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Geschichten und Geheimnisse der Elbphilharmonie

Das neue Buch von Joachim Mischke gibt Backstage-Einblicke in die Elbphilharmonie. Ein Kapitel als Vorgeschmack: Die Künstlergarderoben - »die sensibelsten Zellen im ganzen Konzerthaus-Körper«.

Der Musikautor und Journalist Joachim Mischke ist ein treuer Begleiter und profilierter Kenner der Elbphilharmonie, seit der Grundsteinlegung wird kaum eine Woche vergangen sein, in der er nicht vor oder hinter der Bühne zu Gast war. Zum 5. Geburtstag hat er der Elbphilharmonie nun geradezu eine Liebesgeschichte geschrieben – 25 individuelle Geschichten, die weit hinter die Kulissen und in bisher unentdeckte Ecken des Hauses blicken lassen, vereint in einem mit Fotos von Thomas Leidig reich bebilderten Buch, erschienen im Hoffmann und Campe Verlag. Das fünfte Kapitel erzählt von den »gegenwartsentrückten Abwarteräumen« im 12. Stock:

Schöner spielen: Die Künstlergarderoben

Das Styling der Inneneinrichtung der beiden prominentesten Garderoben hinter der Bühne des Großen Saals ist schlicht und luxuriös zugleich, minimalistisch und nahezu unsichtbar. Weiße Wände, heller Holzboden, cremeweiße Möbel. Keine vergilbten Konzertplakate aus dem letzten Jahrhundert, um daran zu erinnern, dass früher alle so viel besser waren und berühmter sowieso, auch keine abstrakten Kunstversuche, die es irgendwo im Dutzend billiger gab. Sitzmöbel, Tisch, Telefon, Stuhl, Nasszelle. Bisschen karg eigentlich, so auf den ersten Blick. Nur zwei spezielle Einrichtungsdetails erinnern daran, dass das kein Hotelzimmer ist und kein privater Rückzugsort: der Monitor an der Wand, der den Blick auf die Arena vor der Tür freigibt. Und auf der Ablage vor dem großen Spiegel ein abwartend gefaltetes Handtuch, geradezu klinisch weiß. Ein überaus dezentes Signal als kleiner Gruß aus dem Intendanz-Trakt. Dass man bei aller Liebe zur Musik nicht nur zum reinen Spaß hier ist. Dass Kunst unter diesem Dach auch harte, schweißtreibende, erschöpfende, verzehrende Arbeit ist.

Vielleicht wurden mit solchen Handtüchern auch schon Tränen existenzieller Verzweiflung und nicht der Freude weggewischt, so genau möchte und sollte man das gar nicht wissen. Was in der Garderobe passiert, bleibt in der Garderobe. Hier verwandelt sich die eben noch unscheinbare junge Frau in eine umwerfende Virtuosin, die ein Orchester mit ihrem Charisma an die Wand spielt, als wäre das nichts. Hier schlurft der berühmte Dirigent unerkannt in seinen Kleingartenklamotten hinein, verpuppt sich kurz in sein edles Schwarz und ist danach pünktlich bereit wie Clark Kent, der frisch gestylt als Superman aus der Telefonzelle zur Weltrettung abhebt.

© Thomas Leidig
© Thomas Leidig

Je nach Charakterbefindlichkeit kann so eine Garderobe auch der Ort geselligen Wuselns und entspannten Plauderns sein. William Christie, der vor allem auf französische Barockmusik spezialisierte Dirigent, ließ sich bei unserem langen Interview bis ziemlich kurz vor Konzertbeginn in keinem Moment aus der Ruhe bringen. Das Treffen mit dem Dirigenten Herbert Blomstedt hatte etwas gediegen Entspanntes. Eine Anekdote nach der anderen, als Indiz seiner unaufgeregten Anwesenheit lag Blomstedts würdig gereifte Aktentasche auf dem Tisch, während er, damals 92 Jahre jung, über seinen Beruf sprach und die Berufung, die damit verbunden ist. Bei Jüngeren ist es stattdessen eher ein Smartphone oder ein iPad, die alles enthalten, was es braucht. Eine Begegnung mit der Pianistin Yuja Wang in der Halbzeitpause eines Konzertabends war nicht die hochhackige Show, die das Pauschalurteil über sie bestätigt hätte. In diesem noch verletzlichen Moment war sie eine junge, fragil wirkende Frau, die gerade Schwerstarbeit geleistet hatte, leicht vergrippt und wohl auch froh, umfallfrei über die Distanz gekommen zu sein. Ein Konzert »spielen« ist eine sehr untertreibende Formulierung, ein Konzert »geben« trifft diese Art der Verausgabung schon besser.

