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Meeresmusiken

Zum Festival »Transatlantik« eintauchen in Musik des Meeres – von Windstärke 0 bis 12, von Telemann bis Britten.

Das Meer. Unendliche Weiten. Bei leichtem Wind eine quecksilbrige Oberfläche, die das Sonnenlicht glitzernd reflektiert, bei starkem Wind eine tosende Masse, aufgepeitscht zu haushohen, gischtsprühenden Brechern.

Es ist kein Wunder, dass Maler quer durch die Epochen immer wieder versucht haben, die vielgestaltigen Zustände und Lichtstimmungen des Meeres auf der Leinwand festzuhalten, vom niederländischen Schiffstableau bis zum impressionistischen Sonnenuntergang. Auch zahlreiche Komponisten ließen sich vom Meer inspirieren: Eine Auswahl großer Meeresmusiken, sortiert nach vorherrschender Windstärke.

Ludwig van Beethoven: Meeresstille und Glückliche Fahrt (1815)

Windstärke: 0

Beethoven

Fünf Minuten totale Flaute – das muss man auch erst einmal komponieren. Beethoven schafft es in dieser Kantate auf Basis zweier Goethe-Gedichte (Mendelssohn später unter demselben Titel auch rein instrumental). Doch just wenn sich die Augenlider der allgemeinen Trägheit ergeben, kommt Wind auf.

Die Bewegung klingt allerdings weniger nach Segelboot als vielmehr wie eine berittene Jagdgesellschaft mit Hornsignalen. Kein Wunder: Beethoven war nur ein einziges Mal am Meer, während eines Ausflugs von Bonn aus in die Niederlande, im zarten Alter von zwölf Jahren. 

Erik Satie: Le Bain de mer (1914)

Windstärke: 1

Erik Satie

Skurriler Humor und musikalische Lakonie waren das Markenzeichen von Erik Satie. In seinem Klavierzyklus »Sports et Divertissements « von 1914 stellt er 20 Sportarten und Zeitvertreibe musikalisch dar. Nr. 9: Baden im Meer. Dazu notierte er einen kleinen Stranddialog: »Das Meer ist groß, Madame. Auf jeden Fall ist es ziemlich tief. Sie setzen sich besser nicht auf seinen Grund, da ist es sehr feucht. Ah, hier kommen die guten alten Wellen. Sie sind voller Wasser. – Oh, Sie sind ja ganz nass!« »Oui, Monsieur.«

Georg Philipp Telemann: Hamburger Ebb' und Fluth (1723)

Windstärke: 2 (mit Sturm im Glas)

Georg Philipp Telemann

46 Jahre lang wirkte Georg Philipp Telemann als Hamburger Musikdirektor. Zu seinen Aufgaben gehörten auch Festmusiken wie die zum hundertjährigen Jubiläum der Hamburger Admiralität 1723. Einst gegründet, um Handelsschiffe vor Piratenüberfällen zu schützen, übernahm diese Institution – ein Vorläufer der heutigen Handelskammer – bald auch die Organisation des Hafens.

Entsprechend maritim fiel Telemanns Musik aus. Der erste Satz beschreibt die friedliche See, der letzte den Gesang der »lustigen Bootsleute« – und in dieser Interpretation der Akademie für Alte Musik Berlin scheint es, als hätten diese Bootsleute gehörig einen im Tee. (Letzter Satz ab 17:42)

Antonio Vivaldi: La tempesta di mare (um 1720)

Windstärke 4–5

Antonio Vivaldi

In der Musik der Barockzeit war das Motiv des Sturms weit verbreitet. Dutzende von Opern beginnen damit, dass der Held vom Wind des Schicksals an die Gestade einer einsamen Insel gespült wird, wo ihn eine Zauberin /Geliebte / Bestie erwartet, manchmal sogar in ein und derselben Person. Vivaldi, ein Meister der Naturschilderung, schrieb zudem gleich mehrere Solokonzerte für Flöte oder Geige mit dem Beinamen »Der Sturm des Meeres«.

Als Venezianer dürfte er zwar mehr mit Gondeln als mit Segelschiffen unterwegs gewesen sein; immerhin aber hatte er vom Fenster des Waisenhauses, bei dem er als Geigenlehrer angestellt war, einen guten Blick auf die Lagune.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Die Hebriden (1832)

Windstärke: 6

Felix Mendelssohn Bartholdy

Wie es sich für einen ambitionierten jungen Mann aus gutem Hause gehörte, brach Mendelssohn im Sommer 1829 zur Bildungsreise Richtung Großbritannien auf. Schon zuvor hatte er sich vorgenommen, ein schottisches Stück zu schreiben, »weil ich das Meer auf dem festen Land sehr liebe und es sogar zu einer Sinfonie mit Dudelsack gebrauchen will«. Diesen Vorsatz setzte er – leider? glücklicherweise? – nicht in die Tat um.

Dafür aber entstand eine Konzert- Ouvertüre als klingender Reisebericht seiner stürmischen Überfahrt auf die Hebriden-Inseln, die er auch in einem Brief schilderte: »Die schottischen Highlands und das Meer brauen miteinander nichts als Whisky, Nebel und schlechtes Wetter.

