Sarajevo

Elegie am Balkan

Sevdalinka und Rembetiko sind die melancholischen National­genres Bosnien-Herzegowinas und Griechenlands.

Text: Stefan Franzen, 4. August 2025

 

Zustände von Wehmut, Melancholie, Nostalgie werden in vielen Kulturen besungen. Es ist in Mode gekommen, solche Musik dann als den »Blues« der jeweiligen Länder zu bezeichnen. Aber ergibt das Sinn? Die Befindlichkeiten eines Volkes und die historischen Voraussetzungen für die Entwicklung eines Musikstils sind doch sehr verschieden. Schon deshalb ist der notorische Rückgriff auf den Vergleich zum afro-­amerikani­schen Blues zu einfach. Ein wenig erinnert es an die beliebte Praxis, einen Musiker »den Jimi Hendrix seines In­struments« zu nennen, nur weil er besonders virtuos spielt oder gewagte Techniken beherrscht.

In der Musik Bosnien-Herzegowinas heißt das melancholische Nationalgenre Sevdalinka, und es wurde 2024 sogar von der UNESCO in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Das Wort ist abgeleitet vom allgemeinen Begriff für die Folklore, »sevda«, etliche ex-jugoslawische Völker haben es als Lehnwort aus dem Türkischen stibitzt. Dort bedeutet es Leiden­schaft, sehnsüchtige Liebe, und auch bei den Bosniern steht das Wort heute für das Schmachten. Dass »sevda« (auch »sevdah«) wiederum so sehr dem Klang der portugiesischen »saudade«, der Bezeichnung für den dortigen Wehmutszustand ähnelt, ist kein Zufall. Das Wort hat seinen Vorläufer im arabischen Kulturraum, wurde dort und im Osmanischen Reich unter Medizinern verwendet: »Saudā« entspricht dem griechischen »melas cholé«, der schwarzen Galle, und die war ja nach alter Vorstellung für die Traurigkeit, für den »Blues« zuständig.

Balkanhalbinsel
Balkanhalbinsel © Wikimedia Commons

Nach so viel Etymologie jetzt aber ein Blick auf die Musik. Zeugnisse über die Sevdalinka reichen über 500 Jahre zurück; das Genre hat sich sowohl aus osmanischen Einflüssen als auch den Mitbringseln der aus Spanien geflüchteten Sepharden entwickelt. Ein italienischer Rei­sender gibt bereits im späten 16. Jahrhundert Zeugnis ab vom Hören »trauriger Lieder«. Frühe Formen beschäf­tigten sich mit verbotener Liebe und verblichenen Geliebten. Diese Themen blieben, wobei die Liebe auch aus der ­Perspektive weiblicher Sexualität besungen und hin und wieder von ihren komischen Seiten her beleuchtet wird. Im Allgemeinen sind die Lieder langsam, besitzen eine komplexe Melodie mit Ausschmückungen. Die Reibungen darin, das Ziehen der Tonhöhe kann als verwandt mit den »blue notes« der Afroamerikaner empfunden werden, auch wenn die Skalen selbst nicht pentatonisch wie im Blues aufgebaut sind.

Mit dem Aufkommen des Radios und der Schall­platte nahm die Sevdalinka einen großen Aufschwung, und die heute übliche Band-Besetzung kristallisierte sich heraus: Am wichtigsten ist das Akkordeon, dann Geige, Akustikgitarre, Bass und Schlagzeug, ab und zu auch Flöte und Klarinette. Die bedeutendste Sevdalinka-Band der Neuzeit ist zweifelsohne die Mostar Sevdah Reunion, deren Entstehen wesentlich mit den Nachwehen des Jugo­slawienkriegs von 1991 bis 2001 zu tun hat.

 

Mostar
Mostar © Wikimedia Commons

 

Nachdem die Stadt Mostar mit ihrem weltberühmten Wahrzeichen, der alten Bogenbrücke »Stari most« über den Fluss Neretva, 1993 im Krieg zerstört worden war, hat sich eine große Lethargie auf die Einwohner gelegt. Der Musikproduzent Dragi Šestić nimmt Lieder auf einer Kassette auf, um seinen Schmerz zu zähmen, und schwört sich, nach Kriegsende die Sevdalinka international bekannt zu machen. Schließlich lässt er aus den baulichen und seelischen Trümmern 1999 ein Bandprojekt erstehen, das in Mostar und darüber hinaus hilft, die Wunden mit Musik zu heilen. Dafür holt er sich ganz unterschiedliche Sängerinnen und Sänger an Bord, etwa den König der Roma-Musik, Šaban Bajramović, oder Sevdalinka-Diven wie Ljiljana Buttler und Amira Medunjanin. Im Laufe ihrer mittlerweile 25-jährigen Geschichte hat die Mostar Sevdah Reunion die Sevdalinka rundum mit einem frischen Anstrich versehen. Die melancholischen Lieder paart sie in ihrem aktuellen Programm »Bosa Mara« mit schnelleren Tänzen, mit Jazz und mit Ausflügen ins Kosovo, nach Albanien und Kroatien. Aktuelle Sängerin ist Antonija Batinić, die auch rockige Anleihen in ihre ornamentalen Gesangslinien einbaut.

