Text: Helmut Mauró, August 2026
Wenn man es ernst meint mit der Musik, wenn sie zu einem spricht, kaum dass man selber eine Sprache hat, beginnt man früh damit, sich einem Instrument anzuvertrauen. Der südkoreanische Pianist Yunchan Lim fängt mit sieben Jahren an, Klavier zu spielen. Das ist nicht mehr ganz früh, aber sicherlich nicht zu spät. Wenn man gerne übt. Lim übt bis heute gerne und viel. Das schafft Sicherheit nicht nur im Hinblick auf spieltechnische Erfordernisse, das ermöglicht es ihm, eine Klaviersonate von Mozart gleichermaßen virtuos wie leichtfüßig wirken zu lassen, mithin entrückt in schwebender Melancholie.
Konzert-Tipp
Yunchan Lim wird international als nächster großer Name des Klaviers gehandelt. Er debütiert am 1. Dezember mit Mozart-Sonaten in der Elbphilharmonie – und das gleich im Großen Saal.
Ein Vollblut-Musiker
Solche Fähigkeiten muss man lange trainieren, sie sind Folge einer höchst konsequenten Entwicklung. Der achtjährige Yunchan Lim lernt erst mal an der Music Academy of the Seoul Arts Center, bevor er mit 13 Jahren am Korea National Institute for the Gifted aufgenommen wird. Korea hat nach dem Vorbild der Sowjetunion ein flächendeckendes Musikschulsystem aufgebaut, das immer wieder große Talente hervorbringt. Selten aber so außergewöhnliche wie Lim. Er studiert in Seoul bei Minsoo Sohn, mit dem er später an das New England Conservatory in Boston wechselt. Mehrfach gewinnt er Wettbewerbe für junge Musiker. Inzwischen hat er bei Decca in Europa drei Alben veröffentlicht, darunter virtuose Chopin-Etüden und eine herrlich musikantische Einspielung von Bachs »Goldberg-Variationen«. Da geht einem das Herz auf, da spricht ein Vollblut-Musiker.
Durchbruch mit »Rach 3«
Das entscheidende Jahr aber ist 2022. Gerade 18 Jahre alt, kommt Lim nach Fort Worth, Texas, zur Van Cliburn International Piano Competition, einem der bestdotierten Klavierwettbewerbe. Als er dort am Finalabend das Podium der Bass Performance Hall betritt, auf dem schon das Orchester von Fort Worth wartet, ist er angespannt. Er weiß nicht genau, was ihn erwartet. Die Vorrunden hat er bravourös bewältigt, glänzte mit Chopin, Mozart, Skrjabin und Liszts »Études d’exécution transcendante«. Das hat sich bis nach China herumgesprochen. Dort übt der Nachwuchs seitdem wie verrückt Liszt-Etüden.
Dennoch, nun mit großem Orchester das schwierige Dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow zu bewältigen – das ist nochmal eine andere Herausforderung. Jeder Amerikaner kennt das Werk, es heißt hier schlicht Rach 3, und die strenge Jury wird ihm keinen Fehler verzeihen. Plötzlich bricht im Publikum ein Begeisterungssturm los, der den jungen Pianisten überrascht. Aber er behält die Nerven. Er ist ohnehin nicht der Strahlemann, der im Jubel der Fans badet. Sein Gesicht bleibt ernst, er verbeugt sich höflich, sitzt zwei Schritte später auf dem Klavierhocker. Fast schüchtern wagt er einen Seitenblick ins Publikum, rückt sich zurecht, schließt konzentriert die Augen, beugt sich leicht nach hinten und atmet tief durch.
Zwei Sekunden später entspannt sich seine Schulterpartie, er schaut auf zur Dirigentin Marin Alsop, die das Orchester in Gang setzt mit diesem leicht federnden Anfangsthema in unverwechselbarer Klangkombination: in den Geigen melancholisch abgetönt, im Fagott in tieferer Lage fast heiter dagegenhaltend. Lims Einsatz kommt prompt. Er schlägt sich nicht auf eine Seite, scheint die vermeintlichen Antipoden sogleich auf einen Nenner bringen zu wollen, changiert irgendwo dazwischen. Jedenfalls gehört er nicht zu jenem Typus des Solisten, der, koste es musikalisch, was es wolle, mit dem ersten Ton gleich den Saal erobern muss.
»Rach 3« im Finale von The Cliburn Competition
Yunchan Lim ist kein Exzentriker. Nicht im Leben und nicht auf der Bühne. Er schmiegt sich an und in den Orchesterklang, lässt dem Fagott weiterhin den Vortritt, schwimmt mit den Streichern, bleibt in der Deckung. Das könnte eine ziemlich langweilige Performance von Rach 3 werden – doch es ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Das Orchester zieht sich zurück, der Pianist prescht vor. Nicht übertrieben aggressiv, aber bestimmt, selbstsicher und mit wachsender Leidenschaft. Das Besondere: Lim behält immer ein instinktsicheres Gespür für die Bedeutung des Klangs, des intensiven Tons. Das leitet ihn sicherer durch die Partitur als Harmonie und Rhythmik, das ist der Kern seiner Klavierkunst.
