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Blog & Streams

Musik für Orgel: Top 7

Kurios, heilig, berauschend: Diese Stücke schrieben Orgelgeschichte.

Platz 7: Für Gemütliche

John Cage: ORGAN²/ASLSP (1987)

Unter den vielen kuriosen Werken des John Cage (1912–1992) ist dies vielleicht das kurioseste: »ASLSP«, »as slow as possible«, – und das ist wörtlich gemeint! Denn das Stück, das der experimentierfreudige Komponist mit Hilfe eines Zufallsprogramms am Computer (und ursprünglich für Klavier) schrieb, soll tatsächlich so langsam wie möglich gespielt werden. Dauerte die Uraufführung 1989 noch 29 Minuten, existieren inzwischen mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Längenvarianten. Keine reicht jedoch ansatzweise an die Aufführung heran, die seit 2001 in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt im Gange ist. Richtig gehört: seit 2001 – und noch bis ins Jahr 2640! Denn auf sage und schreibe 639 Jahre ist dieses Projekt angelegt, bei dem »ASLSP« auf einer eigens für diesen Zweck gebauten Orgel erklingt. Abgesichert durch ein Notstromaggregat, wird beständig Luft durch das Instrument geleitet. Nur alle paar Jahre kommt es zu einem Tonwechsel – zuletzt 2013; der nächste erfolgt im September 2020. Inzwischen haben sich diese zu wahren Happenings mit Kultstatus gemausert und ziehen zahlreiche Besucher an. John Cage hätte das sicher gefallen!

Tonwechsel bei »ASLSP« in Halberstadt (2010)

 Tonwechsel: John Cage »ASLSP«

Die Orgel der Elbphilharmonie

Keinen Plan von Windkanälen, Luftbälgen und Abstrakten? In kurzen Videos beantwortet Organist Thomas Cornelius die spannendsten Fragen zur Orgel im Großen Saal.

Zu den Orgel-Videos

›Hell und Dunkel‹ lotet die akustischen Extreme der Orgel aus wie kaum ein anderes Stück.

Platz 6: Akustische Extreme

Sofia Gubaidulina: Hell und dunkel (1976)

Das Lebensthema von Sofia Gubaidulina (*1931) ist der Glaube, denn »Musik ohne Glauben hat keinen Grund zu existieren«, so die russische Komponistin, die bereits seit Mitte der 90er Jahre in der Nähe von Hamburg lebt. Vielleicht übt die Orgel mit ihrer sakralen Aura deshalb eine so große Anziehungskraft auf Gubaidulina aus. Thematisch schlägt ihr Werk »Hell und Dunkel« jedoch eine andere Richtung ein. Es lotet die akustischen Extreme der Orgel aus wie kaum ein anderes Stück. Während in der Höhe flirrende Figurationen flattern, brauen sich in der Tiefe dunkle Cluster-Wolken zusammen. Wie zwei Pole eines Magneten ziehen und zerren diese Gebilde aneinander, was in einem Urknall massiver Dissonanzen resultiert. Doch am Ende scheinen sich die beiden Parteien auf eine glockenreine große Terz in Mittellage einigen zu können. Eine Utopie friedlichen Zusammenlebens? Auf jeden Fall jetzt schon ein Klassiker der Moderne!

Elbphilharmonie-Titularorganistin Iveta Apkalna spielt »Hell und Dunkel«

Sofia Gubaidulina

Iveta Apkalna, die Titularorganistin der Elbphilharmonie, benannte ihr Album »Light & Dark« nach Gubaidulinas Stück.

Hier reinhören

Platz 5: Bis die Orgel brennt

György Ligeti: Volumina (1962)

Noch ein Komponist mit Hamburg-Bezug: Von 1973 bis 1989 lehrte György Ligeti (1923–2006) an der hiesigen Musikhochschule, und auch nach seiner Emeritierung blieb der ungarische Komponist noch einige Jahre an der Alster wohnen, »weil man dort so schön unbemerkt arbeiten kann«. Weltberühmt wurde Ligeti einst durch seine rauschhaften Klangflächenkompositionen wie »Atmosphères« aus dem Jahr 1961 (auch, weil Meisterregisseur Stanley Kubrick das Stück effektvoll in seinem Film »2001: Odyssee im Weltraum« einsetzte). Ein ähnliches Prinzip verfolgte er auch in seinem Orgelwerk »Volumina« von 1962, das seinerzeit eine Revolution der Orgelmusik einleitete.

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»Volumina« in St. Jakobi, Lübeck

Ligeti: Volumina

Mehrfach brannten bei den ersten Proben die Sicherungen durch, weshalb manche Kirchen vorsorglich ein Aufführungsverbot erließen.

Das Stück kommt völlig ohne strukturierende Elemente wie Melodie und Rhythmus aus und wirkt daher im wahrsten Sinne des Wortes wie aus der Zeit gefallen. Stattdessen lotet Ligeti mit teils extremen Klangfarbenspielen die Grenzen des Instruments aus – auch in technischer Hinsicht: Mehrfach brannten bei den ersten Proben die Sicherungen durch, weshalb manche Kirchen vorsorglich ein Aufführungsverbot erließen. Der Grund: Ligeti sieht etwa zu Beginn des Stückes ein Totalcluster vor, bei dem alle Register gezogen sein müssen und die gesamte Tastatur gedrückt wird. Erst dann soll der Motor eingeschaltet werden, sodass die Musik mit einem gewaltigen Sog aus dem Nichts entsteht. Ähnlich ist auch der Schluss gestaltet: Durch Ausschalten des Motors bricht die Windversorgung der Pfeifen nach und nach zusammen. Ein Effekt, der sich übrigens nicht auf jeder Orgel realisieren lässt – bei der Elbphilharmonie-Orgel wurden die technischen Herausforderungen von »Volumina« allerdings berücksichtigt.

