Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Mit dem Blues in Wien – ein Stadtrundgang

Eine Wienerin über das Lebensgefühl ihrer Stadt, den Alkohol und Zwiebelgeruch im Treppenhaus

Von Stefanie Katzinger

Folgt man einer Beobachtung des deutschen Kabarettisten Dirk Sterman, trinken sich die Bewohner der schönsten Stadt an der Donau aufgrund ihrer resignativen Grundhaltung ihre Stadt jeden Tag aufs Neue hässlich. Für viele von uns beginnt der Tag (besonders der Samstag oder Sonntag, aber auch jeder beliebige Wochentag) also mit den Resten eines Alkoholrausches, die vielbesungene »Restfettn«.

Zentral ist sie in einem Lied von Wolfgang Ambros über eine Familie, die mit ihm und 500.000 anderen Wiener im Gemeindebau wohnt und ihn am Ausschlafen besagten Rausches hindert. Ambros erklärt uns, es komme nicht oft vor, dass er seinen Rausch ausschlafen wolle – eine glatte Lüge, hört man auf Stermann, der behauptet, Österreich und Alkohol wären wie siamesische Zwillinge –, aber Frau Pingitzer (»die oide Pingitza«) rufe zu laut auf dem Gang des Wohnhauses ihrem Ehemann nach, der sein Gabelfrühstück vergessen hat. Das Gabelfrühstück ist dem französischen »déjeuner à la fourchette« des 18. Jahrhunderts nachempfunden, nur ist es weniger edel als die Speisenauswahl des französischen Adels: meist Fisch oder Wurst mit Essiggurken und zu viel Mayonnaise.

Festival »Ganz Wien«
28.2.–1.3.2020

Zu den Konzerten

Wolfgang Ambros: Familie Pingitzer

Abkömmlinge des Speckgürtels sind natürlich Austria-Wien-Anhänger

Immer Ärger mit dem »bladen Alois«

Damit aber nicht genug. In den 70er Jahren, als dieses Lied geschrieben wurde, entschied man sich noch zwischen Fernsehgerät oder Telefon. Die Pingitzers besitzen das erstere, Ambros das zweitere. Deswegen will Frau Pingitzer das Telefon nutzen, um ihrer Schwester stundenlang zu erzählen, was am Vortag beim Arzt los war. Zu Mittag kommt ihr dicklicher Sohn Alois (»der blade Alois«) zum Essen nach Hause und im ganzen Stiegenhaus stinkt es nach Zwiebel, weil Frau Pingitzer wieder ein Gulasch kocht. Am Abend gibt es dann Streit ums Fernsehgerät, der blade Alois will den Kommissar sehen, während Herr Pingitzer SK Rapid Wien gegen Benfica Lissabon schauen will (offensichtlich spielt sich die Tragödie 1961 ab). In diesem Fall muss Ambros wohl endlich die Wohnung verlassen, als Abkömmling des Speckgürtels (Vororte von Wien) ist er natürlich Austria-Wien-Anhänger.

© Stefanie Katzinger

Nehmen wir also an, wir verlassen unsere Gemeindebauwohnung, und nehmen wir an, sie ist irgendwo in Gumpendorf, ein schmuckloser Spät-Gemeindebau der 80er Jahre, benannt nach einem ehemaligen Wiener Bürgermeister. Dort wo man früher nur das anarchistische »Tatblatt« oder das Gumpendorfer Pfarrblatt abonnieren konnte (behauptete zumindest der große Sohn des Grätzls Hermes Phettberg in den 90er Jahren). Nehmen wir an, der Körper schreit nach Essbarem und Trinkbarem, irgendwas, was die dröhnenden Kopfschmerzen und den flauen Magen besiegt. Also steuern wir dem Süden zu Richtung Wienfluss, gen Naschmarkt.

Wien
Wien © Stefanie Katzinger

Auf zum Naschmarkt

Am Weg begegnet uns wahrscheinlich ein Sandler (deutsch: Obdachloser), der in Wien eine ähnliche popkulturelle Signifikanz genossen hat wie in Frankreich. Der leider verstorbene (andere) Barde des Austropop Georg Danzer hat den Sandlern mit Tom-Waits-Raspelstimme ein ewiges Denkmal mit dem »Tschick« gesetzt. Der Tschick ist ein Sandler, der jemanden um eine »Dreier«-Zigarette anschnorrt. Austria-3-Zigaretten waren die Zigaretten der Arbeiterklasse und der armen Leute, filterlos, gestopft mit dunklem Balkan-Tabak. Hergestellt von der Austria Tabak, die seit Kaiserzeiten eine Monopolstellung in Österreich innehatte und diese als Staatsbetrieb erst mit dem EU-Beitritt verlor. Schließlich wurde sie Ende der 90er Jahre privatisiert.

