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Musikvermittlung XXL

Einblicke in das große Musikvermittlungsprogramm »El Sistema« aus Venezuela.

In Venezuela habe ich die Zukunft der klassischen Musik gesehen

Sir Simon Rattle

Das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar, das beim Festival ¡Viva Beethoven! sämtliche Beethoven-Sinfonien aufführt, hat seine Wurzeln, ebenso wie sein Dirigent Gustavo Dudamel, im venezolanischen Musikvermittlungsprojekt El Sistema.

»In Venezuela habe ich die Zukunft der klassischen Musik gesehen« – große Worte, die von niemand Geringerem stammen als Sir Simon Rattle, dem Chef der Berliner Philharmoniker. Die Rede ist von dem weltweit beispiellosen Musikvermittlungs- und Sozialprojekt Fundación del Estado para el Sistema de Orquesta Juvenil e Infantil de Venezuela, kurz El Sistema.

Eröffnungskonzert von  »¡Viva Beethoven!«
Eröffnungskonzert von »¡Viva Beethoven!« © Claudia Höhne
© Andreas Knapp

Ins Leben gerufen wurde »Das System« vom venezolanischen Dirigenten und Visionär José Antonio Abreu. Das war 1975, zu einer Zeit, als in Venezuela gerade einmal zwei Sinfonieorchester existierten, noch dazu überwiegend besetzt mit Instrumentalisten aus Europa und Nordamerika. Klassische Musik war einer reichen Elite vorbehalten.

Ein kühnes Projekt

Diese Strukturen wollte Abreu aufbrechen. Seine Vision war es, die musikalische Ausbildung zu einem Grundrecht zu machen und Kindern auf diese Weise eine Perspektive zu geben. Er gründete das nach dem südamerikanischen Freiheitskämpfer benannte Simón-Bolívar-Jugendorchester und überzeugte die Regierung, sein Projekt zu unterstützen. So entstand das System der Kinder- und Jugendorchester, das bis heute etwa 500.000 Teilnehmer durchlaufen haben. Unterrichtet werden sie von über 15.000 Musiklehrern an etwa 350 »Núcleo« genannten Musikschulen in jedem Winkel des Landes.

Musik für alle

Die Nachfrage ist so groß, dass die staatlich zur Verfügung gestellten Instrumente manchmal knapp werden und die Kleinsten auf selbstgebauten Instrumenten aus Pappe ihre ersten Griffe üben müssen. Der Motivation schadet das nicht. Im Gegenteil: Fast täglich erhalten die Kinder kostenlosen Musikunterricht, und – das ist das Besondere – vom ersten Tag an spielen sie in einem Orchester ihrer Altersklasse.

© Andreas Knapp

Mittlerweile sind aus El Sistema sage und schreibe 500 Kinder-, 180 Jugend- und 30 professionelle Sinfonieorchester hervorgegangen. Doch bei allen musikalischen und künstlerischen Erfolgen – in einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht sind, stellt El Sistema nach wie vor in erster Linie ein soziales Projekt dar.

Neue Perspektiven durch Musik

»Ausgrenzung ist die Wurzel allen Übels in der Gesellschaft«, diagnostizierte Abreu einmal. Und genau hier kann ein Sinfonieorchester, dessen Aufbau mit der einer Gesellschaft in vielerlei Hinsicht vergleichbar ist, ansetzen. Hier hat jeder seine Rolle (bzw. Stimme) und trägt eine Verantwortung für das Ergebnis. Der ideale Ort also, um Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Disziplin, Geduld und Toleranz zu lernen.

Wenn jedes Kind einen Zugang zu Kultur hat, wird die Welt ein sensiblerer und besserer Ort sein.

Durch El Sistema kommen die Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder Hautfarbe zusammen, um sich gemeinsam für eine Sache zu engagieren. Abreu ist dieser Fokus wichtig: »Das Projekt arbeitet zwar mit Mitteln der Musik, ist aber zuvorderst ein soziales, zur Förderung allgemeiner menschlicher Qualitäten.« Auch Gustavo Dudamel ist sich sicher: »Wenn jedes Kind einen Zugang zu Kultur hat, wird die Welt ein sensiblerer und besserer Ort sein.«

Für sein großes Engagement wurde José Antonio Abreu vielfach ausgezeichnet, unter anderem von der Unesco und der Unicef, mit dem Polar Music Prize, dem TED Prize, dem Yehudi Menuhin Award und dem Frankfurter Musikpreis.

El Sistema sorgte für so viel Aufsehen, dass inzwischen zahlreiche Ableger entstanden sind: in den USA, in Kanada, aber auch hierzulande. So stand es z.B. Pate für Projekte wie »Jedem Kind ein Instrument«. Die Zukunft der klassischen Musik hat begonnen – weltweit.

Das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar zu Gast in der Elbphilharmonie

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