Farah Kaddour

Die Musik des Libanon

Sie trägt die Komplexität und die Traumata dieses Landes in sich. Und ist doch größer als Ideologie und Politik – ein persönliches Musik-Panorama von Thomas Burkhalter.

Text: Thomas Burkhalter, August 2026

 

Die Nacht vor dem Krieg. Zwei Freundinnen, eine Musikerin und eine Grafikerin, sitzen mit mir in einem italienischen Restaurant in Ostbeirut. Eine erklärt, was heute Nacht passieren wird: »Israel bombardiert entweder den Flughafen oder das Elektrizitäts­werk. Oder die Kampfjets jagen durch die Schallmauer. Dann zerbersten die Fensterscheiben. Lass die Fenster lieber offen.« Sie machen Witze. Sie lachen. Für mich, der noch nie Krieg erlebt hat, ist es schwer, danach einzuschlafen. Die Nacht darauf werde ich nie vergessen. Es fühlt sich an, als würde der Himmel auf mich herabstürzen.

Festival: Libanon :29.10–1.11.2026

Experimenteller Rock trifft auf arabische Poesie, der traditionelle Dabke-Tanz auf die größten Stimmen des Landes: Das Festival »Libanon« zeigt in der Elbphilharmonie die lebendige und vielseitige Kultur des Landes, die auch während des Kriegs aufrecht bleibt.

Trompete und Bomben

Sommer 2006, eine Woche später. Während israelische Kampfflieger über die Stadt jagen, spielt Mazen Kerbaj auf seinem Balkon Trompete und nimmt sich dabei auf. Wir hören Bombeneinschläge. Die Druckwellen lösen die Alarm­anlagen der geparkten Autos aus. Hunde bellen. Und dazwischen unheimliche Stille. Das MP3 heißt »Starry Night«. Es wird tausendfach heruntergeladen, weltweit. »Plötzlich dachten viele auf der Welt, sie würden mich kennen«, sagt Kerbaj. »Das war fast seltsamer als der Krieg selbst.«

Nach dem Krieg wird er heftig kritisiert. Er lebe nicht in Südbeirut, wo die Bomben fallen. Er mache Karriere mit dem Blut anderer. Kerbaj wehrt sich: »Ich stand lieber auf dem Balkon, spielte Trompete und nahm die Bomben auf, als im Wohnzimmer zu sitzen und verrückt zu werden. Wenn du spielst, schaltet dein Gehirn um. Du hörst die Bomben als Sounds, nicht als Tötungsmaschinen. Einfach weiterzuarbeiten, hat viele von uns bei Verstand gehalten.«

Mazen Kerbaj: Starry Night

Zwanzig Jahre später. Beirut wird wieder bombardiert. Ich sitze in Bern. Freunde schicken Sprachnachrichten. Ich höre die Müdigkeit in ihren Stimmen – und ­erkenne darunter die Stadt: das Summen der Generatoren, eine ferne Sirene, dann Stille. 2006 sagte Garo Gdanian, ein Metal-Musiker: »Du führst Krieg mit dir selbst. Du willst leben. Die schrecklichste Angst ist, stehen zu bleiben. Als Band, als Person, als Familie.«

Ich doomscrolle. Lege das Handy weg. Stürze mich in die Arbeit.

Über hundert Interviews führe ich zwischen 2005 und 2006, besuche zig Konzerte, Proben, hänge in Bars ab. Ich bin Anthropologe und Musikjournalist aus Bern, lebe ein Jahr in Beirut, schreibe an meiner Dissertation. Ich fühle mich willkommen – vielleicht, weil die Leute hier auf ein Ohr von außen hoffen. Und bleibe doch ein Fremder. Jean Said Makdisi, die Schwester von Edward Said, hat es formuliert, wie ich es nicht konnte: »Wir machen Witze über unsere intensivsten Schmerzen – und verblüffen damit Außenstehende. Wir gehen über ein Seil, das über einem Abgrund aus Panik gespannt ist, den ein Neuling nicht ein­mal wahrnimmt.«

