Elbphilharmonie Tube

Applaus – und aus?

Nach dem Ende eines Konzerts geht für einige Mitarbeiter:innen in der Elbphilharmonie die Arbeit weiter.

Text: Hanno Grahl, April 2026

 

Wenn der letzte Akkord verklungen ist und das Publikum, noch ganz verzaubert von der Musik, in stürmischen Applaus einfällt, schließt sich der Kreis eines Konzertabends. Die Musiker:innen verbeugen sich, strahlen, atmen auf. Manche blinzeln leicht ungläubig in die Saallichter, als könnten sie kaum glauben, dass es wirklich vorbei ist. Doch noch während im Saal die Lichter heller werden, beginnt hinter der Bühne bereits ein zweiter Takt zu schlagen – denn es gibt noch viel zu tun. Für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Elbphilharmonie ist der Schlussapplaus nicht das Ende, sondern der Auftakt zu einem wesentlichen Teil ihrer Arbeit.

Olivier Fortin & Ensemble Masques
Olivier Fortin & Ensemble Masques © Carolin Windel

Der Mensch im Mittelpunkt

Für Maria Busch geht die Arbeit weiter, während andere längst auf dem Heimweg sind. Sie betreut als künstle­rische Planerin ein Konzert vom ersten Kontakt bis zur finalen Abrechnung. Während der Vorstellung sitzt sie am Rand des Saals, bereit einzugreifen, falls irgendetwas Unvorhergesehenes eintritt. Doch sobald der letzte Ton verklingt, verlagert sich ihr Platz blitzschnell – durch eine unscheinbare Tür schlüpft sie in den Backstage­bereich, um die Künstler:innen zu empfangen. »Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt«, sagt sie. »Viele Künstler:innen sind ständig auf Reisen, manchmal einsam. Da ist es wichtig, einfach da zu sein – auch nach dem Applaus.«

An diesem Abend war es das Alte-Musik-Ensemble Masques, das im Kleinen Saal debütierte. Der Schluss­applaus hallt noch in aller Ohren, als Busch die Ensemblemitglieder schon umarmt, ihnen gratuliert und sich im Namen des Hauses für den gelungenen Einstand bedankt. Der Cembalist Olivier Fortin gibt schon technische Ratschläge für das nächste Gastspiel seines Kollegen Jean Rondeau. »Ich schreibe ihm selbst noch, worauf er achten muss«, sagt er – man kennt sich in der Szene. Währenddessen verpackt die Gambistin Lucile Boulanger sorgsam ihr Instrument, der Techniker räumt leise im Hintergrund die Stühle und Notenpulte von der Bühne. Nur das geliehene Cembalo muss noch auf den Abtransport war­­ten, denn sein Besitzer spielt gerade selbst Trompete, in einem anderen Konzert.

Cembalo-Transport
Cembalo-Transport © Carolin Windel

Maria Busch lässt das Gästebuch von Musiker zu Musikerin wandern, damit sich alle darin verewigen, und verteilt anschließend Taxi-Gutscheine. Das Ensemble fliegt früh am Morgen zurück nach Frankreich, und Busch erklärt den Transferplan zum Flughafen und sorgt da­für, dass niemand vergisst, seine Zugangskarte für die Elbphilharmonie abzugeben. Dann wandert ihr Blick noch durch die Künstlergarderoben: Hat jemand etwas liegen lassen? Es musste schon einmal eine Jacke nach Portugal nachgesendet werden; beliebte Überbleibsel der Künstler:innen sind auch Ladekabel oder Noten.

Als sie schließlich allein ist, die letzte Garderobe leer und das Cembalo sicher verpackt, schließt Busch die Tür zum Backstagebereich. In ihrem Büro sortiert sie noch einmal die Unterlagen zu diesem Konzert, denn es stehen im Nachgang ja noch einige Aufgaben an: Abrechnung, Feedback, Fotos zur Freigabe. Dann hat auch sie Feierabend.

Bühne frei!

Wenn das Publikum den Saal verlässt, beginnt für Julia Weuffen die zweite Vorstellung des Abends – der tech­nische Abbau. Sie arbeitet im Team der Veranstaltungstechnik, verantwortlich für alles, was auf der Bühne klingt, leuchtet und beweglich ist, sowie für die Sicherheit aller Beteiligten. »Wir fangen meistens erst an, wenn der letzte Zuschauer:innen draußen ist«, sagt sie. »Sonst passiert es schon mal, dass einige fasziniert im Saal bleiben und uns zuschauen.« Doch heute Abend dauerte das Konzert länger als geplant, der Jazz-Trompeter Ibrahim Maalouf und sein Ensemble waren großzügig mit den Zugaben, nun bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Bühne für die Orchesterprobe am nächsten Tag vorzubereiten.