Die Fahrt mit unserem Dampfschiff war alles andere Als erfreulich. Je tiefer das Barometer fiel, desto höher stieg die See. Die Ladies fielen um wie die Fliegen, und der ein oder andere Gentleman tat es ihnen gleich.«

Claude Debussy: La mer (1905)

Windstärke: 2–8

Claude Debussy

Mit seinen duftigen Klängen schuf Claude Debussy das akustische Pendant zur impressionistischen Malerei von Monet, Manet und Renoir. Eines seiner Hauptwerke und gleichzeitig das Meeresmusikstück schlechthin ist »La mer«. In etwa 25 Minuten empfindet es die vielgestaltige Natur des Wassers nach, etwa durch rauschende Harfen, perlende Flöten oder Wellenbewegungen der Streicher, sodass einem schon beim Lesen der Partitur schwindelig wird.

Und das nicht von ungefähr: 1889 unternahm Debussy eine Bootstour entlang der bretonischen Küste. Der Fischerkahn kam beim aufziehenden Unwetter so ins Schaukeln, dass alle seekrank wurden – außer Debussy, der ernsthaft erklärte: »Solch ein leidenschaftliches Gefühl habe ich noch nie erlebt. Man lebt!« »La mer« entstand allerdings erst 13 Jahre später während eines Urlaubs im Burgund.

Gegenüber einem Freund rechtfertigte sich der Komponist: »Sie werden einwenden, dass der Ozean nicht gerade die burgundischen Weinberge umspült. Aber ich habe unzählige Erinnerungen – und meiner Ansicht nach sind sie mehr wert als eine konkrete Wirklichkeit, die unser Denken und unsere Fantasie ja doch eher belastet.«

Benjamin Britten: Four Sea interludes from Peter Grimes (1945)

Windstärke: 10

Benjamin Britten

Niemand prägte die englische Musik des 20. Jahrhunderts so sehr wie Benjamin Britten. Geboren in Suffolk, dem östlichsten Zipfel des Landes, der den Stürmen der Nordsee besonders stark ausgesetzt ist, erklärte er: »Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer.

Das Haus meiner Eltern blickte direkt auf die See, und zu den Erlebnissen meiner Kindheit gehörten die wilden Stürme, die oftmals Schiffe an unsere Küste warfen und ganze Strecken der benachbarten Klippen wegrissen.

Als ich meine Oper ›Peter Grimes‹ schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben und ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen. « Besonders eindrücklich gelang ihm dies in den instrumentalen Zwischenspielen der Oper, die er anschließend noch einmal unter dem Titel »Four Sea Interludes« herausbrachte.

Ralph Vaughan Williams: A Sea Symphony (1903–1909)

Windstärke: 0–12

Ralph Vaughan Williams

Als es Anfang des 20. Jahrhunderts darum ging, einen neuen sinfonischen Stil zu etablieren, glühten in ganz Europa die Köpfe. In Paris versuchten sich Ravel und Strawinsky an immer raffinierteren Klangkombinationen, in Wien experimentierten Schönberg und seine Schüler mit der Atonalität, während die Sinfonien Gustav Mahlers immer länger wurden.

In London kombinierte Ralph Vaughan Williams mehrere dieser Elemente: Seine gewaltige, über eine Stunde dauernde »Sea Symphony« verwendet ebenso wie Mahlers zeitgleich entstandene »Sinfonie der Tausend« einen Chor und mehrere Solisten. Edward Elgars spätromantisch- schwelgerischer Tonfall mit einem Hauch von »Rule, Britannia!« klingt ebenso durch wie die exotischen Harmonien von Vaughan Willams’ Lehrer Ravel.

Gleichzeitig beruht die Sinfonie auf sozialkritischen Texten des amerikanischen Dichters Walt Whitman und deutet das Meer auf diese Weise als große Metapher für das Leben – mit allen seinen Sonnenseiten und Stürmen.

Richard Wagner: Ouvertüre zu »der fliegende Holländer« (1841)

Windstärke: 12

Richard Wagner

Ein Geisterschiff spielt die Hauptrolle in Wagners früher Oper »Der fliegende Holländer«. Verflucht, für alle Zeiten über die Weltmeere zu segeln, erscheint es Seeleuten, wenn Gefahr droht. Nur die aufrichtige Liebe einer Frau kann den Kapitän und seine Mannschaft erlösen. Für diese untote Crew schrieb Wagner 1841 eine sturmgepeitschte Musik, die man problemlos als Soundtrack für den Film »Fluch der Karibik« nutzen könnte.

Der Komponist war kurz zuvor selbst über die Meere geirrt: Hoffnungslos verschuldet, floh er vor seinen Gläubigern von Riga aus mit Frau und Hund Hals über Kopf über das Meer. Vier Wochen zickzackte das Segelschiff, das er heimlich bestiegen hatte, über Ost- und Nordsee, deutsche Häfen meidend, überstand etliche Stürme und brachte Wagner schließlich nach London, von wo er nach Paris weiterreiste.

Wie sich das Heulen des Windes in der Takelage anhört, musste ihm anschließend niemand mehr erklären – und noch heute hört man es in den ersten Takten der »Holländer«-Ouvertüre.

Dieser Artikel wurde aus Ausgabe 2 / 2017 des Elbphilharmonie Magazins entnommen.

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