Diese gegenwartsentrückten Abwarteräume – sieben Stück auf der 12. Etage mit jeweils einzelnem Bad – sind Welten von der historisch dröhnenden Ego-Architektur des Bayreuther Festspielhauses entfernt, doch auch gut 50 Meter über der Elbe gilt des alten Wagners wuchtiger Ansporn: »Hier gilt’s der Kunst.« Das Ganze ist eine einzige Projektionsfläche, eine aufenthaltsraumgewordene Konzentrationsübung. Nichts, abgesehen von der unfassbar tollen Hafen-Fototapete vor dem bodentiefen Fenster, lenkt vom Leitmotiv des kreativen Da-Seins auf Zeit ab: Wenige Meter entfernt wartet, droht und lockt diese Bühne, die will bespielt werden, und die Menschen vor ihr wollen das sehen und hören und etwas davon mitnehmen, berührt und verändert, in ihr Leben, das ein ganz anderes sein darf als das der Person hinter der Tür von 12.1 oder 12.2.

Vor diesen Garderobentüren sind praktische Klemmleisten angebracht, damit es schnell gehen kann mit der Kennzeichnung, wer gerade wo ist in der Hektik einer Saison, bei der sich Maestro A und Solist B die Klinke in die Hand geben können. Die Möglichkeit, um sich dauerhaft häuslich einzurichten, gibt es nicht. Alle kommen und gehen. Sie verklingen und klingen doch nach, unhörbar.

Die Räume hinter der Bühne sind einige der sensibelsten Zellen im gesamten Konzerthaus-Körper. Hier und nur hier kann man sehr allein sein und es auch bleiben, wenn man will oder muss. Man kann das genießen oder durchleiden, die Grenzen sind womöglich sehr fließend. Dort kommt niemand hinein, der nicht  ausdrücklich eingeladen wird. Es gibt zwar keine Türsteher, man kommt ohnehin nur mit einer codierten Schlüsselkarte in den Backstage-Bereich, dafür aber eine unausgesprochene, ungemein höfliche Etikette. Anklopfen, warten, kein blindes Reinrennen, und alle haben volles Verständnis für diese Benimmregeln. Sie gelten für langjährige Assistenten, Freunde und Vertraute ebenso wie für den Bühnentechniker, der gerade Dienst hat. Respekt ist das Zauberwort. Respekt vor dem Willen zur enormen Leistung, vor dieser Sehnsucht, diesem Hunger nach Schönheit.

Der Autor: Joachim Mischke

Diese Garderoben sind keine Büros, in die man mal eben so hineinpoltern kann, um einen vermissten Aktenordner zu suchen. Diese Garderoben sind Reservate, Schutzgebiete für die Künstlernaturen, die ersten Anlaufstellen nach dem Konzertende. Sie können mal das rettende Ufer sein, nach einem Abend, der eher mittel und weniger prächtig war. Dann signalisiert die geschlossene Tür in der Pause deprimiert starrend: »Ich hab’s aber doch ehrlich versucht. Mehr ging nicht. Jetzt muss ich einmal tief durchatmen, bitte, bin gleich wieder für euch da.« Diese Tür kann aber auch das kleine Pausenzeichen sein, bevor der Dirigent aus dem Nachbarzimmer anklopft, verschwitzt und außer sich, um auf eine große gemeinsame Tournee einzuladen, noch völlig glücksbesoffen vom Konzert eben. Vor dieser Tür kann der örtliche Veranstalter oder der Intendant des Konzerthauses warten, mit dem Vorschlag, bei der nächsten Gelegenheit nicht nur einen Abend zu spielen, sondern eine ganze Serie.

Psychologisch fein sortiert und in der Gebäude-Architektur bewusst arrangiert, hat die Solisten-Garderobe in 12.1 ein kleines Stückchen Bedeutungsvorfahrt vor dem Nachbarzimmer. Niemand hat einen kürzeren, direkteren Weg aus seiner Rückzugszone ins Rampenlicht, selbst wenn es nur diese wenigen Zentimeter sein sollten. Tür auf, leicht links halten, am Inspizientenpult vorbei, die erste und einzige Tür gleich rechts. Eine Einflugschneise, die viel zu kurz ist, um auf diesen wenigen Metern noch ausführlich lampenfiebrig zu werden; aber immerhin auch lang genug, um sie als Startrampe für den eigenen Blutdruck zu spüren. An ein weiteres praktisches Detail hat man beim Entwurf dieser Räume ebenfalls gedacht: Hinter dem Flügel im Solistenzimmer, an der Seitenwand, befindet sich die Tür, durch die der Star des Abends mit wenigen Schritten im Green Room sein kann, dem Wartezimmer für jene vom Protokoll auserwählten Spezialgäste, die bei kleinen Audienzen dort noch Hände schütteln, Fotos machen oder andere Freundlichkeiten austauschen können. Um den Saal herum, so nahe wie notwendig, gruppieren sich die Stimmzimmer der Orchester-Instrumentengruppen. Auch das eine Idee, die sich am Kundendienst-Aspekt der Spezial-Architektur ausrichtet. In sehr vielen Konzertsälen befinden sich diese Räume dort, wo noch halbwegs Platz war. Schön sind sie selten, attraktiv fast nie. Dafür gern zugestellt mit Orchester-Zubehör, unverputzt, lieblos. Hui ist, wo das Publikum ist. Tageslicht? Guter Witz. Dort zieht man sich um, hat im persönlichen Schrank Ersatzteile und Erste-Hilfe-Werkzeuge fürs Instrument, Noten und Probe-Lektüre, Dienstkleidung und Nervennahrung, einen Glücksbringer vielleicht, oder Einkäufe, die vor der Probe erledigt wurden.