Kaum sind die Musiker:innen von der Bühne, ­schwärmen die sechs Techniker aus und bauen die komplexe Landschaft aus Kabeln, Lautsprechern und Scheinwerfern wieder zurück. Weuffen schiebt ein Pult auf die Bühne, mit dem sie die Bühne »fahren« kann: An diesem Abend senkt sie damit beispielsweise die Licht-Traverse von der Decke ab. Langsam fährt der metallene Balken herunter, der wäh­rend des Konzerts die Scheinwerfer trägt. Stühle werden gestapelt, Lautsprecher abgebaut, Mikrofone vorsich­tig eingepackt. Im Takt eines leisen, effizienten Uhrwerks kehrt die Bühne in ihren Ausgangszustand zurück. Weuffen bewegt sich ständig: mal auf der Bühne, dann wieder im Bereich unmittelbar hinter der Bühnenrück­wand oder im Kontrollraum im Backstagebereich. »Man darf hier nicht blind durch die Gegend laufen«, sagt sie. »Es gibt viele versteckte Kabel und andere Stolperfallen.«

Konzertuhr im Backstage
Konzertuhr im Backstage © Carolin Windel

Im Backstagebereich stehen auch schon die vielen Stühle und Notenpulte bereit, die für die Orchesterprobe am nächsten Vormittag gebraucht werden. Vom elektronisch verstärkten Jazz-Konzert zum analogen Orchester in knapp einer Stunde – hier zeigt sich die große Wandelbarkeit des Saals.

Oft hat Weuffen auch nach ihrem späten Feierabend noch die Musik des Abends im Kopf. Denn während des Konzerts sitzt sie in der Schaltzentrale hinter der Bühne und hört über Lautsprecher zu: »Es gibt Konzerte, die reißen mich einfach mit. Dann gehe ich ganz beseelt nach Hause.«

An der Bar
An der Bar © Carolin Windel

Der Letzte an der Bar

Während im Saal das Licht aufhellt und sich im Publikum eine zufriedene Geschäftigkeit ausbreitet, die Menschen hinunter zur Tube, der langen, gebogenen Rolltreppe strömen und sich angeregt über das Konzert und ihre Lieblingsmomente unterhalten, wartet Martin Kuhn geduldig im Foyer. Er hat heute die Aufsicht über die Ebenen 11 und 12, die beiden untersten Etagen im Bereich des Großen Saals.

Kuhn ist ein alter Hase, er arbeitet seit der Eröffnung des Hauses im Foyer-Team der Elbphilharmonie, also seit fast zehn Jahren. Er wartet, bis die letzten Gäste den Saal verlassen haben, und geht dann erst einmal hinein. Rechts von ihm auf der Bühne lässt Julia Weuffen gerade die Licht-Traverse hinunter. Kuhns Blick wandert durch die Reihen, ob auch niemand etwas hat liegen lassen. »Klassiker sind Kleinigkeiten wie Tücher, Schals oder Brillenetuis, manchmal auch Jacken oder Pullover.« Alles, was liegen bleibt, wird eingesammelt und in der hauseigenen Fundgrube abgegeben.

Danach widmet er sich dem Foyer, vor allem den Garderoben auf Ebene 11, dem ersten und letzten An­laufpunkt des Publikums. In den kälteren Monaten sind natürlich alle Haken dicht mit Jacken, Mänteln und Taschen behängt – und die Schlangen dementsprechend lang. Doch Kuhns Team arbeitet auch in den kurzen, stressigen Momenten vor und nach einem Konzert wie ein gut geöltes Uhrwerk. »Wir haben so viele aufmerksame und hilfsbereite Kolleginnen und Kollegen im Team, die sich gegenseitig unterstützen und einspringen, wo Hilfe not­wendig ist.«

Die Gesichter der Elbphilharmonie

Weitere Einblicke zu den vielfältigen Aufgaben des Vorderhauspersonals sowie weitere spannende Einblicke hinter die Kulissen der Elbphilharmonie bietet die Social-Media-Reihe »Elbphilharmonie Backstage«

Foyer des Großen Saals
Foyer des Großen Saals © Carolin Windel

Kuhn zieht weiter ins Foyer auf Ebene 12. Die Atmo­sphäre dort wirkt irgendwie gemütlicher – Stimmengewirr ist zu hören, das Licht ist wärmer, es herrscht noch Betrieb an der Bar, die als Einzige auch nach dem Konzert noch für eine Weile geöffnet hält. Und noch eine Besonderheit zeichnet die Bar auf der 12 aus: Nur hier kann man auch Longdrinks bestellen. Jetzt, nach dem Konzert, ist die ­Stim­mung gelockert. Zwei, drei Dutzend Besucher:innen lassen den Abend mit einem Getränk in der Hand ausklingen. Die Gespräche mischen sich mit dem sanften Klirren der Gläser. Drei Mitarbeiter:innen stehen hinter dem Tresen und versorgen die Gäste mit Crémant, Rot- und Weißwein, Bier und Limos. Nebenher bereiten sie schon alles für den nächsten Tag vor: Sie polieren Gläser, zählen die Kasse, sammeln leere Flaschen ein.

Kuhn durchquert das Foyer und schaut, wo er hel­fen kann. Nach der Abrechnung sammelt er das Geld ein und bringt es zur Sammelstelle, wo die Gesamtabrechnung gemacht wird. Die Kasse spuckt einen Beleg für Kuhn aus, der alle Getränke auflistet, die an diesem Abend getrunken wurden: »Anhand der Liste können wir die Kühlschränke wieder aufstocken, damit für morgen alles bereit ist.« Beliebte Drinks sind vor allem Weißwein und Crémant – und auch heute war wieder kein »Saft­schor­­len-Abend«, wie ein Mitarbeiter augenzwinkernd bemerkt. Nach spätestens einer Stunde schließt auch die Bar auf der 12, die letzten Gäste leeren ihre Gläser, und auch für Kuhn ist jetzt Schluss – ein gelungener Abend neigt sich dem Ende

 

Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazon (Ausgabe 2/26)

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