Christian McBride gestaltet er ein Duo-Konzert, das ein Fest hochintelligenten und virtuosen Swingens werden dürfte. Und auch ein Solokonzert gibt es natürlich, aber anders als sonst: »14 Rêveries« heißt das Programm aus weitgehend auskomponierten Stücken für Klavier allein, bei denen sich Mehldau noch mehr als sonst ganz auf die Feinheiten der Interpretation verlegen kann, als wären es Stücke von Schumann oder Brahms. Sie sind aber alle von ihm.

Geschmacksrichtung Bittermandel

In »The Long Goodbye«, dem letzten Kapitel seines kürzlich erschienenen Buchs »Formation. Building a Personal Canon Part One«, widmet Mehldau einem weniger schönen Souvenir an Hamburg drei karge Absätze. Da geht es um eine Reminiszenz an die Zeit vor 30 Jahren, als er heroinabhängig war. Es zieht einem beim Lesen das Herz zusammen: Heroin und Jazz – war das nicht lange vorbei? Man denkt an all die Suchtkranken aus der ersten Liga des Jazz der Vierziger, Fünfziger, Sechziger – Charlie Parker, Philly Joe Jones, Billie Holiday, Miles Davis, Chet Baker, Bill Evans und wie sie alle hießen. Von ihrem Drogenkonsum weiß man vieles, doch kaum etwas aus erster Hand. Keiner der luziden Junkies des Jazz hat auch nur ansatzweise so schonungslos und präzis von seiner Sucht Zeugnis abgelegt, wie Brad Mehldau dies in seinem Buch tut. Im Vorwort weist er eindringlich darauf hin, dass die Heroinsucht seine Musik kein bisschen besser oder tiefer gemacht habe.

Die Dämonen der Selbstzerstörung, mit denen er bis zum erfolgreichen Entzug 1996 in einem ebenso hingebungsvollen wie kräftezehrenden Tanz gerungen hat, geistern dennoch unüberhörbar durch Mehldaus Spiel. Unter seinen Händen, die immer so nah an der Klaviatur bleiben, als sei jede der 88 Tasten einer jener metaphorischen Strohhalme, an die sich ein Ertrinkender klammert, können einzelne Töne oder Akkordverbindungen plötzlich unglaublich verlassen klingen, bodenlos traurig, einsam, pechschwarz verschattet. Immer wieder wird die Stille, in die man sich zum Lauschen seiner Improvisationen gern versenkt, unvermittelt das, was sie eigentlich gar nicht werden kann: noch stiller. Manchmal setzt er sich auch dem anderen Ende der emotionalen Skala aus. Dann ahnt man innere Kämpfe bis aufs Messer. Es ist ein Mysterium, wie souverän Mehldau sein musikalisches und pianistisches Können in den Dienst solcher emotionalen Extreme zu stellen vermag. »Ich kenne niemanden«, sagt Chris Thile über seinen Musikerfreund, »bei dem der Weg vom Verstand zum unmittelbaren Ausdruck so unverstellt ist wie bei ihm«.

Ab einem gewissen Alter sei jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich, schreibt Albert Camus. Der Satz wirft ein brutal klares Licht auf das eigene Zutun bei dem, was dem erwachsenen Menschen im Leben widerfährt. Er ist oft auch brutal ungerecht. Was, wenn das, was in einem Gesicht Spuren hinterlässt, in die Lebenszeit vor der Eigenverantwortung des Menschen fällt? Schaut man Fotos von Brad Mehldau an oder gleich ihn selbst, wie er sich beim Klavierspielen mit zerfurchtem Gesicht und weit herabgezogenen Mundwinkeln so tief in die Tastatur hineinbeugt, als gälte es, in ihr zu verschwinden, dann meint man, in diesem Anblick neben den Leidenserfahrungen seines jungen Erwachsenenlebens auch die Urwunde des abgewiesenen Kindes gespiegelt zu sehen, das sich, so liebevoll die neuen Eltern es auch annehmen, nur einen Vers darauf machen kann, weshalb seine biologischen Eltern es zur Adoption freigaben: Es muss zutiefst unliebenswert gewesen sein, dieses Kind. Genau der geborene Loser, als den es die reizenden Klassenkameraden an der Grundschule in Bedford, New Hampshire, auch bald identifizieren und entsprechend rufen werden. Heranzuwachsen ist selten ein Zuckerschlecken. Bei Brad Mehldau war es mehr die Geschmacksrichtung Bittermandel.