Die Spinde sind, wie so vieles im Gebäude, funktionsbedingt maßgeschneidert, passgenau für die Größe des jeweiligen Instruments und auf die Wunschliste des NDR Elbphilharmonie Orchesters abgestimmt, das als Residenzorchester der präsenteste Untermieter ist. Weil sie es oft schon schwer genug haben im Leben, wurde den Kontrabässen und den Celli ein Raum unmittelbar neben der Bühnentür auf der Nordseite des Gebäudes zugeteilt. Und zudem, vor allem: nicht nur Platz und Tages licht satt, sondern ein Premium-Panorama, für das Abteilungsleiter in den um liegenden Bürogebäuden so einiges anstellen würden. Entweder Richtung Süden über Elbe und Hafen hinweg, oder auf der Nordseite mit Blick auf den Michel und die Innenstadt. Unverbaubar, beste Lage. Schöner kann man es nicht treffen in der gesamten Klassik-Welt. Für den Konzertmeister, der so etwas wie der 1. Offizier in der Orchesterhierarchie ist, befindet sich, nur wenige Türen nach links vom Dirigenten-Zimmer entfernt, ein Einzelabteil.

In der 11. Etage warten vier Gruppenumkleiden und weitere acht Stimmzimmer auf ihre Nutzung. Balsam fürs Orchester-Ego, alles in allem. Und absolut kein Vergleich zu den musikerunwürdigen Verhältnissen, mit denen man sich jahrzehntelang in den Hinterbühnen-Fluren der Hamburger Laeiszhalle zu arrangieren hatte. Dort, direkt neben den verbeulten Frack- und Transportkisten, war oft die einzige Möglichkeit, sich hektisch in die Konzertschale zu werfen, als wäre man nur auf der Durchreise und nicht Stammgast.

Ganz wichtig, wie überall, für die Gruppendynamik, weil auch Musiker und Musikerinnen nur Menschen sind: die Cafeteria. Kurzer Weg auch dorthin, und die Kulisse ist auch dort filmreif. Nicht nur die Fensterfront als Beruhigungsmittel in der Pause, direkt neben den Tresen spendierten die Architekten einen kleinen Aussichtsbalkon. Schlichte weiße Möbel auch dort, die Lounge-Sitzmöbel haben fast schon Einzelbett-Ausmaße und als Rückwand hohe Trennwände, Schallschutz, damit die Kolleginnen und Kollegen nicht alles mithören können. Rechts ein meterlanges Sideboard als Büfett-Parkfläche, lang genug, um dort auch sehr große Orchesterbesetzungen satt zu bekommen, wenn sie aus dem Tournee-Bus ins Gebäude strömen. Luftig ist dieser Bereich, die Transportkisten stehen zwar herum, aber deswegen nicht automatisch störend im Weg. Ungenutzte Notenpulte vor der Bühnenrückwand werden als Handy-Ablage genutzt, wenn einige der Blechbläser noch nicht dran sind, aber man unbedingt ein wichtiges Fußballspiel erleben will, bis es raus zum eigenen Einsatz geht.

Joachim Mischke
Geschichten und Geheimnisse der Elbphilharmonie
176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
durchgehend farbig, mit vielen Fotos
26,00 (D)
26,80 (A)
34,90 (CH)
ISBN: 978-3-455-01257-6

© Thomas Leidig
© Thomas Leidig

Diese Backstage-Einblicke in den Maschinenraum haben oft etwas leicht Entzauberndes, aber immer auch etwas Rührendes. Denn, so angenehm normal es dort zugeht, im nächsten Moment, einige Meter Luftlinie entfernt, geht es nur noch um das gemeinsame Abheben. Und an der gegenüberliegenden Wand, etwa 12 Meter Nutzfläche, hat sich der ehemalige NDR-Bratscher Rainer Castillon mit einer schönen Idee verewigt, angefragt von den Elbphilharmonie-Architekten höchstselbst: die Instrumentenablage, mit zartbraun gemalten Silhouetten von Streich- und Blasinstrumenten. Für die kleine Pause zwischendurch lassen sich dort die Lebenspartner aus Holz oder Metall parken, immer in Griffweite. Jederzeit bereit.

Erhältlich ist das Buch im Elbphilharmonie Shop auf der Plaza, im allgemeinen Buchhandel oder natürlich beim Verlag Hoffmann und Campe.

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