Eine libanesische Identität

Schauen wir in die Geschichte, sehen wir, wie verstrickt im Nahen Osten alles ist. Die bisher erfolgreichste libane­sische Musik wurde von einem palästinensischen Radio­redakteur initiiert. Sabri al-Sharif – 1922 in Jaffa geboren, in London ausgebildet – war Leiter der Musikabteilung des Near East Radio, eines arabischsprachigen Senders der Briten in der Region. Mit der al-Nakba (der »Katastrophe«), der Flucht und Vertreibung von Palästinenser:innen während des ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948/1949, wurde der Sender nach Zypern verlegt und al-Sharif mit ihm. Er gibt den Auftrag, für den Rundfunk eine neue libanesische Musik zu schaffen: Volksmusik der Levante mit westlicher Orchestrierung, ein Gegenentwurf zur ägyptischen Kultur­hegemonie. Er entdeckt die Sängerin Fairuz, findet die passenden Musiker: die Brüder Assi und Mansour Rahbani, Zaki Nassif, Tawfiq al-Basha. Al-Sharif stirbt 1999 in Beirut. Nach Jaffa kehrte er nie zurück.

Die Rahbani-Brüder nahmen die Volksmusik der Berge und Täler, ersetzten die raue Beduinen-Flöte Mijwiz durch die sanftere Sabbaba und verknüpften alles mit europäischer Kompositionstechnik, nach dem Vorbild von Bartók und Kodály. Eine Musik, salonfähig für eine nationale Elite. Das 1955 im Nordosten des Libanon gegründete Baalbek International Festival wurde zur größten Bühne dieses Projekts, unterstützt von dem damaligen maronitischen Präsidenten Camille Chamoun und der Tourismusindustrie. Sie wollten einen Libanon, der mediterran, christ­lich-maronitisch, kosmopolitisch und dezidiert nicht-­arabisch ausgerichtet war – der Libanon als Schweiz des Nahen Ostens.

Als ich Mansour, den jüngeren der Rahbani-Brüder, 2000 in Antelias besuche und frage, wie er libanesische Musik definiere, antwortet er: »Libanesische Musik ist geprägt von den Bergen: Sie kratzt, ist kantig wie der Fels. Musik aus dem flachen Ägypten klingt völlig anders: zerbrechlich, süß und sanft wie Rosenwasser.«

Die Stimme dieser Musik ist Fairuz, auch wenn sie sich seit einigen Jahren zurückgezogen hat. Fast sieben Jahrzehnte lang und in über tausend Liedern sang sie für die gesamte arabische Welt, für Mekka, Palästina, Jeru­salem. Ihre Lieder waren auf viele Arten lesbar, keiner Ideo­logie zugeordnet. Die Sängerin Abeer Nehme, die noch gemeinsam mit Fairuz und den Rahbanis konzer­tierte, steht in dieser Tradition. Sie vereint maronitische, byzantinische und syrisch-orthodoxe Kirchenmusik, singt in 29 Sprachen, gibt Konzerte in Riad, in der Pariser Philharmonie, im Nobel Friedenszentrum in Oslo, nun auch in der Elbphilharmonie.

Die große Stimme von Abeer Nehme ist am 31. Oktober in der Elbphilharmonie zu erleben.

Abeer Nehme singt »Li Beirut« von Fairuz

Historisch gibt es nur zwei Rollen für Sängerinnen: Die Unberührbare – Fairuz als »Jungfrau Maria«, keine Interviews, keine Partys, keine Skandale. Und die Sexua­lisierte des pan-arabischen Pops. Auch Tania Saleh kennt diese Rollenverteilung – und weigert sich, mitzuspielen. Sie steht in der Tradition Ziad Rahbanis, des Sohns von Fairuz und Assi Rahbani. Er brachte während des Bür­gerkriegs (1975–1990) Jazz und Funk in die libanesische Musik, sang für die Linke, schloss die Lücke zwischen der elitären Rahbani-Welt und der Realität der Stadt. Tania Saleh sang für ihn und mit ihm und trägt diese Schule weiter: Seit 1990 experimentiert sie mit Folk, Rock, Jazz, Bossa Nova und Elektronik, alles auf Arabisch, alles selbst geschrieben und produziert. Ihre Musik nennt sie »Indie Arabic«.

