Ein Gottesdienst in Musik: Die Messe

Eine kleine Geschichte der Messvertonungen.

Die Messe: Nein, in diesem Fall hat das nichts zu tun mit großen Ausstellungsräumen und übereifrigen Vertretern. Gemeint ist eine musikalische Gattung, die auf den Ablauf der Heiligen Messe in der Kirche zurückgeht. Seit Jahrhunderten päppeln Gläubige mit Gesangseinlagen den Gottesdienst auf und verleihen ihren Überzeugungen und Fürbitten auf diese Weise emotionalen Ausdruck. Hier beginnt die Geschichte der Messvertonungen: Was vor 1000 Jahren noch einzelne gesungene Abschnitte waren, entwickelte sich spätestens seit dem 18. Jahrhundert zu eigenständigen und abendfüllenden Werken für Orchester, Chor und Solisten – Werke, die heute in kaum einem Konzerthaus fehlen. Beethovens berühmte »Missa solemnis« oder Bachs Messe in h-Moll sind von den Programmzetteln nicht mehr wegzudenken. Die Messe als musikalische Gattung hat sich also schon lange gelöst von einer Einbindung in den Gottesdienst.

Ein Blick auf ihren Ursprung kann trotzdem zum Verständnis der Werke beitragen. Dass die Texte einer solchen Messvertonung aus der Gottesdienst-Praxis kommen, erklärt zum Beispiel nicht nur, warum man dabei meistens auf lateinische oder altgriechische Texte stößt, sondern auch den typischen Aufbau einer solchen Komposition.

  • Kurz gesagt: Die Form einer Messe

    Eine Messe besteht zunächst aus dem so genannten »Ordinarium« – fünf Textteile, die in jedem Gottesdienst vorkommen. Diese Must-Haves sind jeweils nach ihren ersten Worten benannt:

    1. Kyrie
    2. Gloria
    3. Credo
    4. Sanctus
    5. Agnus Dei

    Daneben gibt es noch das »Proprium« – bestehend aus Texten, die je nach Anlass variieren, zum Beispiel für eine Totenmesse.

Beethovens »Missa solemnis« in der Elbphilharmonie 2018 (NDR Elbphilharmonie Orchester/Thomas Hengelbrock)
Beethovens »Missa solemnis« in der Elbphilharmonie 2018 (NDR Elbphilharmonie Orchester/Thomas Hengelbrock) © Daniel Dittus

Aus der Kirche in den Konzertsaal :Geschichte der Messkomposition

Wie kam es überhaupt dazu, dass Musik, die ursprünglich für den Gottesdienst gedacht war, über die Jahrhunderte ihren Weg in Konzerthäuser wie die Elbphilharmonie fand?

Musik im Gottesdienst

Die Geschichte der Messkompositionen beginnt mit Vertonungen einzelner Messteile, die in den Gottesdienst integriert wurden. Dazu muss man sagen: Das war in einer Zeit, in der Musik sowieso nur für die Kirche geschrieben wurde. Vor allem Kompositionen vom Gloria oder vom Kyrie gab es schon im 6. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um Kirchengesänge ohne instrumentale Begleitung, die man »Gregorianische Choräle« nennt, benannt nach dem amtierenden Papst Gregor I. Damals kam jedoch noch niemand auf die Idee, eine gesamte Messe, also mindestens alle Ordinariums-Texte, als ein zusammenhängendes Werk zu komponieren.

Im 13. Jahrhundert ging es dann einen Schritt in diese Richtung – aus der Zeit gibt es Überlieferungen von paarweisen Kompositionen, zum Beispiel Gloria + Credo oder Sanctus + Agnus Dei. Die erste erhaltene Komposition einer ganzen Messe stammt aus dem 14. Jahrhundert vom französischen Komponisten Guillaume de Machaut. Seine wegweisende »Messe de Nostre Dame« von 1364 ist für vier Gesangsstimmen komponiert, die alle im gleichen Rhythmus singen.

