Umgehört: Aus-Klang

Eine Frage, sieben Antworten: »Wann ist ein Ende endgültig – und wann braucht es eine Zugabe?«

Text: Ivana Rajič, 3. Juni 2026

 

Im Elbphilharmonie Magazin-Format »Umgehört« wird es ganz schön persönlich: Sieben Künstler:innen – ob komponierend oder musizierend, Pop oder Klassik – stellen sich einer Frage und offenbaren ihr (Innen-)Leben. Es geht um ein Mit- und Nebeneinander von unterschiedlichen Perspektiven auf umfassende Themen, die im Grunde genommen auch nur aus einzelnen subjektiven Erfahrungen zusammengesetzt sind. 

Diesmal geht es um das Thema »Ende«, das dem Internationalen Musikfest Hamburg in der Spielzeit 2025/26 als Motto vorangestellt ist. 

JUKKA-PEKKA SARASTE

Jukka-Pekka Saraste
Jukka-Pekka Saraste © Felix Broede

»Die Idee von Zugaben eignet sich vor allem für Gastorchester, die damit eine größere Bandbreite ihrer Möglichkeiten zeigen oder Musik präsentieren können, die sonst kaum auf den Konzertprogrammen steht«, sagt der finnische Dirigent Jukka-Pekka Saraste, der regelmäßig am Pult von Spitzenorchestern wie dem London Philharmonic Orchestra und dem Orchestre de Paris steht. »Dennoch habe ich meine Zweifel, ob man nach Sinfonien wie Mahlers Neunter oder Sibelius’ Vierter noch etwas spielen sollte – es sei denn, es gibt dafür wirklich gute Gründe.« In der laufenden Spielzeit ist Saraste gleich in zwei Konzerten in Hamburg zu erleben: im April am Pult des NDR Elbphilharmonie Orchesters, im Mai mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Beide Programme gipfeln in großen Sinfonien, von Piotr Tschaikowsky und Johannes Brahms. Ob man danach noch mit einer Zugabe rechnen darf, lässt der Finne offen: »Letztlich hängt alles davon ab, welches Gefühl man dem Publikum mit auf den Weg geben möchte, wenn es den Saal verlässt.«

Mari Fukumoto

Mari Fukumoto
Mari Fukumoto © Sonja Werner

Bei Werken wie Bachs Passionsmusiken oder Regers Choralfantasien, die in ihrer gedanklichen Tiefe und Geschlossenheit für sich stehen, verbietet sich für Mari Fukumoto jede Zugabe. »Da kann man nichts mehr hinzufügen«, sagt die vielfach ausgezeichnete Organistin. Und doch setzt sie ihre Programme bisweilen wie mit einem Postskriptum fort: mit einem Stück, das thematisch an das Gehörte anknüpft, oder mit »einem kleinen Witz, einem gemeinsamen Spaß – kurz und knackig«. Entscheidend sei für sie dabei der Austausch mit dem Publikum: »was ich während des Konzerts wahrnehme, und wie ich live darauf reagieren kann.« Ganz spontan lässt sich eine Zugabe an der Orgel allerdings kaum realisieren, dafür ist jedes Instrument zu individuell. Fukumoto denkt daher bereits über eine passende Ergänzung für ihr Konzert im Juni in der Elbphilharmonie nach: eine musikalische Reise ins All, unter anderem mit Gustav Holsts »Die Planeten« in farbenreichen Orgelbearbeitungen.

ROOTS REVIVAL / MEHDI AMINIAN

Mehdi Aminian
Mehdi Aminian © Georg Cizek-Graf

Roots Revival – der Name ist Programm: Seit seiner Gründung 2013 widmet sich das international besetzte Ensemble der Wiederbelebung und Weiterentwicklung unterrepräsentierter Musiktraditionen. Im Mai stellt es im Rahmen der Reihe »Lost Music« die Musik der Hazara vor, einer der größten ethnischen Gruppen Afghanistans. Auf Grundlage intensiver Recherchen und Gespräche mit Musikern aus der Region entstanden neue Arrangements, die das traditionelle Material weiterspinnen und zugleich Raum für Improvisation lassen. Für Mehdi Aminian, Multiinstrumentalist, Musikwissenschaftler und Gründer von Roots Revival, ist sie zentraler Bestandteil dieses Prozesses: »Improvisation ist Komposition im Moment.« Sie verlange Präsenz, Offenheit und die Bereitschaft, sich fallen zu lassen – allein oder im Zusammenspiel mit anderen. »Musik ist so immer eng mit dem Moment verbunden«, betont er, »eine Form von Meditation.« Gerade deshalb sei Improvisation für ihn »ein besonders schöner Abschluss für ein Konzert.«