Deshalb muss es für ihn auch nicht unbedingt ein Schlachtschiff von der Größe der Rachmaninowschen Klavierkonzerte sein, um sich zu entfalten, um sein Künstlertum auszuleben und den Hörer ganz nah an sich heranzulassen. Was in puncto Nähe so gar nicht dem Typus des asiatischen Musikers entspricht, wie man ihn bisher für gegeben hielt. Es hat sich da allerdings vieles weiter und anders entwickelt; beim großen Busoni-Wettbewerb in Bozen erlebte man voriges Jahr den Umbruch hautnah. »Es geht jetzt nicht mehr darum«, sagte da der gerade einmal 16-jährige chinesische Wettbewerbsteilnehmer Zhonghua Wei, »ein perfekt designtes Produkt zu erarbeiten, sondern auch seine persönlichen Gefühle sprechen zu lassen, die Musik aus ihnen heraus zu entwickeln.«
Vielleicht wäre es umgekehrt sinnvoller, aber man kann sich mit dem Komponisten auch irgendwo in der Mitte treffen. Diesen Eindruck hat man bei Yunchan Lim allemal. Er sucht die Nähe zum Komponisten, er fahndet nach dem Geist des Stücks, dem emotionalen Grund, verfolgt im Spiel neugierig die komplexen Entwicklungen und ist dabei oft gleichzeitig mittendrin und außen vor. Als beobachte er sich selbst, wie er auf den wachsenden Wogen von Rachmaninows Komposition schippert, ohne seekrank zu werden. Aber die Gefahr ist gering, Lim ruht in sich selbst, auch wenn es wild hergeht; die großen Dramen, die nun im Finalsatz verhandelt werden, ermuntern ihn zu immer intensiverem Spiel, zu noch größerer Bandbreite an Ausdruck, sie schüchtern ihn nicht ein. So feinsinnig er im Detail den Tonmischungen nachlauscht, so robust scheint er mit sich und der Musik emotional im Reinen zu sein.
Mozart: Klaviersonate Nr. 9 in D-Dur K 311
Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung, um dem in seiner Schlichtheit hochkomplexen Musikdenken Mozarts nahezukommen. In den Ecksätzen der D-Dur-Sonate KV 311 etwa kann sich Lim zunächst noch in die hurtigen Läufe und verspielt-witzigen Wendungen flüchten, die girlandenartig um die Kernmelodien gesponnen sind. Aber im langsamen Satz kommt es an den Tag, da fällt vielen Pianisten nicht viel ein, da rutschen einige in triefende Sentimentalität. Yunchan Lim beginnt zögerlich, fast stockend, nach und nach wird sein Spiel weicher, der Anschlag sanfter, die Tempoverschiebungen logischer. Es ist ganz offensichtlich: Er lässt sich von der Musik inspirieren, wie sie fortschreiten soll, wie er sie spielen soll. Einmal in Gang gesetzt, zeigt sie ihm den Weg, und er ist offen, diesem zu folgen. Natürlich kommt mit der Demut, der Zögerlichkeit, dem Nicht-schon-alles-wissen auch das Risiko, allzu zerbrechlich zu wirken, zu unentschlossen, zu unbedarft.
Dagegen steht bei Yunchan Lim ein tief empfundenes Verständnis und seine entwaffnende Aufrichtigkeit im Spiel. Er versteckt sich nicht, weder hinter seinen technischen Fähigkeiten, die großartig sind, noch hinter exzentrischem Theater und vorgegaukelten Gefühlen. Das sind jugendliche Charakterzüge, die nur die Besten ins künstlerische Erwachsenenleben hinüberretten. Die Jury in Fort Worth hat gespürt, dass Yunchan Lim nicht nur pianistisches Talent hat, sondern auch trotz seiner Jugend und seiner äußerlichen Zurückhaltung eine ausgeprägte künstlerische Persönlichkeit ist. Die Dirigentin Marin Alsop, die den Jury-Vorsitz führt, sagt später, sie habe nach dem Konzert Tränen in den Augen gehabt. Yunchan Lim gewinnt »The Cliburn«, bekommt viel Geld und ein dreijähriges Management mit vielen Konzerten weltweit. Vor allem aber gewinnt er die Menschen, die ihm zuhören und sich in seinem Spiel verlieren und finden.
Dieser Text erschien im Elbphilharmonie Magazin (3/26).
- Elbphilharmonie Großer Saal
Sonatas by Wolfgang Amadeus Mozart