»Die Töne sind doch die Brücke, die den Himmel mit dem Irdischen verbindet.«

Hans-Christian Andersen, Schriftsteller

Guillaume de Machaut_Kyrie from »Messe de Notre Dame«
Guillaume de Machaut_Kyrie from »Messe de Notre Dame« © Wikimedia Commons

Die »Messe de Nostre Dame« von Guillaume de Machaut

15. Jahrhundert: Musik vs. Text?

In den 150 Jahren nach Guillaume de Machaut wurden die Rhythmen immer komplizierter: Es entwickelte sich eine neue Kompositionsweise, basierend auf einem so genannten »cantus firmus« – eine fixe Melodiestimme, die von mehreren Stimmen in rhythmischen und melodischen Gegenbewegungen umspielt wird. In diesen verschachtelten Gesängen ist der Text schlechter zu verstehen als in älteren Werken, in denen alle denselben Rhythmus singen. Deswegen forderten im 16. Jahrhundert einige Kirchen-Chefs, dass die Musik wieder schlichter werden müsse.

Diesen Weg zurück gab es allerdings nicht mehr – im Gegenteil: Der italienische Komponist Giovanni Perluigi da Palestrina komponierte seine inzwischen legendäre »Missa Papae Marcelli«, die mit einem zwar mehrstimmigen, aber sehr deutlichen und deklamatorischen Stil beides – Komplexität und Verständlichkeit – verbinden konnte und einen Meilenstein in der Geschichte der modernen Kirchenmusik bildet. Der Legende nach wurde der Vatikan nur durch die Schönheit und Klarheit von Palestrinas Musik von dem Vorhaben abgebracht, die komplexe mehrstimmige Kirchenmusik zu verbieten.

Sistine Chapel Choir_Palestrina: Missa Papae Marcelli
Sistine Chapel Choir_Palestrina: Missa Papae Marcelli © Youtube

Die »Missa Papae Marcelli« von Giovanni Perluigi da Palestrina in der Sixtinischen Kapelle

18. Jahrhundert: Bachs Orgel ist zu klein

Messvertonungen waren über viele Jahrhunderte ausschließlich in Gotteshäusern und als Teil der Kirchenpraxis zu erleben. Das ging so lange gut, bis Komponisten wie Johann Sebastian Bach begannen, große Messen zu komponieren, die den kirchlichen Rahmen in ihrer Komplexität und in den technischen Anforderungen sprengten. Bachs bekannte h-Moll-Messe zum Beispiel – seine einzige vollständige Messvertonung – hätte in seiner Thomas-Kirche in Leipzig gar nicht aufgeführt werden können. Die Orgel dort verfügte nämlich nicht über alle nötigen Töne. Möglicherweise hat Bach bei der Komposition an eine fortschrittlichere Orgel gedacht, wie sie ihm aus Dresden bekannt sein konnte – jedenfalls erlebte er selbst nie eine Gesamtaufführung seiner bedeutenden Komposition. 

Orgel in der Leipziger Thomaskirche
Orgel in der Leipziger Thomaskirche © Wikimedia Commons

19. Jahrhundert: Messen für die Massen

Um 1800 entstanden Konzertmessen, mit denen der Schritt aus der Kirche in die Konzerthäuser gelang. Dazu zählt beispielsweise Beethovens berühmte »Missa solemnis«, die 1824 bei der Philharmonischen Gesellschaft in Sankt Petersburg uraufgeführt wurde. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht weiterhin auch Kompositionen zur Aufführung in der Kirche gab. Franz Schubert zum Beispiel schrieb gleich sechs lateinische Messen, die erste im zarten Alter von 17 Jahren. Sie wurden allesamt in Kirchen uraufgeführt, und zwar in Gemeindekirchen statt in höfischen Kapellen. Dieser bürgerliche Kontext von Messvertonungen war neu.

Schubert komponierte 1826 übrigens auch eine »Deutsche Messe« mit deutschsprachigen Texten, die nicht einfach nur Übersetzungen der altsprachigen Vorlagen sind: Die Messe wurde vom Wiener Physik-Professor Johann Philipp Neumann in Auftrag gegeben, der dafür eigenhändig die Gesangstexte dichtete. Bis heute sind einzelne Nummern dieser Messe in Gottesdiensten sehr beliebt – darunter das eingängige Eröffnungsstück »Wohin soll ich mich wenden«.