2005 empfängt sie mich in ihrem Haus im Libanongebirge, hinter einer hohen Mauer, der Blick aufs Meer versperrt. Damals wirkt sie frustriert: Niemand ermutige sie, sie gebe nur Geld aus, frage sich, für wen sie noch Musik produziere. Doch sie hat weitergemacht. Ihre Lieder behandeln häusliche Gewalt, Scheidung, das politische Versagen des Libanon, auch sie hat alles selbst geschrieben, gestaltet, produziert. Zweimal hat sie dafür den Preis der Deutschen Schallplattenkritik gewonnen. Heute lebt sie im Exil. 2026 schreibt sie auf Instagram: »Ich glaube, es ist unser Karma, für immer in Kriegen zu leben – wegen des Konfessionalismus, an dem wir festhalten. Der Bürgerkrieg hat nie wirklich aufgehört.«

»Indie Arabic« von und mit Tania Saleh – am 1. November in der Elbphilharmonie zu erleben.

Tania Saleh: Matrah

Eine arabische Modernität

Charbel Rouhana habe ich nie direkt interviewt. Und trotz­dem taucht er in fast jedem Gespräch auf. Er steht für eine andere Frage als Fairuz: nicht wie sich der Libanon in der arabischen Welt positioniert, sondern wie sich die ara­bische Welt gegenüber Europa ausrichtet.

In der Musik beginnt dieser Prozess in den 1920er-Jahren. Aus dem kleinen arabischen Ensemble, dem Takht – mit Oud, Violine, der Kastenzither Kanun, der Flöte Ney, der Rahmentrommel Riqq, alle gleichberechtigt, he­terophon, auf Ekstase hinarbeitend – wurde das große Orchester, die Firqa. Die Musik wurde notiert, vorfixiert. Das Publikum applaudierte nicht mehr mitten im Stück, es wartete, bis der Dirigent den Taktstock senkte. Walid Gholmieh, langjähriger Direktor des Nationalen Musikkonservatoriums Beirut, sagt 2005 im Interview: »Das größte Problem der orientalischen Musik ist, dass sie kein System hat, keine Methoden, keine Bücher, keine Übungen.« Sein Gegenmittel: ein Orchester nach europäischem Vorbild, mit sechs Ouds, vier Kanuns vier Neys, die arabische Melodien im Unisono spielen. Das Konserva­torium besitzt heute 95 Klaviere.

Charbel Rouhana ist das Produkt dieser Schule. Er hat sieben Oud-Lehrbücher veröffentlicht, tritt mit dem Lebanese Philharmonic Orchestra ebenso auf wie im Quintett mit Oud, Buzuq, Akkordeon, Kontrabass, Schlag­werk.

Charbel Rouhana and & The Oriental Orchestra of the Lebanese Conservatory

Die al-Hazima, die Niederlage der arabischen Welt im Sechstagekrieg 1967, wird zum großen Wendepunkt. Wer sich zu eng an den Institutionen, den Mächtigen ausgerichtet hatte, stand plötzlich unter Beschuss. Der Bürgerkrieg unterbricht alles. Der Wiederaufbau ist schwierig. Erst 2005 sprechen viele wieder von einem Aufbruch. Es gibt neue Festivals wie das Beiruter Irtijal für experimentelle Musik und freie Improvisation, zahlreiche Konzerte, viele Bands: Indie Rock, Rap, Metal, Free Jazz, Elektropop, Techno, elektroakustische Musik. Darum mache ich die Dissertation hier und nicht in Kairo. Ich kann mich vor Be­­suchern aus der Schweiz kaum retten. Plötzlich bin ich Reiseleiter.

Die Musiker, die ich treffe, wollen mit den Moder­nisierungsprojekten der Konservatorien und mit dem panarabischen Satellitenpop nichts zu tun haben. Sie wollen nicht durch ihre Herkunft definiert werden, sondern durch ihre Musik. Sie glauben an einen multikonfessionellen, weltoffenen Libanon – sind aber skeptisch, ob er je Realität wird. Ihr Widerstand mündet bisweilen in schwarzen Humor und Sarkasmus. Der Markt aber ist klein. Visa werden verweigert. Flüge kosten ein Vermögen. Die Antwort ist internationale Vernetzung – Musik produziert zwischen Beirut, Berlin, Paris und Montreal, getragen von Diaspora-­Netzwerken und internationaler Kulturförderung.

Der Oud-Virtuose Charbel Rouhana ist am 31. Oktober im Konzert zu erleben.