»Elphilharmonie Talk« mit Brad Mehldau

Doch es gab da noch Mel Subulkin, seinen ersten Klavierlehrer, ein offenbar gewiefter Musikant Marke Hotelpianist. Er ermunterte den jungen Schüler, gleich die ersten Stücke, die er zu spielen lernte, mit selbst ausgedachten Verzierungen zu versehen. Improvisatorische Freiheit öffnete sich also früh, ebenso ein Gefühl dafür, dass die eigene Innenwelt der eigentliche Resonanzraum der Musik ist, erst recht für unfreiwillige Einzelgänger wie ihn. Das erste Idol aus Brads Kindertagen war Billy Joel, der sich, eigene Lieder singend, als »Piano Man« mit vollgriffigen Akkorden selbst am Klavier begleitete. Musik von ihm und vielen anderen hörte der Junge aus dem Radiowecker, im Autoradio, in den Sommern seiner Kindheit auch aus dem Transistorradio des Bademeisters im lokalen Freibad. »Ich rieche immer noch das Chlor und spüre den heißen Zement und die warme Sonne, wenn ich Songs aus dieser Zeit höre«, schreibt Mehldau. »Ich kriege auch sofort wieder dieses tolle, vorfreudige Gefühl im Bauch, wenn der Song losgeht.«

Billy Joel: Piano Man

In den Siebzigerjahren spross die populäre Musik in viele aufregende Richtungen auf einmal. Das Festival in Woodstock hatte gerade erst den ganzen Reichtum der Musik einer neuen Generation in einem gigantischen Happening präsentiert. Die Beatles waren noch nicht ganz Geschichte, und ständig kam musikalisch Aufregendes und Neues in die Welt, aus den USA ebenso wie aus England und Kanada: Led Zeppelin, Deep Purple, die Eagles, The Grateful Dead, all die großen Singer/Songwriter. Progrock-Bands wie King Crimson, Genesis, Rush, Emerson, Lake & Palmer und Yes. Funk, Soul und R’n’B von Stevie Wonder bis Marvin Gaye. Und der Jazz versuchte, sich kraft der Fusion mit Rockmusik die Deutungshoheit über die populäre Musik zurückzuerobern. Bis schließlich Punk und New Wave am Ende der Dekade alles allzu wohl Gesetzte und frickelig Gewordene in fröhlichem Zorn in Schutt und Asche legten.

Für stilpluralistisch aufgelegte Menschen gab es musikalisch keine bessere Dekade. Dieses unerschöpfliche Quellmaterial seiner frühen musikalischen Erfahrungen speist Mehldaus Schaffen bis heute und macht seine Interpretationen von Popsongs absolut authentisch – so klug er die Originale rhythmisch, harmonisch und melodisch auch auflädt und mit dem blitzend geschärften Besteck des Jazzmusikers filetiert. Egal, ob er Lennon/McCartney neu deutet oder Nirvana, Songs von Nick Drake, Radiohead oder, wie zuletzt in einer wunderbaren Hommage, von Elliott Smith (»Ride Into The Sun«): Immer kriecht Mehldau tief hinein in die Seelenkammern dieser Songs. Auch ihre emotionale Kraft liegt bei ihm in guten Händen.

Rare Doppelbegabung

Nach dem Umzug der Familie Mehldau nach West Hartford in Connecticut vermittelt Ruth Hurwitz, Klavierlehrerin Nummer zwei, dem begabten und motivierten Jungen von zehn Jahren das technische Rüstzeug, mit dem er auch an klassischen Stücken wachsen kann. Seine Fortschritte müssen rasant gewesen sein. Sommerkurse bringen ihn mit anderen jungen Musikern in Kontakt, mit High-End-Klassik ebenso wie mit wegweisenden Platten von John Coltrane und Miles Davis. Mit 18 zieht er nach New York City, wo er dank eines Stipendiums an der New School for Social Research in Manhattan einen Studienplatz für Jazz bekommt. Mehldau schildert die Jazzszene seiner neuen Heimat ab den späten Achtzigern, in der er bald selbst eine Rolle spielt, sehr lebendig und persönlich. Gleichzeitig lernt man eine Menge über den Jazz im Allgemeinen und seine jüngere Geschichte im Besonderen.

Als Autor dieses Buchs, dem irgendwann Part Two folgen soll, offenbart Brad Mehldau, wie auch in den vielen selbst verfassten Liner notes und Texten zum Zeitgeschehen, die er auf seiner Homepage einstellt, eine ebenso rare wie hohe Doppelbegabung aus Musik und Schreiben. Spätestens über den Umweg über seine Texte wird klar, was Mehldaus Improvisationskunst so besonders macht: Auch sie ist das Ergebnis gründlichen, gedanklich-emotionalen Suchens nach einer belastbaren künstlerischen Wahrheit fernab jener vermeintlich flüchtigen Kunst des Augenblicks, mit der man die Improvisation oft assoziiert. Was wir von ihm lesen und hören, sind Erzeugnisse desselben suchenden Geistes, der sich mit dem Naheliegenden nie zufriedengibt. Brad Mehldau ist vielleicht der erste Musiker im Jazz, der die Kunst des Essays auf der Tastatur seines Computers ebenso gut beherrscht wie auf der Klaviatur des Flügels.

 


Dieser Artikel erscheint im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 1/26)

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