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Radikales aus dem Unterdeck

Eine Band, die sich was traut, lädt im Kaistudio zu musikalischen Experimenten: Das Ensemble Decoder im Porträt

Seit einigen Jahren zählt das Ensemble Decoder zu den  innovativsten  und  unberechenbarsten  Vertretern  der  internationalen  Neue-Musik-Szene. Im intensiven Austausch mit Komponisten der jüngsten Generation – drei Musiker des Ensembles komponieren auch selbst – erschaffen sie ganz eigene, energetische Klänge und überzeugen damit sowohl in Konzerthäusern als auch in angesagten Clubs.

Decoder Ensemble
Decoder Ensemble © R. Stoehr/ L. Strohm

»Unterdeck«

Zu den Konzerten

Wir hatten immer den Wunsch, den Bandgedanken auf die zeitgenössische Musik zu übertragen

Sonja Lena Schmid

»Was uns eint, ist der Rock ’n’ Roll«

2011 gründete sich die siebenköpfige Formation als freier Klangkörper, fernere Verbindungslinien führen zur Hamburger Musikhochschule, näherliegende Assoziationen aber verweisen auf eine ganz andere Welt: »Wir haben uns damals einfach überlegt, mit wem wir in Hamburg aktuelle Musik machen wollen. Was uns jetzt als Band eint, ist wahrscheinlich der Rock ’n’ Roll«, sagt die Sängerin Frauke Aulbert – und bringt damit einen zentralen Begriff für das Selbstverständnis des Ensembles ins Spiel: Decoder begreift sich als Band.

»Wir hatten immer schon den Wunsch, den Bandgedanken auf die zeitgenössische Musik zu übertragen«, erklärt die Cellistin Sonja Lena Schmid: »Wir treffen alle Entscheidungen gemeinsam, spielen auch mit verstärkten oder elektronischen Instrumenten, wir fühlen uns stark zum Performativen hingezogen – und wir haben eine Frontfrau.«

Ensemble Decoder

Ungewöhnliche Besetzung

Eben diese Frontfrau, Frauke Aulbert, ist Stimmkünstlerin und erforscht mit ihrem Stimmumfang von vier Oktaven jegliche Sounds zwischen klassischem Gesang und exotischen Techniken. Mit Alexander Schubert, Leopold Hurt und Andrej Koroliov sind drei der Bandmitglieder selbst Komponisten, aber auch Instrumentalisten an Elektronik, E-Zither, Video und Klavier. Die Cellistin Sonja Lena Schmid und Carola Schaal an der Klarinette wiederum verbinden ihr künstlerisches Können mit einer spürbaren Lust an der Performance, die sie der zunehmenden Entkörperlichung westlicher Kunstmusik entgegensetzen.

Alexander Schubert/ Decoder Ensemble
Alexander Schubert/ Decoder Ensemble © Gerhard Kuehne

In angesagten Clubs

Einen festen Raum hat Decoder nicht, die Musiker haben ihre Projekte anfangs in verschiedenen Clubs und  alternativen Konzertsälen realisiert, etwa im Uebel & Gefährlich oder im Berliner Berghain. Inzwischen spielen sie auch auf namhaften internationalen Festivals wie dem Warschauer Herbst oder dem Klang Copenhagen Avantgarde Music Festival. Und sie wählen sehr genau aus, welcher Raum ihren Programmen entspricht, sehen ihn stets als Teil der Performance. Hamburg aber bleibt die Brutstätte für neue Projekte: »Alles, womit wir auf Tour gehen, heben wir hier aus der Taufe«, sagt die Cellistin Schmid.

Elbphilharmonie Kaistudio
Elbphilharmonie Kaistudio © Michael Zapf

Neue Reihe »Unterdeck«

Nun zieht Decoder mit der eigenen Konzertreihe »Unterdeck« ins Souterrain der Elbphilharmonie. »Das Unterdeck, also offiziell das Kaistudio, war ja ursprünglich für experimentelle Formate und Education-Projekte gedacht, wurde bislang aber hauptsächlich für Letztere genutzt«, sagt Schmid. »Jetzt gehören wir zu den Ersten, die das Experiment in diesen Raum bringen.«

Das schlichte, weiße Kaistudio ist der einzige Saal in der Elbphilharmonie, den keine gefräste Haut ziert. Keine Gipswaben, keine Kiemen aus geräucherter Eiche. Stattdessen: ein unerwarteter Ausblick auf die Elbe, die Öffnung zum Hafen.

Text: Elisa Erkelenz

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