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Musik, die atmet

Zwischen Minimal und Ambient macht Midori Takada Musik, die sich nicht aufdrängt – und daher umso lebendiger klingt.

EINE JAPANERIN IM INSTRUMENTENWALD

Fünf Concert Toms, zehn Becken, eine Marimba: Mehr Instrumente braucht Midori Takada nicht für ein Solokonzert. Am 16. November gibt die legendäre japanische Perkussionistin auf diesem Instrumentarium ihr Debüt im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Die Becken sind auf Ständern montiert und so auf der Bühne verteilt, dass sie aussehen wie ein kleiner Wald aus Bäumen mit goldenen Kronen. Das sieht nicht nur schön aus, es gibt auch einen Hinweis auf Takadas Verständnis von Musik, von Instrumenten und von Klang an sich. Die gelernte Schlagzeugerin erlebt und behandelt Musik als lebendigen Organismus. Alles, was sie spielt, atmet. Nichts an ihrer Musik ist rein mechanisch, und das ist für ein ganz überwiegend mit Stöcken und Schlägeln behandeltes Instrumentarium alles andere als selbstverständlich.

Midori Takada

DAS INNERE SELBST STÄRKEN

Als Midori Takada vor knapp 40 Jahren eine Zeitlang Schlagzeugerin beim Radio-Symphonie-Orchester Berlin war, nahm die Welt erstmals Notiz von ihr. Aber die klassische westliche Musik bereitete der jungen Frau aus Tokio zunehmend Kopfweh: »Sie verwendet ihren Geist und ihre Energie darauf, aggressiv im Außen liegende Ziele zu erreichen und sie zu dominieren«, behauptet Takada. »Ihr Geist beruht nicht darauf, das innere Selbst zu stärken.« Diese Eigenschaften fand sie umso mehr in afrikanischer und asiatischer Musik. Die einzige westliche Musik, die sie zu der Zeit noch interessierte, war Minimal Music. Was sie daran reizte, war das Fehlen eines Ausdrucksbedürfnisses von Emotionen.

Das scheint der Aussage vom steten Atem in ihrer Musik zu widersprechen. Tatsächlich klingt Takadas Musik wärmer und elastischer als etwa die von Steve Reich, aber das Subjekt hinter den Klängen scheint vollständig verschwunden. Es ist, als würde Takada eigenartige Lebewesen aus Rhythmen und Tönen in die Welt setzen, die von ihr selbst ganz und gar unabhängig sind.

Midori Takada

THROUGH THE LOOKING GLASS

Midori Takadas Status als Legende gründet auf einem Album, das sie mit 32 Jahren in Japan veröffentlichte. »Through The Looking Glass« hieß das Werk. Trotz seines farbenfrohen Covers interessierte sich damals, 1983, mit Ausnahme weniger Spezialisten niemand dafür. Angelehnt an den Stil der naiven Malerei, reitet auf dem Covergemälde eine nackte Frau auf einem Fabelwesen durch eine recht surreale Szenerie. Die Musik nahm im Titel eines Stücks auch ausdrücklich Bezug auf Henri Rousseau, den Großmeister der Naiven Malerei.

Through The Looking Glass: Midori Takada

SCHLICHTE GRÖSSE

Aber was Midori Takada da ganz allein, nur mithilfe eines Toningenieurs, in zwei Tagen an Musik aufgenommen hatte, klang alles andere als naiv. Auf einem etwas umfangreicheren Instrumentarium als heute, zu dem auch Tasteninstrumente und eine Colaflasche gehörten, schichtete sie in vier recht unterschiedlich timbrierten Stücken Tonspur um Tonspur auf ein analoges Band. Das Multiplay-Verfahren im Alleingang ließ an Mike Oldfields »Tubular Bells« (1973) denken, aber die Musik klang ganz anders; selbstgenügsam, uninteressiert an Virtuosität, frei von allem Auftrumpfenden.

LEGENDÄRES ALBUM

Kaum jemand kaufte das Album, auf CD wurde es gar nicht erst veröffentlicht. Im Second-Hand-Markt aber war die Platte sehr begehrt und wurde mit Preisen bis zu 750 Pfund gehandelt. Anfang des Jahres nun erschien auf Vinyl und CD ein Re-Issue von »Through The Looking Glass«, sehr zur Freude von Liebhabern ausgewählter Musik von Prog-Rock bis Neo-Klassik. Seither ist das Interesse an der Künstlerin, die zwischendurch nur sehr vereinzelt Plattenaufnahmen machte, aber als Performerin immer präsent blieb, wieder sprunghaft gestiegen.

Midori Takada

LIVE IN DER PARALLELWELT

Bei Midori Takadas Soloauftritt im April dieses Jahres im »Café Oto« in London zeigte sich der Kritiker der »Financial Times« besonders von ihrem Marimbaspiel angetan: »Takada ist eine gewandte Performerin, die präzise kreisförmige Patterns aus ihrem Instrument klöppelt. Diese Patterns wechseln zwischen treibenden westlichen und atonalen bis asiatisch-folkloristischen Motiven.« Er bilanzierte ihr Konzert mit den Worten: »So etwas habe ich selten gehört oder gesehen. Takada arbeitet nach einer alternativen musikalischen Logik; sie erschafft heitere Parallelwelten, die man voller Freude betrachtet, aber nie wirklich verstehen wird.«

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