Produktion: 25. Februar 2026
Omer Meir Wellber, seit der Saison 2025/26 Generalmusikdirektor an der Hamburgischen Staatsoper, ist nicht nur Dirigent, sondern spielt auch Klavier und Akkordeon. Für seinen Beitrag zur Reihe der »Elbphilharmonie Sessions« kombiniert er beides: Das Akkordeon übernimmt den Gesangspart der Arie »Addio des passato« aus Giuseppe Verdis berühmter Oper »La Traviata«. Dazu begleitet Omer Meir Wellber sich selbst am Flügel, der im sonnendurchfluteten Foyer der Elbphilharmonie steht. Mit dem Akkordeon klettert der Multiinstrumentalist in die Dachkonstruktion des Großen Saals. Im Interview spricht er außerdem über seine erste Saison in Hamburg.
Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und Omer Meir Wellber sind regelmäßig in der Elbphilharmonie im Konzert zu erleben.
Über die Musik
»Lebewohl, ihr schönen, heiteren Träume der Vergangenheit!«, singt Violetta, die Hauptfigur in Verdis Oper »La Traviata«. Gerade hat sie erfahren, dass ihr verloren geglaubter Geliebter Alfredo zu ihr zurückkehren möchte – aber es ist zu spät. Schwer an Tuberkolose erkrankt, gibt der Arzt ihr nur noch wenige Stunden zu leben. Verdis hochemotionale Arie gehört zu den Höhepunkten der Oper und wird von Publikum und Sopranistin gleichermaßen herbeigefiebert.
Auf dem Akkordeon gespielt, wird die Vielseitigkeit des Instruments hörbar: Mit seinem großen Tonumfang kann Omer Meir Wellber mühelos die Höhen der Sopranstimme erklimmen, in der Einleitung aber auch einige Basstöne als Begleitung beisteuern.
Wie ist es möglich, gleichzeitig zwei Instrumente an zwei Orten zu spielen? Zauberkraft ist es nicht – das Akkordeon wurde zuerst aufgezeichnet, anschließend hört Wellber sich selbst über Kopfhörer und kann so passgenau die Klavierbegleitung einspielen.
Die Orte
Gleich zwei faszinierende Räume der Elbphilharmonie werden für diese Session in Szene gesetzt. Das Foyer des Großen Saals ist mit seiner Rundum-Verglasung, dem Panoramablick über die Stadt und den Hafen und den spannenden Sichtachsen zwischen den verschiedenen Etagen ein architektonisches Highlight für sich.
Für den Akkordeon-Part geht es in die Dachkonstruktion des Großen Saals. Das »Canopy« befindet sich direkt über der Saaldecke rund um den mittig hängenden »Reflektor«. Wie ein steiler Hügel aus Beton zieht es sich in eine der Dachspitzen des Hauses. Die besondere Form sorgt zusammen mit speziell beschichteten Stahlträgern für eine unwirkliche, beinahe außerirdische Atmosphäre.
»Mir ist wichtig, dass jemand, der zu uns kommt, nach dem Konzert eine andere Person ist als vorher.«
Omer Meir Wellber
Omer Meir Wellber
Omer Meir Wellber hat viele Talente: Er ist Dirigent, spielt Klavier und Akkordeon, was er gelegentlich auch im Konzert demonstriert, und er schreibt Bücher. Seit Beginn der Spielzeit 2025/26 ist der 1981 im israelischen Be’er Scheva geborene Multi-Musiker Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Begonnen hat seine Karriere 2008 als Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper in Berlin und der Mailänder Scala. 2010 wurde er in Nachfolge von Lorin Maazel Musikdirektor des Opernhauses von Valencia. Später war er als Erster Gastdirigent eng mit der Semperoper in Dresden verbunden sowie Chefdirigent des BBC Philharmonic in Manchester.
Meir Wellbers künstlerische Handschrift ist von einem bedingungslosen Ausdruckswillen gekennzeichnet, der auch Extreme nicht scheut, sowie von einem Faible für ausgeklügelte Programmgestaltungen. Als Musikdirektor der Volksoper Wien hat er die Auftragsoper »Alma« der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriffs uraufgeführt, als Musikchef am Teatro Massimo in Palermo verband er Viktor Ullmanns »Der Kaiser von Atlantis« mit Mozarts »Requiem«. Und auch in Hamburg machte er gleich zu Beginn seiner Amtszeit deutlich, dass er eigene Wege gehen möchte. Zum Beispiel mit dem unkonventionellen Musiktheaterprojekt »Die große Stille« und mit dem »ZeitSpiel« in den Philharmonischen Konzerten, in dem er Teile von klassischen Werken neu komponieren lässt. Meir Wellber sieht diesen Dialog von Vergangenheit und Zukunft als Einladung ans Publikum, »die Grenzen des Gewöhnlichen zu überschreiten und aus der Leichtigkeit des Spiels neue Perspektiven auf unsere Musikkultur, unser Denken und Sein zu gewinnen«.
