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Die Winterwanderin

Das oftmals skandalisierte Werk der Schriftstellerin Elfriede Jelinek ist ohne die Musik nicht denkbar. Ein Porträt.

Eine Szene aus ihrer Kindheit hat sich Elfriede Jelinek besonders tief eingeprägt. Immer wenn sie als Klavierschülerin zu Hause übte, riss ihre Mutter die Fenster der Wohnung weit auf. Damit die Nachbarn und die Leute auf der Straße auch alle mitbekommen, was für ein Talent hier am Werk ist.

Jelinek hat oft beschrieben, wie sie Stunde um Stunde bei offenen Fenstern am Flügel saß, nicht zuletzt in ihrem berühmten Roman »Die Klavierspielerin« (1983), in dem sie sowohl die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter als auch ihr Verhältnis zur Musik thematisiert.

Nicht ohne Musik zu denken

Das Mädchen, das drinnen sitzt und gegen das Draußen anspielt: Dieses Bild lässt sich auf das ganze Leben der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin übertragen. Auf ihr Verhältnis zur Kunst und ihren Umgang mit Öffentlichkeit.

Was wenige Leute wissen, die Jelinek nur als Verfasserin wütender, schwer lesbarer, skandalträchtiger Texte über Frauen, Sex und Österreich abgespeichert haben: Ihr literarisches Werk kann man nicht ohne die Musik denken. Die Musik war die erste Bezugsgröße der Schriftstellerin und sollte es immer bleiben.

Wütende, skandalträchtige Texte über Frauen, Sex und Österreich

Die Klavierspielerin

Film: Die Klavierspielerin / Filmplakat

Die Hauptfigur des Romans »Die Klavierspielerin« ist die sexuell frustrierte Klavierlehrerin Erika Kohut, die untertags ihre Schüler piesackt und nachts als Voyeurin durch den Wiener Prater streift. Diese Erika wurde zur Blaupause für all die weiteren Musikerinnen, die Jelineks Werk bevölkern. Michael Haneke verfilmte den Roman 2001 mit Isabelle Hupert in der Hauptrolle.

Eine einzige gewaltige Sprachmelodie

Vor allem aber hat die Musik Jelineks Sprache bestimmt. Sie schreibt keine Romane oder Theaterstücke, wie man sie sich vorstellt, also mit psychologisch gezeichneten Figuren und einer klaren Handlung. Sie liefert auch keine Dialoge, Entwicklung oder Regieanweisungen. Sondern Texte, die eher nach den Gesetzmäßigkeiten eines Musikstücks funktionieren: in denen Motive variiert werden, Angelesenes und Assoziiertes ineinanderfließen, Stimmen aufkommen und abschwellen – eine einzige gewaltige Sprachmelodie. Das Nobelpreiskomitee ehrte sie 2004 für den »musikalischen Fluss an Stimmen und Gegenstimmen« in ihrem Werk.

Im Abseits

Elfriede Jelinek

Mehr Verzweiflung als Freude: 2004 erhält Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis, möchte ihn aber nicht persönlich entgegen nehmen. Stattdessen veröffentlicht sie eine Videobotschaft mit dem Titel »Im Abseits«.

»Elfriede Jelinek hat Angst vor der Auszeichnung«

Vor allem ein Musikstück spielte sie immer wieder: »Die Winterreise«, den Liederzyklus von Franz Schubert

Schreiben und Musik als Rettung

Jelinek und die Musik – das ist nicht zuletzt die Geschichte eines Leidensweges. Als Jugendliche hielt sie nur schwer dem Druck stand, der durch das Studium und die Mutter auf ihr lastete. Sie ritzte sich, war oft krank und fehlte im Schulunterricht.

Sie litt unter Panikattacken, die sich zu einer Angsterkrankung auswuchsen und ihr weiteres Leben bestimmten. Mit 18 war die Krankheit so schlimm, dass Jelinek ein Jahr lang das Haus ihrer Eltern am Wiener Stadtrand, in dem sie bis heute wohnt, nicht verlassen konnte.

Damals, so erzählt sie, hätten sie das Schreiben und die Musik gerettet. Vor allem ein Musikstück spielte sie immer wieder: »Die Winterreise«, den Liederzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller über das rastlose Wandern und die Einsamkeit, die nur den Tod sicher vor Augen hat, während die Zeit fortschreitet und das Leben vorbeizieht. Später ließ Jelinek diese Verse in unzählige Werke einfließen.

Elfriede Jelineks »Winterreise« in der Inszenierung von Anne Lenk am Hamburger Thalia Theater
Elfriede Jelineks »Winterreise« in der Inszenierung von Anne Lenk am Hamburger Thalia Theater

Jelineks eigene Winterreise

2011 schließlich hat Jelinek ihre eigene »Winterreise« herausgebracht, einen achtteiligen Zyklus, bei dem die eigene Autorinnen-Stimme und fremde Stimmen fließend ineinander übergehen. Es ist ein Stück über die Einsamkeit und die vielen Formen, die sie annehmen kann. Da ist erst einmal das Leben einer Erzählerin, die sich zurückgezogen hat und ihren Stoff nur mehr aus dem Internet und den Medien bezieht – oder aber aus der Erinnerung an eine übergroße Mutterfigur und an kleine Fluchten: Das Geld für den Straßenbahnfahrschein etwa verwendete die Ich-Erzählerin, um sich Eismaroni zu kaufen, worauf sie »mit der Süßigkeit im Mund« den ganzen Weg nach Hause laufen musste.

