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Musik als Utopie

Was wäre, wenn ...? »Utopie« lautet das Motto des 3. Internationalen Musikfests Hamburg.

Alle Menschen werden Brüder! Eine großartige Vision verbirgt sich hinter diesen Worten, eine Utopie. Was wäre, wenn? Wie sähe die Welt aus? Ist eine bessere Zukunft für alle Erdenbürger vorstellbar? Es ist kaum ein Zufall, dass ausgerechnet diese Worte den Text zum wohl berühmtesten Musikstück überhaupt – Beethovens Neunter Sinfonie bilden.

Utopie – ein großes Wort, das Vision mit Fantasie, Optimismus und ja, einem Schuss Pathos verbindet. Die meisten Konzerte des 3. Internationalen Musikfestes lassen sich auf unterschiedliche Aspekte des Themas beziehen – nicht nur auf Beethovens Neunte, die das Mahler Chamber Orchestra am 15. Mai in die Elbphilharmonie bringt.

Mehr zum Internationalen Musikfest Hamburg

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elisium, Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligthum.

Aus Schillers »An die Freude«

Friedrich Schillers Ode »An die Freude« ist eines seiner bekanntesten Gedichte. Ludwig van Beethoven vertonte Teile des Gedichts im Schlusschor seiner Neunten Sinfonie, die bis heute für Brüderlichkeit, Frieden und Völkerverständigung steht. Seit 1985 ist die Melodie die Hymne der Europäischen Union.

Thomas Morus
Thomas Morus

KEIN GELD, KEIN BESITZ, KEINE KRIMINALITÄT

Der Begriff »Utopie« selbst geht zurück auf den englischen Staatsmann und Gelehrten Thomas Morus. Vor fast genau 500 Jahren veröffentlichte er seinen philosophischen Roman »Utopia«, nach der Bibel das meistgedruckte Buch der Welt.

Darin rechnete er bissig mit den politischen und gesellschaftlichen Auswüchsen seiner Zeit ab und stellte ihnen als Antithese die fantastische Insel Utopia gegenüber: eine ideale, totaldemokratische Gesellschaft, in der es kein Geld, keinen Privatbesitz und keine Kriminalität gibt und wo Recht, aufgeklärte Vernunft und unbedingter Kollektivismus herrschen.

Thomas Morus: Utopia (Titelholzschnitt)
Thomas Morus: Utopia (Titelholzschnitt)

Dystopien

Im Lauf der Geschichte schienen seither immer wieder Punkte erreicht, an denen Morus‘ Vision eines (vermeintlich) idealtypischen Staates in greifbare Nähe rückte – doch immer wieder zerschellten die Hoffnungen.

Überhaupt liegen Utopie und ihr negatives Spiegelbild, die Dystopie, oft eng beisammen. Als Thomas Morus‘ dystopische Erben dürfen Aldous Huxley und George Orwell gelten, die in ihren Romanen »Brave New World« (1932) und »1984« (1948) entmenschlichte Überwachungsstaaten entwarfen.

»Metropolis« / Stummfilm von Fritz Lang, 1927

Auch das Musikfest stellt solche finsteren Orte vor: die Outlaw-Stadt »Mahagonny« etwa, deren Aufstieg und Fall Kurt Weill als Musiktheater inszenierte und die nun in der Laeiszhalle angesiedelt wird. Oder die auf brutale Unterdrückung der Arbeiterschicht fußende »Metropolis«, die der Regisseur Fritz Lang 1927 im ersten abendfüllenden Science-Fiction-Film der Kinogeschichte erschuf.

Erstens, vergeßt nicht, kommt das Fressen / Zweitens kommt der Liebesakt / Drittens das Boxen nicht vergessen / Viertens Saufen, laut Kontrakt.

Aus Brechts »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«

»Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« ist, neben der »Dreigroschenoper«, das zweite große Gemeinschaftsprojekt von Bertolt Brecht und und Kurt Weill. Die Premiere 1930 in Leipzig entfachte einen Theaterskandal. Denn: »Berthold Brecht und Kurt Weill halten in der Oper der bürgerlichen Welt mit ihren kapitalistischen Gesetzen einen Zerrspiegel vor. Der Mensch – ein Raubtier, der Kapitalismus – dem Untergang geweiht, die Musik dazu - aus Trümmern neuer und alter, klassischer und trivialer Musik zusammengesetzt.«

Deutschlandfunk: Flop, Skandal, Erfolg / 75 Jahre »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Weltraum

Technologie, der Weltraum und die ferne Zukunft (oder alle drei im Zusammenspiel) waren schon immer ein dankbares Feld für Utopisten. Der Archetyp des von enthemmten Wissenschaftlern gezeugten futuristischen Monsters ist Frankenstein, ersonnen bereits 1818 und beim Musikfest in einer spektakulären Operninszenierung zu erleben.

Seither bevölkerten Roboter, Replikanten, Cyborgs und andere außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenzen unzählige Buchseiten und Kinoleinwände.

Mary Shelleys Roman »Frankenstein« wurde 1931 zum ersten Mal mit Ton verfilmt. Der Regisseur James Whale schuf damit einen Klassiker des Horrorfilms, dem zahlreiche weitere Verfilmungen folgten. Boris Karloff, der das Monster spielte, gelang mit Frankenstein der Durchbruch als Schauspieler.

»Frankenstein« beim Internationalen Musikfest Hamburg

Der größte Utopist von allen

Der größte Utopist von allen aber war Karlheinz Stockhausen, dem beim Musikfest ein eigener, umfangreicher Schwerpunkt gewidmet ist. Als Leiter des Studios für elektronische Musik beim WDR erschuf er mit Frühformen des Synthesizers einen ganzen Kosmos bisher ungeahnter Klänge und stieß damit in neue Dimensionen der Musik vor.

Stockhausen war überzeugt von einer höheren Stufe der menschlichen Existenz – und dass Musik der Schlüssel dazu sei. Auf diesem Pfad lohnt es sich, ihm zu folgen. Die Utopie der Musik klingt weiter.

Wenn unser Verstand sich extrem anstrengt und an die Grenze dessen kommt, was analysierbar und beschreibbar ist, beginnt die Mystik. Dort ist für mich als Musiker meine Heimat. Da will ich hin.

Karlheinz Stockhausen

2001 wurden in Hamburg zwei Konzerte von und mit Karlheinz Stockhausen nach unbedachten Äußerungen des Komponisten im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September kurzfristig abgesagt. Zehn Jahre nach Stockhausens Tod scheint die Zeit reif dafür zu sein, den musikalischen Welten des erratischen Sternenklangmeisters aus Köln auch in der Hansestadt wieder unvoreingenommen zu begegnen.

Zwei Gastspiele der Mailänder Scala, Konzerte mit dem Philadelphia Orchestra, ein Stockhausen-Schwerpunkt und zur Eröffnung Beethovens »Missa Solemnis«: Das Internationale Musikfest Hamburg geht ab dem 27. April in seine dritte Runde.

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