Seit fast einem Jahr sind Sie Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters. Fühlen Sie sich denn schon ein bisschen zu Hause in der Stadt?
Meine neue Wohnung in Hamburg ist jetzt so etwas wie ein fester Wohnsitz, und das ist schon ungewöhnlich für mich. Mein Leben als Dirigent war bisher stark von Reisen geprägt. Ich genieße die Zeit zu Hause aber gerade sehr, die Wohnung hat sogar einen kleinen Garten. Außerdem fühle ich mich sehr willkommen geheißen von den Hamburger:innen. Ich müsste mich vermutlich ein Jahr lang nicht ums Abendessen kümmern, weil ich so viele Einladungen bekommen habe.
Die Präsentation Ihrer ersten Spielzeit stand unter dem Motto: »No risk, no fun«. Wann haben Sie denn so richtig Spaß beim Dirigieren. Oder ist Spaß zu oberflächlich?
Spaß ist nichts Oberflächliches – Spaß ist essenziell. Genau deshalb möchten wir mit unseren Konzerten in Hamburg eine besondere Atmosphäre für das Publikum schaffen.
Haben Sie ein Beispiel?
Im Dezember 2025 haben wir mehrere Sinfonien von Haydn im Konzert gespielt, von denen Detlev Glanert sich zu seiner neu komponierten »Sinfonia« inspirieren ließ, um Haydn mit dem Hier und Jetzt zu verknüpfen. Dieses Programm kann man nun als experimentell lesen, das stand für uns aber nicht im Vordergrund. Wir wollen kein Experiment unter Laborbedingungen, sondern ein gemeinsames Musikhören in einer Atmosphäre, die Spaß machen darf. Und ich muss sagen, das Publikum hat das direkt verstanden oder intuitiv gespürt. Wenn wir experimentieren, dann also nicht unter sterilen Laborbedingungen, sondern sozusagen auf dem Spielplatz.
Was meinen Sie damit?
Ein Spielplatz ist ein Raum, in dem es keine strengen Regeln oder Erwartungen gibt. Keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur das Hier und Jetzt. Es gibt Herausforderungen, aber die dürfen Spaß machen. Manchmal klappt das – und manchmal nicht. Und beides ist total okay. Tieferes Verständnis kann den Musikgenuss enorm erhöhen. Aber es ist bei guter Musik überhaupt keine Voraussetzung dafür, sie zu genießen, sich unterhalten zu lassen und daran Spaß zu haben. Manche meiner Programme haben zwar eine starke dramaturgische Idee, aber für das Konzert ist die unwichtig. Da müssen wir die Ideen in eine unmittelbare Erfahrung verwandeln.
Was sind denn Ihre Pläne, wo wollen Sie hin mit dem Philharmonischen Staatsorchester?
Hamburg ist so eine interessante Stadt und hat mit der Elbphilharmonie einen der bekanntesten Konzertsäle der Welt. Jetzt müssen die Menschen noch verstehen, dass es ein Orchester der Stadt gibt, und wofür es steht. Hier sehe ich noch Potenzial bei der Positionierung beim Publikum. Da geht es um das Image des Philharmonischen Staatsorchesters, es bekannter zu machen, nicht nur in Hamburg, sondern auch in Deutschland, Europa und der Welt. Die Voraussetzungen dafür sind sehr gut, wir spielen in der Elbphilharmonie, der Laeiszhalle, der Staatsoper und jetzt auch im Tivoli-Theater, das sind tolle Spielstätten. Alle Möglichkeiten liegen also auf dem Tisch, man muss nur wirklich groß denken!
Und wo wollen Sie musikalisch mit dem Orchester hin?
Da interessiert mich im Moment die Frage, wie wir unsere eigene Stimme finden können. Da spielen verschiedene Aspekte eine Rolle, zum Beispiel das Repertoire, die Programmgestaltung, die musikalische Qualität und natürlich der Klang. Was ich zum Beispiel nicht will, ist ein »generelles Espressivo«, wie mein Lehrer immer gesagt hat – und das war nicht als Kompliment gemeint.