Seine Gefühlslage hat der in die Niederlande ausgewanderte Band-Initiator und -Produzent Šestić 2013 bei der Veröffentlichung des Albums »Tales From A Forgotten City« erläutert, das er den Poetinnen und Poeten Mostars widmete: »Jedes Mal, wenn ich ein paar Tage in Mostar verbracht habe, überfällt mich Melancholie. Ich werde mir klar darüber, dass es heute nicht mehr die gleiche Stadt ist, die ich in meinen Gedanken gespeichert habe, von der ich träume, wenn ich mich Momenten der Nostalgie hingebe.« Und so hat die Sevdalinka nach dem Krieg eine weitere Facette der Wehmut hinzugewonnen: die der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, des Exils. In diesem Punkt hat sie eine Schnittmenge mit dem Blues der deportierten Afroamerikaner. Und übrigens auch mit der Saudade, die ja nicht nur verlorener Liebe nachtrauert, sondern in der immer auch die unwiederbringliche Größe Portugals als Weltmacht mitschwingt.

Mostar Sevdah Reunion: Bosa Mara

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Mostar Sevdah Reunion
Mostar Sevdah Reunion Mostar Sevdah Reunion © Marin Margeta

Von der Sevdalinka zum griechischen Rembetiko

Dieses Trauern um verlorene Größe und Heimat ist auch die Wurzel des griechischen Rembetiko. Er ist das musikalische Ergebnis der Vertreibung von mehr als einer Million Griechen aus Kleinasien 1922: Das Osmanische Reich hat den Ersten Weltkrieg verloren, wehrt sich gegen den Beschluss der Siegermächte, die türkischen Gebiete einzuschrumpfen. Um die Gebiete an der Ägäis zu halten, sollen die dort in großer Zahl siedelnden Griechen und Armenier vertrieben werden. Beim großen Brand von Smyrna (heute Izmir) im September 1922 werden deren Viertel vollständig zerstört. Die überlebenden Griechen fliehen auf die westliche Seite der Ägäis. So gelangt ihre sehr orientalisch geprägte Musikkultur, die auch Einflüsse aus den jüdischen Gemeinden der Stadt aufgesogen hat, aufs griechische Festland.

Bouzouki
Bouzouki © Wikimedia Commons

Während in Smyrna und im osmanisch-jüdisch geprägten Thessaloniki die Lieder in den »Café Amans« mit Begleitung von Violine, Oud und der Kastenzither Santur dargeboten worden sind, entwickelt sich unter den verelendeten Flüchtlingen vor allem im Hafen von Piräus eine schwermütigere Musik: In Haschhöhlen und Gefängnissen, im Reich der Gauner, Seeleute, Hafenarbeiter und Prostituierten macht sich Perspektivlosigkeit breit. Die Musiker dieses Milieus, die »Rebetes«, tragen ihre Verse mit brüchiger Stimme lediglich zur Begleitung von Bouzouki und ihrer kleineren Variante, der Baglamas vor. Dieser ursprünglich orientalisch geprägte Gesang vermischt sich nun mit westlichen Tonarten zu einem faszinierenden, ­ambivalenten Klanggeflecht, dem Rembetiko. Ein Ausdrucks­medium der Benachteiligten, Vertriebenen: Das ist die Gemeinsamkeit zum Blues in den USA, dazu auch die Kargheit der Instrumentierung und die schmerzens­reiche Stimmgebung. Das urbane Umfeld allerdings unterscheidet ihn vom frühen Blues. Bis heute hat diese unter­gründige Musik, die während der Diktatur ab 1936 verboten war, immer wieder stilistische Wandlungen erfahren und sich im Laufe der Jahrzehnte nicht zuletzt der elektrifizierten Popmusik angenähert. Das wiederum ist eine Entwicklung, die auch der Blues von den ländlichen Gebieten hinein nach Chicago und andere Metropolen genommen hat.

George Dalaras

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Deutsche Soldaten am Parthenon 1941
Deutsche Soldaten am Parthenon 1941 Deutsche Soldaten am Parthenon 1941 © Bundesarchiv, Bild 183-L22515

Für diesen modernen Rembetiko steht George Dalaras, der selbst aus Piräus stammt. Schon in den 1960ern stand er auf der Bühne. Arbeitete nach dem Ende der Militärjunta mit Mikis Theodorakis, später auch mit internationalen Popgrößen von Paco de Lucía bis Bruce Springsteen, nahm weit über 50 Platten auf. Der Rembetiko spielt in den Facetten seiner Vita immer wieder eine große Rolle, und bei ihm ist er zu großer Liedermacherkunst mit ausgetüf­teltem Kolorit avanciert. Einem der Pioniere des Genres, Markos Vamvakaris, hat er 2004 ein ganzes Album gewidmet.

George Dalaras
George Dalaras © Jorgo Tsolakidis

Auch im Alter besitzt Dalaras’ Stimme noch die Kraft eines sanften, wendigen Tenors mit großzügigem Vibrato, der sich auch mal in kräftige Kehligkeit aufschwingt. Meist singt er mit geschlossenen Augen, inbrünstig und mit Pathos, aber selten affektiert oder prätentiös. Bei George Dalaras ist der Rembetiko von der Musik des Untergrunds, vom einfach instrumentierten Aufschrei der Unterschicht, zur Musik des ganzen griechischen Volkes, seiner Emigranten und der nicht-griechischen Fans auf dem ganzen Globus geworden. Und auch diese Univer­salität teilt er, bei allen Unterschieden, mit dem Blues von heute, der längst eine Weltsprache geworden ist.

 

Dieser Artikel erscheint im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 3/25).

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