Nostalgie nach einer besseren Zeit

Wael Kodeih alias Rayess Bek empfängt mich 2005 schlecht gelaunt. Er hatte das Interview zehnmal verschoben. Als ich fünfzehn Minuten zu spät komme, explodiert er: »Wir hatten uns für ein Uhr verabredet!« Für Beirut ist so wenig zu spät eigentlich pünktlich. Nicht für Kodeih. Er hält seine Freunde zur Pünktlichkeit an. Er hat es in Europa gelernt. Und will es auch in Beirut. Heute lacht er darüber: »Ich war wütend damals. Der Libanon machte mich fertig.«

1997 gründet er Aks’ser, »Gegenverkehr«, das erste arabischsprachige Rap-Duo im Libanon. Einer seiner Songs heißt »Schizophrenia«. Darin singt er zweisprachig, Französisch und Libanesisch-Arabisch, und endet mit den Wor­ten: »Ich bin jetzt sechsundzwanzig Jahre alt, und ich bin mir nicht sicher, ob ich in diesem Land irgendetwas verstanden habe.« Seine Großeltern lebten in Palästina, »bevor ihre Welt unterging«, schreibt er 2024 zu seinem Album »Baher«. Alle Einnahmen gehen an Gaza.

Heute gräbt er für sein Projekt »Love and Revenge« in ägyptischen Archiven nach Filmen aus den Vierziger- bis Neunzigerjahren und produziert audiovisuelle Perfor­mances. Es schwingt Nostalgie mit nach einer Zeit, als die größte arabische Sängerin Umm Kulthum noch zwischen Beirut, Damaskus, Jerusalem und Kairo pendelte und die Grenzen offen waren.

Mittlerweile hat eine neue Generation übernommen. Eine der erfolgreichsten Früchte von viel Vorarbeit ist Sanam – vielleicht ist noch keine libanesische Band je so weit in den europäischen Alternativmusikszenen gekommen. Farah Kaddour, die Buzuq-Spielerin von Sanam, fasst zusammen, was diese Generation antreibt: »Ich wollte nichts zu tun haben mit ›Weltmusik‹.«

Stimmt. Und stimmt nicht ganz. Denn nichts ist schwarz-weiß. Und Künstler inszenieren sich. Der Trom­peter Mazen Kerbaj will in Europa als freier Improvisator wahrgenommen werden – und macht sich gleichzeitig zum Kriegsmusiker, wenn er internationalen Medien erzählt, wie seine Kindheit im Bürgerkrieg seine Musikalität geprägt hat. Er weiß genau, dass Krieg als ästhetisches Phänomen fasziniert. Europäische Kurator:innen lieben das Thema Musik und Krieg.

Und Farah Kaddour? Sie spielt die Buzuq, eine Laute, die im Libanon von Nomaden gespielt wird und auch in der Musik der Rahbani-Brüder Verwendung findet. Ihre eigentliche Referenz ist die psychedelische Musik der Sechzigerjahre: Rund zweihundert libanesische Bands spielten damals orientalische Melodien im Rockkontext. Auch die Orient-Karikaturen aus den arabischen Nachtclubs New Yorks, Beiruts und Kairos der Fünfziger- und Sechzigerjahre dienen als Spielvorlage – sie verletzen jede Grenze von Authentizität. Kein Reinheitsgebot. Kitsch und Trash statt Hochkultur.

Eine Performance mit Rayess Bek ist am 30. Oktober im Konzert zu erleben.

Sanam
Sanam Sanam © Karim Ghorayeb

Vielleicht ist es das, was die Musik im Libanon einzigartig macht. Sie trägt die Komplexität und die Traumata dieses Landes in sich, mit allen Widersprüchen. Der Intellekt kann entscheiden: Ich will mich von Ägypten abgrenzen, mich Richtung Europa ausrichten, kein exotischer Kriegskünstler sein. Die Musik aber widersetzt sich genauen Deutungen. Ist voller Störgeräusche, Unreinheiten und Höhenflüge – größer als Ideologie und Politik.

 

Thomas Burkhalter ist Anthropologe und Kulturjournalist in Bern und der Gründer der Plattform Norient.com, auf der sich zahlreiche Texte, Musikkompilationen und Podcasts zum Libanon finden.

 

Der Text erschien im Elbphilharmonie Magazin (3/26).

Sanam zwischen Psychedelica und Rock am 29. Oktober im Konzert erleben.

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