Welches Klangideal schwebt Ihnen vor?
Etwas präziser, vielleicht etwas kleiner. Klang ist etwas extrem Persönliches und deshalb schwer zu beschreiben. Musik ist keine Physik oder Chemie, es gibt nicht immer klare Antworten. Wir können aber ein Phänomen in der Musikwelt beobachten, das sowohl positiv als auch negativ ist: Selbst ein mittelmäßiges Orchester spielt heute technisch besser als die Berliner Philharmoniker der 1930er-Jahren. Warum? Weil Musiker:innen heutzutage international hervorragend ausgebildet sind. Die Orchester spielen also auf einem Top-Level – aus einer technischen Perspektive. Schauen wir durch die Klang-Brille, ist es schon problematischer. Früher klang ein russisches Orchester anders als ein französisches, war die Ästhetik in Ostdeutschland anders als in Westdeutschland. Heute sitzen fantastische Musiker:innen aus 25 Nationen in einem Orchester. Wir haben also einige gute Dinge gewonnen, wir haben aber auch etwas verloren. Vielleicht können wir lernen, wieder an diese unglaublich schöne deutsche Klangtradition anzuknüpfen.
Wie klingt die denn?
Die Frage des deutschen Klangs ist eine wirklich große Frage. Es gibt interessante Bücher dazu. Furtwängler hat zum Beispiel sehr interessante Artikel über die Klangtradition geschrieben: Was ist Legato? Was ist Staccato? Welche Prioritäten haben wir? Beim Gewandhausorchester und der Staatskapelle Dresden kann man diese Tradition heute noch hören, aber auch das ist mit Worten schwer zu beschreiben. Wenn man es hört, versteht man es sofort. Ich kann ein einfaches Beispiel nennen, um zu erklären, was dahintersteckt. Als Roger Norrington Chefdirigent in Stuttgart war, hat er gesagt: »Ab heute spielen wir ohne Vibrato.« Ob diese Idee nun gut oder schlecht war, spielt keine Rolle, aber sie hat zu einer sehr starken klanglichen Identität geführt. Selbst ein so kleines Detail kann also einen großen Unterschied machen. Für mich wäre das allerdings nichts, weil es gegen meine Überzeugung geht: Eine dogmatische Lösung für eine kreative Idee finde ich problematisch.
Wie interpretieren Sie generell die Rolle des Dirigenten?
Wie bei jeder anderen Führungspersönlichkeit ist es die Frage, wie viel Verantwortung man übernehmen möchte, und wie man diese Verantwortung ausfüllt. Wenn das Orchester unsauber spielt, ist das mein Fehler. Ich bin sogar der Überzeugung, dass es meine Verantwortung ist, wenn ein Musiker einen Fehler spielt. Das hat fast eine philosophische Dimension, denn natürlich ist es nicht meine Schuld, wenn der Klarinettist ein Gis statt eines G spielt. Aber meine Auffassung der Rolle eines Dirigenten ist es, dass er für alles verantwortlich ist, zu hundert Prozent. Nicht nur, wenn etwas schön ist oder gut gelingt, sondern immer. Ein Dirigent kann auch nicht der Opa sein und nur die schönen Dinge machen, Geschichten vorlesen und kleine Geschenke mitbringen. Er muss immer der Vater bleiben. Deshalb habe ich meine anderen Verträge stark eingeschränkt, um mich voll und ganz auf diese Aufgabe in Hamburg zu konzentrieren.
Mit dem »ZeitSpiel«, im dem Sie Teile klassischer Werke neu komponieren lassen, haben Sie gleich am Anfang der Spielzeit 2025/26 klar gemacht, dass Sie neue Wege gehen möchten. Warum war Ihnen das so wichtig?
Für mich ist das mit der Frage verbunden: Ist das nur eine Provokation, oder steckt mehr dahinter? Wenn man so etwas nur in einem Konzert macht, ist es eine Provokation. Aber wenn man das regelmäßig macht, ist es quasi schon normal, eine andere Realität. Man lebt dann in einem anderen Raum, und dort gibt es andere Regeln, andere Ideen und eine andere Ästhetik. Das war Tobias Kratzer (dem Intendanten der Staatsoper, Anm.) und mir sehr wichtig: Das ist keine Provokation, das ist unser Leben, das sind unsere Ideen. Deshalb gibt es das »ZeitSpiel« nicht nur am Anfang der Spielzeit, sondern in jedem Philharmonischen Konzert. Es heißt nicht, dass wir nur bei dieser Idee bleiben wollen, sondern dass wir in den kommenden Spielzeiten immer weiter experimentieren möchten, mit immer neuen Variationen und Fassungen.
