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Interview: Bach getanzt

Anne Teresa De Keersmaeker und Jean-Guihen Queyras über ihr neues Projekt, mit dem sie die Saison 2017/18 in der Elbphilharmonie eröffnen.

Sechs Ausgaben von Bachs Cellosuiten liegen auf einem großen Holztisch, um ihn herum sitzen fünf Tänzer und ein Cellist, das Instrument zwischen den Knien: Jean-Guihen Queyras, Anne Teresa De Keersmaeker und vier Tänzer ihrer Compagnie Rosas. Hier in ihrem Brüsseler Studio bereiten sie ihre erste gemeinsame Produktion vor.

Während Queyras spielt, erklärt er den Tänzern die harmonische Struktur der Stücke, diese schreiben eifrig mit. »Ich bin dankbar und glücklich, dass sich Jean-Guihen die Zeit nimmt, trotz seines vollen Tourkalenders hier mit uns zu arbeiten«, gesteht De Keersmaeker. »Aber nein«, entgegnet Queyras, »ich bin es, der die ganze Zeit dazulernt!«

Anne Teresa de Keersmaeker / Jean-Guihen Queyras

Wie entstand die Idee einer gemeinsamen Produktion?

Jean-Guihen Queyras: Ich muss gestehen, dass ich, was Tanz angeht, ein absoluter Laie bin. Ich bin zwar oft von Freunden zu Tanzaufführungen mitgeschleppt worden, aber ich war nie wirklich überzeugt – vor allem, weil ich keine befriedigenden Verbindungen zwischen der Musik und den Bewegungen der Tänzer herstellen konnte. Dann aber gab mir der belgische Komponist und Organist Bernard Foccroulle den Tipp, mir die Arbeiten von Anne Teresa anzusehen.

Eröffnungskonzert am 3. September

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Bach macht das Göttliche menschlich und das Menschliche göttlich.

Anne Teresa de Keersmaeker

Anne Teresa De Keersmaeker: Oh ja, Bernard hat uns wirklich zusammengebracht! Mir hat er nämlich empfohlen, ein Konzert von Jean-Guihen im Brüsseler Palais des Beaux-Arts zu besuchen. In der Folge haben wir darüber gesprochen, wie ein gemeinsames Projekt aussehen könnte.

Queyras: Ich war stets davon beeindruckt, wie Deine Herangehensweise der eines Komponisten ähnelt. Du gehst zu den Wurzeln, zum Kern, zum Herz einer Komposition und lässt Deine Choreografie von dort erwachsen. Und schon beim ersten Treffen habe ich Deinen Wunsch gespürt, etwas mit Bach zu machen.

De Keersmaeker: Ja, allerdings ist es nicht das erste Mal, dass ich mich mit Bach beschäftige. Seine Musik hat für mich schon immer eine ganz besondere Rolle eingenommen; seiner Musik nähere ich mich immer mit Demut und einer gewissen Beklommenheit. Kein anderer Komponist strahlt diese perfekte Verkörperung des Abstrakten aus. Er macht das Göttliche menschlich und das Menschliche göttlich. Er stellt einen besonderen Moment in der Musikgeschichte dar, nein, in der Menschheitsgeschichte.

Probenfoto Jean-Guihen Queyras Anne Teresa de Keersmaeker

Bachs Musik ist sehr strukturiert, aber dennoch der Bewegung und dem Tanz verpflichtet.

Anne Teresa de Keersmaeker

Was fasziniert Tänzer an seiner Musik?

De Keersmaeker: Seine Musik ist sehr strukturiert, aber dennoch der Bewegung und dem Tanz verpflichtet. Jean-Guihen hat mir außerdem die Bedeutung der Harmonien in seinen Werken erklärt – das Verhältnis der Tonarten, zwischen einzelnen Akkorden, zwischen Dur und Moll. Dabei habe ich bemerkt, dass ich mich mit diesem Aspekt nicht genug beschäftigt hatte in meinen früheren tänzerischen Annäherungen an Bach.

Queyras: Schön, dass Du Dich von den Musikern inspirieren lässt, mit denen Du arbeitest! In der Tat habe ich das Gefühl, dass ich Dich schon infiziert habe mit meiner Obsession für harmonische Verläufe bei Bach. Wenn ich die Suiten spiele, konzentriere ich mich ganz auf diese Verläufe und lasse mich von ihnen leiten. Als ich in den Proben erwähnte, dass es oft eine Art »unsichtbare« Bassstimme gibt, die unter der naturgemäß einstimmigen Melodie mitläuft, hast Du mich sofort gedrängt, sie in Noten aufzuschreiben.

De Keersmaeker: Als ich mit der Geigerin Amandine Beyer an der Chaconne der zweiten Violinpartita arbeitete, fanden wir auch so eine virtuelle Bassstimme. Die Choreografie dazu beruhte dann auf dem Prinzip »My walking is my dancing«. [Sie steht auf und schreitet durch den Raum.] Gehen ist die einfachste Bewegung, die mich voranbringt und die meine Zeit strukturiert. Allerdings fand diese Bewegung nur auf einer Ebene statt. Heute suche ich Möglichkeiten, in einer zusätzlichen Dimension zu arbeiten, in einer horizontalen und einer vertikalen Achse.

Probenfoto Jean-Guihen Queyras Anne Teresa de Keersmaeker

Wie kann man die harmonische Struktur eines Werks auf die Haltung des menschlichen Körpers übertragen?