VLADIMIR JUROWSKI

Vladimir Jurowski
Vladimir Jurowski © Simon Pauly

»Ich finde, es ist immer eine Frage des guten Geschmacks des Dirigenten oder der Dirigentin, welche Zugabe nach welchem Stück gegeben wird«, sagt Vladimir Jurowski. Bei großen Sinfonien wie Mahlers Fünfter oder Bruckners Vierter mag er selbst es »eher leise und langsam – zum Beispiel ein Vorspiel zum dritten Akt von Wagners ›Meistersinger von Nürnberg‹, weil es kurz ist, kathartisch und sehr beruhigend nach all den Strömen der Sinfonie.« Nach manch anderen Werken ist für Jurowski eine Zugabe jedoch ausgeschlossen, etwa nach Tschaikowskys »Pathétique« oder nach Hans Werner Henzes antifaschistischer Neunter, die sein Konzert mit dem RSO Berlin im Mai in der Elbphilharmonie beschließt. Henze schrieb sie in Ehrfurcht vor den Menschen, die Widerstand gegen das »Dritte Reich« geleistet haben. »Nach diesen Stücken ist aus ethischer und ästhetischer Sicht keine Zugabe möglich«, betont Jurowski. »Das wäre eine Blasphemie gegenüber der Idee des Komponisten.«

Schumann Quartett

Schumann Quartett
Schumann Quartett © Marco Borggreve

Weiß ein Komponist, dass ein Werk sein letztes sein wird? Und lässt sich der Musik Abschied oder Abgeklärtheit anhören? Das Schumann Quartett spürt diesen Fragen im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg nach. Die drei Brüder Mark, Erik und Ken Schumann widmen sich gemeinsam mit dem Bratschisten Veit Hertenstein den letzten Streichquartetten Ludwig van Beethovens und dem Schwerpunktkomponisten Hans Werner Henze. »Manche Werke sind so abgeschlossen, dass danach nichts mehr hinzugefügt werden muss – alles ist gesagt«, findet das aus Köln stammende Streichquartett mit Blick auf mögliche Zugaben. »Umso schöner ist es, wenn das Publikum uns spüren lässt, dass es noch bleiben möchte. Diese Resonanz nehmen wir dankbar auf und spielen dann gerne zum Beispiel eine Fuge von Bach, um nach einer emotionalen Reise gemeinsam zur Ruhe zu kommen.«

JULIAN PRÉGARDIEN

Julian Prégardien
Julian Prégardien © Chris Gonz

Bei Franz Schuberts »Die schöne Müllerin« ist das Ende besonders faszinierend, findet der Tenor Julian Prégardien, der den Liederzyklus gemeinsam mit dem Pianisten Kristian Bezuidenhout im Juni in der Elbphilharmonie aufführt. »Die vorherrschende Meinung lautet: Der Müller geht ins Wasser und macht seinem Liebesleid ein Ende«, sagt er. Historisch betrachtet jedoch verlief die Geschichte anders: »Im ursprünglichen Liederspiel ›Rose, die Müllerin‹ folgt die Müllerin dem Knaben in den Freitod.« Schuberts Zyklus selbst wirft außerdem die Frage auf, ob nicht die letzten beiden Lieder Zugaben sind und die Geschichte mit »Trockne Blumen« zu Ende geht: »Der Müller und der Bach sinnieren gemeinsam über das Erlebte, und das abschließende Wiegenlied beendet den Abend.« Dennoch hat Prégardien eine Zugabe gefunden, die er »manchmal entgegen der Tradition, nach einem Liederzyklus nichts mehr zu singen, aufführt: Das Lied ›Verfehlte Liebe‹ als ironischer Kommentar von Heinrich Heine, in Musik gesetzt von Hanns Eisler.«

FRANÇOIS JOUBERT-CAILLET

François Joubert Caillet
François Joubert Caillet © Jean Baptiste Millot

»Es gibt überhaupt kein Ende«, antwortet François Joubert-Caillet. Gefeiert wird der französische Gambenvirtuose vor allem für seine Wiederentdeckungen verborgener Schätze der Alten Musik sowie für genreübergreifende Projekte, mit denen er die Grenzen zwischen musikalischen Welten auflöst. »Auch wenn der Applaus verebbt und sich die Euphorie des Augenblicks legt, klingen die Echos außergewöhnlicher Konzerte weiter nach – manchmal für immer«, führt er seinen Gedanken fort. Ein zumindest außergewöhnliches Konzertprogramm präsentiert er gemeinsam mit der Sängerin und Musikologin Ghada Shbeir im Mai in der Elbphilharmonie: Frühchristliche aramäische Gesänge aus dem Libanon werden hier zu neuem Leben erweckt und von Joubert-Caillet auf seiner Viola da gamba begleitet. »Lost Music« heißt die Konzertreihe im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg, die bedrohten Musikkulturen Raum gibt – und sie im Sinne des Gambisten über den Moment des Konzerts hinaus weiterleben lässt.

 

 

Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (Ausgabe 2/26).

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