Noch einmal zurück zu Ihrem Motto: »No risk, no fun«: Riskieren Sie damit nicht, zumindest einen Teil des Publikums zu verärgern, weil der eine Erwartungshaltung hat, die jetzt auf einmal nicht mehr erfüllt wird?
Die Frage ist doch: Was für ein Publikum wollen wir haben? Mir ist wichtig, dass jemand, der zu uns kommt, nach dem Konzert eine andere Person ist als vorher. Klar, dafür müssen wir den richtigen Rahmen schaffen und gute Programme machen. Wir haben zum »ZeitSpiel« viel positives Feedback bekommen. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass nicht alle Rückmeldungen immer nur positiv sein müssen. In unserem Business gibt es da manchmal eine falsch verstandene »political correctness«: Wir sollten nicht versuchen, alle zu erreichen, um am Ende zu hoffen, dass wir einige für uns gewinnen, wie es bisher oft ist. Wir sollten vielmehr einige ermutigen, um am Ende alle zu erreichen.
Eines der großen Projekte, mit denen Sie die Menschen erreichen wollen, gibt es beim Internationalen Musikfest Hamburg 2026, nämlich Leonard Bernsteins »Mass«. Warum genau dieses Stück?
»Mass« und Bernstein stehen exakt für das, worüber wir eben geredet haben: Es geht Bernstein um die Suche nach dem Spaß im Ernsten, darum, seriös zu sein, aber nicht zu seriös, populär und gleichzeitig klassisch. Bernstein war der vielleicht berühmteste Mahler-Dirigent, er war aber auch derjenige, der die »West Side Story« geschrieben hat. Diese Diskrepanz muss man nicht verstehen, aber man muss sie zumindest akzeptieren. Und genau in diesem Zwischenraum arbeiten wir. Bernsteins »Mass« ist also so eine Art Blaupause unserer künstlerischen Ideen. Außerdem zeigt er uns mit diesem Werk, wie viel Schönheit es in der Welt gibt, selbst in der Religion, so kompliziert die Sache mit ihr manchmal auch ist. Bernstein nimmt den katholischen Messtext und kombiniert ihn mit Jazz, Gospel, Broadway, Tanz und einer Rockband. Und das deutet genau auf das Problem, das wir derzeit in Europa und der Welt zum Beispiel mit dem Islam haben. Das ist eine Religion, die gegen Interpretation ist. Und Bernstein zeigt uns, dass es keinen sakrosankten Text gibt, dass man alles interpretieren kann. Ohne Interpretation gibt es keinen Dialog mit Gott.
Musik war lange Zeit etwas, das die Menschen verbunden hat. In letzter Zeit erleben wir aber immer wieder das Gegenteil, etwa den Boykott mancher Länder beim Eurovision Song Contest oder die Ausladung des Israel Philharmonic in Gent. Hat die Musik etwas von ihrer Kraft verloren, Menschen zusammenzubringen?
Im Gegenteil! Musik hat eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit. 1942 hat Hitler Beethovens 9. Sinfonie zu seinem Geburtstag spielen lassen. Und 1989 hat Bernstein das gleiche Werk in Berlin dirigiert, als die Mauer fiel, und hat den Chor am Ende »Freiheit, schöner Götterfunken« singen lassen. Die Idee des Kunstwerks hat also überlebt, das ist doch sehr positiv.
Das Gespräch führte Bjørn Woll für das Elbphilharmonie Magazin 2/2026.
Produktion
Wolfram Nehls Sound Engineer
Alexander von Hörsten Sound Technician
Nils Kohstall Camera
Christoph Hertel Camera, Editing, Grading
André Nimz Technical Project Management
Robin Fischer, Stephan Meyer Technik
Zur Reihe
Für die Elbphilharmonie Sessions nehmen Künstler:innen exklusive Musikvideos in Elbphilharmonie und Laeiszhalle auf – manchmal auch abseits der Bühnen, an ungewöhnlichen Orten. Hier findet jeder Sound seine eigene Kulisse.

