Zum Inhalt springen

Worldwide

Tanzende Schallwellen

Die Videoinstallation »MYRINX« macht im Eingangsbereich der Elbphilharmonie Geräusche sichtbar.

Was würde das Gebäude der Elbphilharmonie hören, wenn es ein Lebewesen wäre?

Till Nowak

Es gehört zu den faszinierendsten Teilen in unserem Körper: Das menschliche Trommelfell ist nur halb so groß wie eine 1-Cent-Münze, doch fürs Hören absolut unverzichtbar. Sämtliche Töne, die in Form von Schallwellen auf das Ohr treffen, werden im Trommelfell in mechanische Schwingungen übersetzt. Nur durch diese entscheidende Umwandlung kann das Ohr die Informationen weiter verarbeiten und sie ans Gehirn leiten, wo sie schließlich als Töne und Melodien erkannt werden.

Was im Ohrkanal im Kleinen und Verborgenen passiert, überträgt Medienkünstler Till Nowak auf die 18 mal 5 Meter große LED-Wand am Eingang der Elbphilharmonie. In seiner neuen Installation MYRINX (lateinisch für Trommelfell) wird die Fassade am Haupteingang zum visuellen Ohr des Gebäudes. »Was würde das Gebäude der Elbphilharmonie hören, wenn es ein Lebewesen wäre?«, fragt sich Nowak – und liefert die Antwort in digitalen Animationen.

Till Nowak
Till Nowak © Claus Friede

Zusammen mit Tontechniker Martin Gerigk hat er allerhand Geräusche aufgenommen, die in und um die Elbphilharmonie zu hören sind: Die Vibrations- und Schiffsschraubengeräusche am Sockel des Gebäudes, das Wasserrauschen in Leitungen, die Kaffeemaschine im Restaurant, das Pfeifen des Windes am geöffneten Fenster, das Surren der Rolltreppe, den Applaus im Großen Saal.

Martin Gerigk und Till Nowak bei der Arbeit
Martin Gerigk und Till Nowak bei der Arbeit © Claus Friede

Zum Künstler

Der 1980 geborene Till Nowak lebt und arbeitet in Los Angeles als freischaffender Künstler und bei großen Filmstudios. Seine Werke sind auf Filmfestivals rund um die Welt zu Gast, für seine Produktionen erhielt er zahlreiche Preise. Ausstellungen und Bücher präsentierten seine Kunst. Bevor er 2015 nach Los Angeles ging, lebte der Digital Artist, Lichtkünstler und Filmemacher viele Jahre in Hamburg.

MYRINX ist das neueste Werk aus einer Reihe von Installationen, in denen Till Nowak physikalische Phänomene künstlerisch interpretiert: Bei Kelvin, einer Projektion auf den historischen Wasserturm in Neumünster, wird die Außentemperatur auf der Fassade farblich dargestellt; bei Aura in der HafenCity beeinflusst die Bewegung von Passanten die Erscheinung des Werks.

Diese Aufnahmen übertrug Nowak anschließend in mehreren digitalen Arbeitsprozessen ins Visuelle: Der erste Schritt hierfür war die »Spektralfrequenzanalyse« – mit ihr werden Töne farblich dargestellt. In einer Art zweidimensionalem Klangteppich leuchten die unterschiedliche Tonhöhen und Lautstärken unterschiedlich hell auf.

Mit diesen Klangbildern arbeitete der Künstler weiter. Mit der sogenannten »Displacement«-Technik übertrug er die Grafiken ins Dreidimensionale: Je heller ein Pixel im Bild, desto stärker die dreidimensionale Verschiebung. Ein heller Streifen wurde so zu einer länglichen Erhebung, ein farbiger Klangteppich zu einer organisch anmutenden Hügellandschaft, in der sich die verschiedenen Frequenzen als Berge oder Täler abzeichnen.

Zur Vorstellung seiner neuen Installation war Till Nowak aus Los Angeles zugeschaltet
Zur Vorstellung seiner neuen Installation war Till Nowak aus Los Angeles zugeschaltet © Michael Zapf

Im letzten Schritt erweckte er die 3D-Flächen in individuellen Animationen zum Leben. Das Originalklangbild bildet die Basis der Animationen und bleibt jeweils in ihr erkennbar, gleichzeitig verweist Till Nowak aber auch auf die künstlerische Freiheit bei der Umsetzung: »Das Projekt verbindet das Wissenschaftliche mit dem Künstlerischen. Es gibt einen fließenden Übergang zwischen der Messung und deren gestalterischer Interpretation.« Für die Oberflächen der Formen wählte Nowak eine chrom-metallisch anmutende Struktur, die auf Materialien verweist, die auch die Elbphilharmonie-Architekten Herzog & de Meuron im Gebäude verwendet haben.

Myrinx / Till Nowak

Zu sehen im Eingangsbereich der Elbphilharmonie vom 1.-31. März

Damit Passanten und Besucher die hügeligen Animationen auf der LED-Wand einordnen können, sind sie jeweils zweisprachig (deutsch und englisch) betitelt, etwa »Rolltreppenfahrt in der Elbphilharmonie« oder »Wind an der Fassade der Elbphilharmonie«.

»Das Ziel der Installation ist die Vorstellung eines urbanen Ohrs«, so Nowak. »Es reflektiert das Geschehen in und um die Elbphilharmonie, verändert unsere Wahrnehmung des Ortes, lenkt das Bewusstsein auf das eigene Hören – alles schwingt.«

MYRINX besteht aus einem vierzehnminütigen, sich wiederholenden Zyklus und ist vom 1. bis 31. März am Haupteingang der Elbphilharmonie zu sehen.

Weitere Artikel