Anne Teresa de Keersmaeker

Wie funktioniert das?

De Keersmaeker: Typisch für die menschliche Haltung ist die senkrechte Wirbelsäule – im Gegensatz zum Tier, das meist horizontal auf vier Beinen steht. Die Arbeit an den Cellosuiten bedeutete für mich eine neue Herausforderung: Wie kann man die harmonische Struktur eines Werks auf die Haltung des menschlichen Körpers übertragen? Im meiner Inszenierung von Mozarts Così fan tutte an der Pariser Oper haben wir Modulationen der Tonarten oder Wechsel von Dur nach Moll auf Bewegungen und Gesten übertragen; vorwärts oder zurück, nach oben oder nach unten, nach innen oder nach außen. Man kann wirklich viel von der Körpersprache lernen: Eine aufrechte Wirbelsäule vermittelt eine offene, positive Stimmung, während eine gebeugte Wirbelsäule eine geschlossene, melancholische Ausstrahlung erzeugt. Weißt Du, Jean-Guihen, wann der Mensch eine perfekte horizontale Stellung einnimmt?

Queyras: Wenn er schläft? Oder etwas anderes macht? [Er lacht.]

De Keersmaeker: Wenn er stirbt. Es ist sozusagen das völlige Sich-Ergeben. Bach war lutherischer Protestant; der Tod spielte nicht nur in seinen Kantaten eine wichtige Rolle, sondern auch in anderen Musikstücken. »Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen«, lautet die Zeile aus einer von Luther aus dem Latein übersetzten mittelalterlichen Hymne, die auch auf dem Grabstein von Pina Bausch zu lesen ist.

Bach abstrahiert und transzendiert das Prinzip des Tanzens.

Jean-Guihen Queyras

Ist es nicht eine große Herausforderung, eine zweistündige Aufführung nur auf Musik für Solo-Cello aufzubauen?

De Keersmaeker: Klar, das Cello als einstimmiges Instrument unterliegt gewissen Beschränkungen. Es ist spannend zu sehen, wie Bach damit umgeht und die Möglichkeiten maximal ausreizt.

Queyras: Ja genau. Auf geniale Weise verwandelt er ein Handicap in einen Vorteil. Für Bach ist die physische Realität des Instruments und des Spielers genauso wichtig wie die intellektuelle Konstruktion der Komposition. Es ist die perfekte Mischung von Geist und Materie. Bach war sich beispielsweise sehr bewusst, was die Verwendung eines mehrstimmigen Akkords für Auswirkungen auf den Klang und den zeitlichen Ablauf hat. Denn die Töne eines solchen Akkords kann man auf dem Cello nicht gleichzeitig spielen, sondern nur nacheinander.

Probenfoto Jean-Guihen Queyras Anne Teresa de Keersmaeker

Die Satzbezeichnungen der Suiten verweisen auf barocke Tänze wie Allemande oder Menuett. Spielten diese in der Entwicklung der Choreografie eine Rolle?

De Keersmaeker: Ich habe mich früher schon einmal mit den Charakteren barocker Tänze  beschäftigt, auf Basis von Bachs Französischer Suite Nr. 5 anlässlich des Projekts »Toccata«. In meiner Choreografie zu den Cellosuiten spielen sie aber nur am Rande eine Rolle: In den Courantes beschäftigen wir uns mit der Idee des Laufens, in den Allemandes mit fließenden und in den Sarabanden mit majestätischen Bewegungen, in den Gigues mit Energie.

Queyras: Tatsächlich ist es unmöglich, die Regeln des barocken Tanzes streng auf die Suiten anzuwenden. Bach griff auf die basalen Prinzipien zurück, um sein musikalisches Vokabular zu entwickeln, das schon. Aber die Sätze der Suiten sind keine Tänze im eigentlichen Sinne. Wer möchte, kann ja mal versuchen, zur Allemande der sechsten Suite eine barocke Allemande zu tanzen … Nein, Bach abstrahiert und transzendiert das Prinzip des Tanzens.

Probenfoto Jean-Guihen Queyras Anne Teresa de Keersmaeker

Ich vergleiche unsere Arbeit gerne mit einem Kreis, der sich nie schließt, also eher einer Spirale.

Anne Teresa de Keersmaeker

Hat die Zusammenarbeit mit den Tänzern ihre Haltung als Cellist beeinflusst?

Queyras: Aber ja. Letzte Woche zum Beispiel habe ich die Suiten wieder einmal im Konzert aufgeführt, ohne Tanz. Während ich spielte, dachte ich darüber nach, wie die Tänzer wohl diese oder jene harmonische Wendung, Pause oder Spannungskurve umsetzen würden. Das sind genau die Fragen, über die wir hier in den Proben gemeinsam nachdenken.

De Keersmaeker: Der Einfluss ist wechselseitig. Zudem bringen alle Tänzer ihre jeweiligen persönlichen Erfahrungen in den kreativen Prozess mit ein. Ich arbeite schon sehr lange mit diesen Tänzern; gemeinsam haben wir einige Schlüsselprojekte entwickelt. Dieses Mal widmet sich jeder Tänzer einer Suite. Ich vergleiche unsere Arbeit gerne mit einem Kreis, der sich nie schließt, also eher einer Spirale. Wir kommen immer wieder am Anfang an, aber auf einer anderen Ebene – und immer auf dem Weg zu etwas Neuem.

Interview: Jan Vandenhouwe

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