Es kommt das Mädchen Natascha Kampusch vor, das 1998 in Wien entführt und 3096 Tage in einem Keller gefangen gehalten wurde. Immer wieder greift Jelinek in  ihren Texten reale Ereignisse auf, oftmals spektakuläre Kriminalfälle, denn die Wirklichkeit sei »die Vorgesetzte der Autorin«.

In Schuberts Liederzyklus »Winterreise«, den er 1827, ein Jahr vor seinem Tod komponierte, streift ein Wanderer ziel- und hoffnungslos durch eine Winternacht. In ihrer eigenen »Winterreise« folgt Elfriede Jelinek den Spuren dieses Wanderers. Ihr Weg beginnt im Gewirr des Hier und Jetzt und führt immer deutlicher zu Stationen in ihrer eigenen Biografie. Mit  bisher über 20 Inszenierungen zählt »Winterreise« zu den meistgespielten deutschsprachigen Theaterstücken der letzten Jahre.

Franz Schubert
Franz Schubert © Lithografie Joseph Kriehuber

Am Puls der Zeit

Jelineks »Winterreise« erzählt aber auch von Öffentlichkeit und Isolation. Sie selbst hat sich in den vergangenen Jahren nahezu vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, seit Langem gibt sie keine Interviews mehr und äußert sich zu aktuellen Dingen nur auf ihrer Webseite elfriedejelinek.com.

Seit ihrem Debüt Anfang der  Siebzigerjahre war Jelinek eine öffentliche Figur. Das lag auch daran, dass sie eine äußerst auffällige Erscheinung ist, groß, attraktiv und immer nach der neuesten Mode gekleidet.

Vor allem aber lag es an ihren Themen, mit denen sie stets am Puls der Zeit war – und bis heute ist: Als 2003 der Irak-Krieg ausbrach, schrieb sie »Babel«, einen Text über Bilder und die Macht, die von ihnen ausgeht, seien es Fernsehbilder oder Feindbilder, die Bilder aus dem Foltergefängnis von Abu Ghraib oder Gottesbilder in den Köpfen von Terroristen. Zur Bankenkrise 2007 brachte sie eine »Wirtschaftskomödie« über Geld und Märkte heraus. Und zuletzt, im vergangenen Herbst, hat sie ein Stück über den  umstrittensten Mann der Welt geschrieben: Donald Trump.

Elfriede Jelinek 1973
Elfriede Jelinek 1973

Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da.

»Die Schutzbefohlenen«

Die Schutzbefohlenen

Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen

Seit 2013 beschäftigt sich Jelinek mit der Flüchtlingsthematik. In ihren Drama »Die Schutzbefohlenen« (2014, uraufgeführt im Hamburger Thalia Theater) verweben sich  aktuelle Ereignisse um Flüchtlinge, die in einer Wiener Kirche gestrandet waren, mit Zitaten von Aischylos zu einer Art Klagelied, das Flüchtlinge – wie der Chor in der antiken  Tragödie – in eine Öffentlichkeit tragen, die ungern zuhört: »Wir sind gekommen, doch wir  sind gar nicht da.«

Es geht um die sinkenden Boote von Lampedusa und um die  Hassgesänge der besorgten Bürger, um das massenhafte Weggehen und um das große Wegschauen. Als das Stück im Sommer 2015 von der Wirklichkeit überholt zu werden drohte, hat Jelinek es weitergeschrieben, sozusagen entlang der Balkanroute und ihrer  menschenunwürdigen Hotspots.

Das literarische Schreiben ist hier nicht nur Leiden an der  Welt. Es wird sogar zu einer Art Chronistenpflicht. Und es hat dafür gesorgt, dass Jelinek – anders als gleichaltrige Kollegen – nie aus der Öffentlichkeit verschwunden ist, auch wenn  sie sich dort nicht mehr zeigt. Aber das, was sie drinnen vom Schreibtisch nach draußen  schickt, wird gehört. So wie einst die Klavierspielerin am offenen Fenster.

Text: Verena Mayer

Elbphilharmonie Magazin / Ausgabe 3

Den kompletten Artikel gibtʼs im aktuellen Elbphilharmonie Magazin.

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Winterreisen in der Elbphilharmonie

Winterreisen: Schuberts Liederzyklus »Winterreise« inspiriert bis heute Musiker, Performer, Tänzer, Schriftsteller und Theaterregisseure. Die Elbphilharmonie widmet ihm in der Saison 2017/18 einen eigenen Schwerpunkt.

Winterreisen

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