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Interview: Sasha Waltz

Wie tanzt es sich auf den Treppengeländern im Foyer des Großen Saals?

Die Elbphilharmonie ist wie ein großer Dampfer

Sasha Waltz

Vier Tage lang haben die Choreografin Sasha Waltz und ihre Tanzcompagnie die Elbphilharmonie erobert: Ausgehend von Francis Poulencs Chorwerk »Figure Humaine« weihten sie vom 1. bis 4. Januar die Elbphilharmonie Foyers ein. Dazu erklang Musik von Hildegard von Bingen, Béla Bartók, György Ligeti, Dmitri Schostakowitsch und anderen, beteiligt waren über 80 Tänzer und Musiker, darunter die Geigerin Carolin Widmann.

Sasha Waltz & Guests in der Elbphilharmonie
Vocalconsort Berlin / Probe Sasha Waltz & Guests

Was hat Sie an der Elbphilharmonie besonders inspiriert?

Es gibt so viele Assoziationen hier. Nach außen wirkt sie wie eine große Welle, die sich aus dem Wasser erhebt. Diese Verbindung zum Himmel und zum Wasser spürt man auch innen – manchmal durchaus dramatisch, wenn man ganz nah an die großen Glasscheiben und den Rand des Gebäudes tritt. So wird die Gewalt, die der Blick nach oben oder nach unten birgt, ganz stark körperlich erfahrbar.

Der Innenraum hat wiederum einen klaren Fokus, er führt uns zum Kleinen oder Großen Saal, und vor allem Letzterer birgt wieder ganz viele Assoziationsmöglichkeiten. Er wirkt wie ein großer Dampfer, der die Foyers drumherum wie Wasser zur Seite drängt.

Und dann gibt es dort diese Haut, deren Oberfläche wieder aus ganz vielen Wellen besteht, als würde man von oben auf Wasser schauen, das sich leicht bewegt. Die Architektur lädt also bereits dazu ein, dass es bestimmte Richtungen im Raum gibt, in die man sich bewegt und wo man hingeführt wird.

Probe Sasha Waltz & Guests
Probe Sasha Waltz & Guests © Bernd Uhlig

Sie sagten einmal, dass Sie die Bewegungen Ihrer Choreografien aus der »Atmosphäre des Raumes« entwickeln. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich orientiere mich dabei sehr genau an der Architektur und daran, was diese vorgibt. Wo sind Blickachsen, wo gehen von Wänden Richtungen aus, wo sind in der Architektur schon Bewegungen angedacht? Oft leite ich sie auch von der Funktion der architektonischen Details ab, zum Beispiel laden in der Elbphilharmonie die breiten Holzgeländer und Treppen mit ihren individuellen Neigungen bereits zu bestimmten Bewegungen ein. Die Atmosphäre wird sehr stark durch die Architektur beeinflusst. Ich höre quasi zu, was die Architektur mir sagt.

Peggy Grelat-Dupont / Sergiu Matis / Liza Alpízar Aguilar / Corey Scott-Gilbert / Probe Sasha Waltz & Guests
Peggy Grelat-Dupont / Sergiu Matis / Liza Alpízar Aguilar / Corey Scott-Gilbert / Probe Sasha Waltz & Guests © Bernd Uhlig

Sind Tanz und Musik dabei genau festgelegt oder gibt es innerhalb dieser Struktur auch Öffnungen?

Es ist viel festgelegt, aber es gibt an bestimmten Stellen auch Improvisation. Ich würde es aber eher eine »strukturierte Improvisation« nennen, also eine Improvisation, bei denen die Regeln festgelegt sind, mit denen die Tänzer arbeiten können.

Sasha Waltz
Sasha Waltz © Bernd Uhlig

Musikalisch steht das A-cappella-Werk »Figure Humaine« von Francis Poulenc im Mittelpunkt. Warum haben Sie dieses Werk ausgewählt?

»Figure Humaine« ist während des Zweiten Weltkriegs entstanden und steht meiner Meinung auch für einen Zustand, in dem sich unsere Welt heute aktuell befindet: Wir erleben Wut und Hass, Gewalt, Terror und Krieg. Das Werk versteht sich als Aufruf zur Versöhnung und Menschlichkeit. Es bietet Ausblick auf Hoffnung, aber man muss erst durch einen Zustand der Düsternis hindurch. Auch wir befinden uns in sehr schwierigen und gespaltenen Zeiten, durch die wir gehen müssen.

Ich bin der Meinung, dass man das nicht ausklammern kann, auch wenn die Eröffnung dieses Hauses ja eigentlich ein freudiger Anlass ist. Wir wollten jetzt nicht einfach nur fröhliche Barockmusik spielen, das hätte sich nicht richtig angefühlt. Ich denke, wir müssen uns gerade als Künstler mit der Realität auseinandersetzen. Ich verstehe dieses Werk daher einerseits als Mahnung, aber gleichzeitig auch als Symbol der Hoffnung. Der letzte Satz von »Figure Humaine« mündet in einer Freiheitshymne: »Liberté«.

Vocalconsort Berlin / Carolin Widmann / Sasha Waltz
Vocalconsort Berlin / Carolin Widmann / Sasha Waltz © Bernd Uhlig

Welchen Effekt hat die spezielle Platzierung von Tänzern und Publikum im Raum?

Ich denke, es ist eine völlig andere Wahrnehmung der Musik, einfach nur durch die Raumerfahrung. Wenn wir in einem Konzert, in einem fokussierten Kammermusiksaal sitzen, hat man ein ganz anderes Klangerlebnis. Hier kann man von Weitem etwas hören und ganz langsam hinwandern, und gleichzeitig hört man die Schritte oder den Atem der Tänzer, die ganze Klangwelt drum herum, auch die Zuschauer. Die Musiker verändern auch ihre Position im Raum. Der Klang ist in Bewegung, nicht nur an einer Stelle.

Probe Sasha Waltz & Guests
Probe Sasha Waltz & Guests © Bernd Uhlig

War es eigentlich eine große Einschränkung, dass im Großen Saal vor der offiziellen Eröffnung am 11. Januar noch keine Musik erklingen darf?

Ja, ich empfinde das als eine sehr große Herausforderung und habe versucht, stattdessen mit den Tänzern und Geräuschen zu arbeiten. Aber es ist natürlich so, dass sich, wenn man die Foyers betritt, alles darauf aufbaut, dass man in den Saal gelangt – und dass da dann auch etwas erklingt. Man ist also erst mal enttäuscht, wenn man dort nur Stille erlebt. Diese Spannung muss ich nun ertragen – und die Zuschauer auch.

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