»Bachs h-Moll-Messe ist das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker.«

Hans Georg Nägeli, Verleger

Franz Schubert
Franz Schubert © Josef Abel/Wikimedia Commons

»Wohin soll ich mich wenden« aus der Deutschen Messe von Franz Schubert

Zu den heute noch bedeutenden Messvertonungen des 19. Jahrhunderts zählen daneben zum Beispiel Hector Berlioz’ »Messe Solenelle« mit französischen Texten, Bruckners fünf Messvertonungen und Gioachino Rossinis »Petite Messe Solenelle« – eines der wichtigsten Werke aus der späten Schaffensphase des italienischen Komponisten.

20. Jahrhundert: Messen für die Moderne

Auch im letzten Jahrhundert setzten sich Komponisten daran, Messtexte zu vertonen. Sogar der orthodoxe Igor Strawinsky komponierte eine katholische Messe, die 1948 mit dem Chor und Orchester der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Warum katholisch? »Ich wollte, dass meine Messe auch irgendwo liturgisch verwendet wird. Und das ging in der russisch-orthodoxen Kirche nicht, weil instrumentale Begleitung da traditionell verboten ist«, erklärte der Komponist.

Gut 20 Jahre später legte Leonard Bernstein einen innovativen Neuentwurf der Messvertonung vor: Seine »Mass« ist ein unterhaltsames Musiktheaterstück, das die Struktur der Liturgie szenisch verwirklicht und dabei ganz verschiedene Musikstile miteinander verbindet.

Leonard Bernstein
Leonard Bernstein © Wikimedia Commons

»Simple Song« aus Leonard Bernsteins Musiktheaterstück »Mass«

Und heute?

...werden weiter Messen komponiert: In Europa schufen in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem der berühmte Komponist Arvo Pärt mit seiner »Berliner Messe« (1990) oder John Rutter mit seiner »Mass of the Children« (2003) populäre Kompositionen dieser Gattung.

Religion und Musik – eine sehr alte Freundschaft, deren Geschichte immer weitergeht. Man kann es wohl nicht schöner formulieren als der Schriftsteller Hans-Christian Andersen: »Die Töne sind doch die Brücke, die den Himmel mit dem Irdischen verbindet.«

Zum Aufbau: Die Must-Haves einer jeden Messe :Das Ordinarium

Zum Ordinarium, also zum festen Gerüst einer Messe, gehören fünf verschiedene Teile:

1. Das Kyrie

»Kyrie eleison« ist altgriechisch und heißt »Herr, erbarme dich«. Jede Messe beginnt mit dem einfachen Dreizeiler: »Kyrie eleison / Christe eleison / Kyrie eleison«. Er richtet sich an Gott und an Jesus Christus. Trotz des kurzen Textes sind diese Eröffnungsstücke in Messvertonungen häufig sehr lang. Johann Sebastian Bach komponierte in seiner berühmten h-Moll-Messe für die dreiteilige Form des Kyrie gleich drei einzelne Sätze. Für den »Christe«-Satz zwischen den beiden »Kyrie«-Sätzen änderte er die Besetzung und auch die Stimmung – so wird auch die Verschiedenheit von Gott und seinem Sohn deutlich.

2. Das Gloria

»Gloria in Excelsis Deo« – wer denkt da nicht gleich an den Weihnachts-Hit »Hört der Engel helle Lieder«, der jedes Jahr in der Kirche geschmettert wird. Und tatsächlich geht dieser lateinische Satz zurück auf die Lobgesänge der Engel in der Weihnachtsgeschichte: »Ehre sei Gott in der Höhe«. Zu Beginn des Glorias wird damit die grundsätzliche Weltordnung des christlichen Glaubens zwischen Gott im Himmel und den Menschen auf der Erde deutlich. Das Gloria ist nämlich zugleich eine Ehrung Gottes und ein Gebet – eine Bitte also: »Und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade«. Diesen Wechsel vom Himmel nach unten auf die Erde in den ersten Versen verdeutlichen viele Komponisten mit plötzlich sehr tiefen Tönen für »Et in terra pax« (Und Friede auf Erden). Ein typisches Beispiel hierfür ist das Gloria aus Bruckners beliebter dritter Messe in f-Moll.

