Zum Inhalt springen

Worldwide

Die fabelhafte Instrumentenwelt des Harry Partch

Beim Festival »Greatest Hits« erklingen auf Kampnagel die Musikinstrumente eines visionären Erfinders und Komponisten

Diese Instrumente sind alles andere als gewöhnlich. Sie sehen aus wie ein Weinregal, ein Baum voller Kuhglocken oder ein Kon-Tiki-Floß. Sie rauschen und säuseln, dröhnen und donnern. Und tragen geheimnisvolle Namen: Blue Rainbow, Crychord, Drone Devils oder Cloud-Chamber Bowls. Ihren Erfinder kennt heute kaum einer.

Harry Partch, 1901 in Kalifornien geboren, war Komponist, Vagabund, Musiktheoretiker und ein begnadeter Bastler. Für seine visionäre Musik baute er einzigartige Instrumente, die nun auf Kampnagel zu hören sind.

Die »Bamboo Marimba« aus unterschiedlich langen Bambusröhren
Die »Bamboo Marimba« aus unterschiedlich langen Bambusröhren © Steven Severinghaus

Mikrotöne statt Mainstream

1930, Harry Partch ist Ende zwanzig und ein ambitionierter Komponist. Und verbrennt alle seine bisherigen Werke. Ihm erscheinen die zwölf Halbtöne einer Oktave als viel zu ungenau. Partchs Vision ist eine Musik mit viel feineren Tonabständen, als man sie auf einer Klaviertastatur spielen kann. So entwickelt er ein ausgeklügeltes Tonsystem mit 43 Mikrotönen statt der üblichen 12 Töne pro Oktave. Als Vorbild dient ihm das menschliche Sprechen, seine Nuancen und Zwischentöne.

»Cone Gongs« und »Gourd Tree«
»Cone Gongs« und »Gourd Tree« © Steven Severinghaus

Partch-Instrumente beim Festival »Greatest Hits«

Zum Festivalprogramm

Im Zirkus der Klangexoten

Doch um dieses Theoriegebäude zum Klingen zu bringen, braucht es völlig neuartige Instrumente. Unzählige Stunden tüftelt er und baut schließlich einen ganzen Zoo exotischer Klangobjekte.

Partchs erstes Instrument: Die » Adapted viola« – eine Bratsche, an die er das viel längere Griffbrett eines Cellos schraubt. In den folgenden Jahrzehnten kommen über vierzig weitere Instrumente hinzu. Manche klingen wie die genmanipulierten Geschwister von afrikanischen oder asiatischen, altertümlichen oder bekannten Orchesterinstrumenten.

Zum Beispiel ein »Chromelodeon«, ein mit mysteriösen Ziffern versehenes Harmonium. Oder eine gigantische, dunkel wummernde »Marimba eroica«, die den Musiker daneben wie eine Spielfigur aussehen lässt.

Cloud Chamber Bowls
Cloud Chamber Bowls © Steven Severinghaus

Komponist, Landstreicher, Außenseiter

Partchs Arbeit erregt Aufmerksamkeit. Durch eine Förderung der Carnegie Corporation kann er nach London reisen und sich dort dem Studium antiker Musiktheorie widmen. Das Ende seines Stipendiums 1935 fällt in die Jahre der »Great Depression«, der Wirtschaftskrise in den USA. Partch beginnt ein Vagabundenleben, reist ohne festes Zuhause illegal auf Güterzügen durch die Lande und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Wie seine Musik findet auch er selbst keinen Platz in der Gesellschaft.

Harry Partch
Harry Partch © Klaus Rudolph

Während der langen Zugfahrten sinniert und tüftelt er weiter an seinem Tonsystem, setzt Briefe oder die Bahnhofsgraffitis anderer »Hobos« in Musik. Schließlich findet der mittellose Komponist auf einer Ranch in Kalifornien Unterschlupf – ein Freund lässt ihn eine alte Schmiede zur Musikwerkstatt umbauen, wo Partch weiter an seinen Instrumenten bastelt.

Er gilt als Sonderling, eckt an, und doch verblüffen und inspirieren seine Studien und Instrumente andere Forscher und Musiker: Universitäten bieten ihm an, zu lehren, seine Musik einzustudieren und Projekte zu verwirklichen. Trotzdem bleibt er zeitlebens, fernab des Establishments, ein Nonkonformist.

Ensemble Musikfabrik

Partch-Instrumente live

Die originalgetreuen Nachbauten von Partchs legendären Instrumenten sind am 2. November beim Festival »Greatest Hits« auf Kampnagel zu erleben.

Das Ensemble Musikfabrik spielt Partchs Werk »Ring around the Moon – A Dance Fantasm for Here and Now« sowie drei neue Stücke, die zeitgenössische Komponisten für Partch-Instrumente geschrieben haben.

    Weitere Artikel