Platz 4: Reverenz an Bach

Francis Poulenc: Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken (1938)

Der Franzose Francis Poulenc (1899–1963) war einer der einfallsreichsten und experimentierfreudigsten Komponisten überhaupt, oft würzte er seine Musik mit einer gehörigen Portion Humor. Sei Orgelkonzert schlägt zunächst jedoch gänzlich andere Töne an. Fast brachial setzt die Orgel mit einem Solo ein; anschließend baut sich im Wechsel mit Streichorchester und Pauken drei Minuten lang eine enorme Spannung auf, ehe sich die Musik schließlich Bahn bricht. Packend, fulminant, mitreißend – und ein Meilenstein des Repertoires. Ganz ohne Augenzwinkern geht es bei Poulenc natürlich doch nicht. Stellt schon die Wahl des Orgelkonzerts an sich bereits ein Rückgriff auf barocke Formen dar, versteckt er ganz am Ende unüberhörbar auch noch einen kleinen Gruß an den Barockmeister Johann Sebastian Bach.

Poulencs Orgelkonzert mit Iveta Apkalna und dem hr-Sinfonieorchester

Iveta Apkalna

Platz 3: Ich glaub’, mein Schwein pfeift

Camille Saint-Saëns: Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 78 »Orgelsinfonie« (1886)

Die schönste Musik, die jemals komponiert worden ist – Widerspruch zwecklos! Das sah ihr Schöpfer, der französische Komponist Camille Saint-Saëns (1835–1921) seinerzeit bereits ganz ähnlich: »Hier habe ich alles gegeben, was ich geben konnte ... so etwas wie dieses Werk werde ich nie wieder schreiben.« Tat er dann auch nicht, zumindest keine Sinfonie. In Saint-Saëns’ Dritter übernimmt die Orgel zwar eine prominente Rolle, agiert aber dennoch gleichberechtigt neben den anderen Instrumenten des Orchesters. Das klassisch viersätzige Sinfonie-Prinzip verteilte Saint-Saëns auf zwei Teile, die an Melodienreichtum, rhythmischer Kraft und musikalischer Eleganz kaum zu überbieten sind. Das dachten sich leider auch die Macher der Filmreihe »Ein Schweinchen namens Babe«, die das Werk für ihren Filmsoundtrack verwursteten. Das klingt so schrecklich, dass es irgendwie auch schon wieder schön ist …

Das Original: Camille Saint-Saëns – »Orgelsinfonie«

Saint-Saens: Orgelsinfonie / Thierry Escaich / Paavo Järvi (BBC Proms)

Platz 2: Musik für die Ewigkeit

Charles-Marie Widor: Orgelsinfonie Nr. 5 f-Moll op. 42/1 (1879)

Noch eine Orgelsinfonie, diesmal allerdings ohne Orchester. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser speziell französischen Gattung, wo die Orgeln seit jeher einen besonders »orchestral« anmutenden Klang haben, gehörte der Organist und Komponist Charles-Marie Widor (1844–1934). Sein wiederum mit Abstand berühmtestes Werk ist der letzte Satz aus seiner Fünften Orgelsinfonie: eine monumentale Toccata, die heute leider oftmals zum virtuosen Showpiece verkommt. Doch der erhabenen Schönheit dieser Musik tut dies keinen Abbruch. Oder wie es der Meister selbst ausdrückte: »Orgelspielen heißt einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren.« Mit diesem Werk hinterließ Widor auf jeden Fall Musik für die Ewigkeit.

Charles-Marie Widor spielt seine Orgelsinfonie

Charles-Marie Widor

Platz 1: Synonym für Orgelmusik

Johann Sebastian Bach: Toccata und Fuge in d-Moll (zw. 1703–1707)

Nur drei Töne (genau genommen ist es nur ein einziger mit einer Verzierung) – und jeder weiß sofort, um welches Stück es sich handelt. Ganz eindeutig: Der Erste Platz gebührt Johann Sebastian Bach (1685–1750) und seiner berühmten d-Moll-Toccata. Mit dieser sowie der angehängten Fuge schuf der Barockmeister das berühmteste Orgelstück der Musikgeschichte und eines der ikonischsten Werke der klassischen Musik überhaupt. Dabei wird mitunter sogar angezweifelt, dass das Stück von Bach ist. An solchen geradezu blasphemischen Spekulationen soll sich an dieser Stelle jedoch nicht beteiligt werden. Sicher ist nur: Diese Musik ist so großartig, so einnehmend, dass sie zu Recht zum Synonym für Orgelmusik schlechthin geworden ist.

Bachs berühmte Toccata (Hans-André Stamm)

Text: Simon Chlosta, Stand: 11.5.2020

Nur drei Töne – und jeder weiß sofort, um welches Stück es sich handelt.

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