Anton Bruckner
Anton Bruckner © Joseph Brüche/Wikimedia Commons

Das Gloria aus der Messe Nr. 3 in f-Moll von Anton Bruckner

3. Das Credo

»Credo« heißt ganz einfach »Ich glaube«. Worum es in diesem Abschnitt geht, ist also leicht zu erraten: das Glaubensbekenntnis. »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde« und so weiter. Ursprünglich gehörte der Text zum Ritual der Taufe: Er begleitete die Aufnahme eines Menschen in die Kirche. Erst 1000 Jahre nach Christus wurde das Glaubensbekenntnis zum Bestandteil jeder festlichen Messe.

Die einzelnen inhaltlichen Abschnitte – die Schöpfungsgeschichte, Christi Geburt, seine Kreuzigung und seine Auferstehung – werden in Messkompositionen oft durch stimmungsvolle Wechsel in der Musik verdeutlicht. In Joseph Haydns großer »Nelson-Messe« zum Beispiel beginnt das Credo mit einem verspielten Chorsatz und wechselt für die Erzählung über die Menschwerdung Gottes zu einem Sopran-Solo.

Joseph Haydn
Joseph Haydn © Thomas Hardy / Wikimedia Commons

Das Credo aus der »Nelson-Messe« von Joseph Haydn

4. Das Sanctus

Das zentrale Lob- und Dank-Gebet in der Messe ist das Sanctus – zu deutsch: »Heilig«. Man geht davon aus, dass dieses fünfzeilige Gebet schon im 4. Jahrhundert zur Heiligen Messe gehörte. Die Bedeutung des kurzen Gebets wird sehr breit interpretiert. Manche meinen, dass es neben der Bekenntnis zur Dreifaltigkeit (Gott, Jesus, Heiliger Geist) auch um die Einheit von Himmel und Erde und um die Aufforderung zu einem moralisch einwandfreien Leben gehe. Mit zum Sanctus gehört das Benedictus (Gesegnet), das eine Ehrung Jesu Christi ist. Häufig wechselt zwischen diesen beiden Abschnitten die Besetzung. In Mozarts großer Messe in c-Mol zum Beispiel ist das kraftvolle Sanctus doppelchörig angelegt, während im Benedictus nur die Solisten singen.

Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart © Barbara Kraft/Wikimedia Commons

Sanctus und Benedictus aus der C-Moll-Messe von Wolfang Amadeus Mozart

5. Das Agnus Dei

Ein wichtiger Aspekt des christlichen Glaubens wird im letzten Satz der Messe, im Agnus Dei (Lamm Gottes), festgehalten. Das Lamm ist ein Sinnbild für Jesus Christus, der sich unschuldig opfert. Die meisten Vertonungen vom Agnus Dei sind zumindest zu Beginn sehr getragen und nachdenklich und stellen den Schmerz dieser Opferung dar. Oft hört der Satz  – und damit meist die gesamte Messe – trotzdem feierlich und kraftvoll auf. Die Erlösung durch diese Aufopferung wird gewissermaßen gleich mit vertont. Das Agnus Dei in Beethovens berühmter »Missa Solemnis« zum Beispiel führt in ein fulminantes Chor-Finale über der letzten Zeile »Dona nobis pacem« (Gib uns deinen Frieden).

Beethoven
Beethoven © Joseph Karl Stieler/Wikimedia Commons

Das Agnus Dei aus der »Missa Solemnis« von Beethoven

Die freiwilligen Zusätze in einer Messe :Das Proprium

Der variable Teil der Messe, das sogenannte »Proprium« richtet sich nach dem Anlass der Messe. Je nach Kirchenfest können zum Beispiel Texte zu Ostern oder Weihnachten ergänzt werden. Ein bekanntes Beispiel für eine Sondervariante der Messe ist das Requiem: die Totenmesse. Zu einem Requiem gehören unter anderem die zusätzliche Einleitung »Requiem aeternam dona eis, Domine« (Herr, gib ihnen die ewige Ruhe) und nach dem Kyrie die so genannte Totensequenz »Dies irae« (Tag des Zorns), die das Jüngste Gericht verkündet.

Giuseppe Verdi
Giuseppe Verdi © Giovanni Boldini/Wikimedia Commons

Das Dies irae aus Verdis »Messa da Requiem«

Text: Julika von Werder; last updated: 24.03.2021.

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