»Ich fürchte, sie schmeckt nach dem hiesigen Klima – die Kirschen werden hier nicht süß«, kündigte der gebürtige Hamburger Brahms seine Vierte Sinfonie in e-Moll an. Dabei entstand sie immerhin im österreichischen Mürzzuschlag, nur rund 900 km nordöstlich von Fabio Luisis Geburtsstadt Genua. Vielleicht nicht »süß«, aber sehr wohl »reif« war ihm das Stück dennoch geraten! Was Brahms so alles aus dem scheinbar »einfallslosen« Intervall der Terz im Kopfsatz macht, wie er dann in der gewaltigen Passacaglia des 4. Satzes einer einzigen Akkordfolge immer wieder neue Aspekte abgewinnt: Alles wirkt, als wollte der Komponist in seiner letzten Sinfonie gewissermaßen die Summe seiner eigenen wie auch der historisch gewachsenen kompositorischen Mittel des Abendlandes ziehen.
»Das Beste, was ein Musiker haben muss, hat Dvořák.« Mit diesen Worten hatte Brahms einst einen bis dato außerhalb seiner Heimat völlig unbekannten Prager Kollegen an seinen international agierenden Verleger empfohlen – und Dvořák damit das Tor zur Weltkarriere geöffnet. 1876 kurz nach den von Brahms derart gerühmten »Klängen aus Mähren« entstanden, stammt das Klavierkonzert des Tschechen genau aus dieser aufregenden Durchbruchs-Phase mit betont »slawischer« Musik. Dennoch gehört es heute zu den weniger präsenten Werken auf unseren Konzertbühnen.<7p>
Möglicherweise fehlte manchem Pianisten die Möglichkeit zu virtuoser solistischer Entfaltung. Die hatte der gelernte Bratscher und passable Organist Dvořák zu Gunsten des gleichberechtigten Orchesterparts etwas in den Hintergrund treten lassen. Aber Francesco Piemontesi, der zuletzt mit Brahms’ Zweitem Klavierkonzert beim NDR EO beeindruckte, ist ohnehin kein Mann für die große Tastenlöwen-Show. Er sucht stets auch nach den poetischen, intimen Zwischentönen der Musik – und ist damit bei Dvořák goldrichtig! In der Mitte seines Klavierkonzerts steht ein kontemplativer Satz, dessen Dialog zwischen Horn und Klavier durchaus in die Klangwelt von Brahms entführt...