Der Körper schreit nach Essbarem und Trinkbarem, irgendwas, was die dröhnenden Kopfschmerzen und den flauen Magen besiegt

Der Tschick identifiziert sich vollends mit der Zigarette und sagt ihr ein größeres Glück nach als ihm selbst. Denn die Zigaretten würden von den Menschen gebraucht, er selbst hingegen von niemandem. Nur eins hätte er ihr voraus – und das passt zum morbiden Verhältnis, welches den Wiener zum Leben nachgesagt wird – er könnte sich im Gegensatz zu ihr jederzeit selbst ausdämpfen, ergo auslöschen.

Georg Danzer: Der Tschik

Vienna

Die Zigaretten würden von den Menschen gebraucht, er selbst hingegen von niemandem

Worried Men Skiffle Group: I bin a Wunda

Wiener Gasse

Am Praterstern

In solchen Fällen muss man es mit der »Worried Men Skiffle Group« halten, sich selbst zum Wunder zu erklären, weil man nichts hört, nichts sieht und nichts spürt, außer vielleicht Hunger und Durst. Einen Gusto wird man vom Zwiebelgeruch auf der Stiege haben und steuert deswegen am Naschmarkt entweder die »Eiserne Zeit« an und wenn es dort wieder keinen Platz gibt, dann doch noch zur »Gräfin« auf ein Gulasch und ein Seiterl Bier.

Langsam steigt in uns wieder der Lebensmut auf und es wird Zeit, sich doch noch zu überlegen, ob man nicht »Tote ausgraben« gehen sollte. Die Tour, die Der Nino aus Wien im »Praterlied« besingt, bietet sich dafür bestens an. Am besten also die U-Bahn besteigen und via Karlsplatz ab zum Praterstern. Das sagenumwobene Stuwerviertel sollte man auf der Suche nach einem Motivationsgetränk nicht auslassen, um sich dann von innen aufgewärmt von den Lichtern des »Wurstelprater« auch von außen wärmen zu lassen. Wenn man sich traut und man auf der Suche nach einem Adrenalinschub ist, stehen »Wilde Maus«, »Tagada« oder »Jack the Ripper« jederzeit bereit, um das Hirn zur Ausschüttung des Stresshormons zu bewegen.

Der Nino aus Wien: Praterlied

Der Nino aus Wien

Unter einem Himmel voll Schädlweh, ein zehnmal gekochtes Burenheidl, auf das man nicht heiß ist, aber trotzdem steht

Liptauer und Schmalzbrote in den Buschenschanken

Über die Donau aus Stammersdorf, wo die Heurigen stehen, scheint ein Kassandraruf zu hallen: »Jaja, der Wein ist gut«. Der geschwächte Geist wird also auch dem schwachen Fleisch nachgeben und sich nach »Transdanubien« (die Bezirke Floridsdorf und Donaustadt) locken lassen. Der Weg dorthin ist weit und führt über Weinhaine und -berge und man hat den Schauspieler Paul Hörbiger im Ohr, weil man auch selbst schon einen Wein zu riechen scheint. Angekommen in den Buschenschanken werden die Reste des Hungers mit scharfem Liptauer und Schmalzbroten gestillt und mit einem »Glasal Wein vorm Aug«, schaut man hinunter auf die Lichter der Stadt an der Donau und seine skurrilen Einwohner.

Man sollte aber aufpassen, dass der Tag nicht so endet wie er gestartet ist, denn Wien ist, folgt man Helmut Qualtinger und André Heller, ein »Taschenfeitl« (Taschenmesser) »unter einem Himmel voll Schädlweh ein zehnmal gekochtes Burenheidl (Burenwurst), auf das man nicht heiß ist, aber trotzdem steht«. Und da kann es schon mal vorkommen, dass einem nach einer solchen Tour durch Wien die Frau Pingitzer aus den Träumen läutet, weil sie ihrer Schwester etwas vergessen hat zu erzählen.

Helmut Qualtinger and André Heller: Wean, du bist a Taschenfeitl

Text: Stefanie Katzinger, last updated: 13 Feb 2020

More stories