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Der Sound des Big Apple

Woher kommt eigentlich die Musik, die beim Festival »New York Stories« gespielt wird?

Welche Lieder die amerikanischen Ureinwohner sangen, als sie einst den Wickquasgeck Trail auf einer langgezogenen Halbinsel an der Ostküste des riesigen Kontinents durchstreiften, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Musik der ersten Völker, die jene Halbinsel Mannahatta nannten, mag wie manches andere aus der Kultur der »Indianer« in Spurenelementen fortleben: in Werken des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák bis zu den Songs eines Robbie Robertson. Doch die Melodien und Rhythmen derer, denen das Land ursprünglich gehörte, haben ihre europäischen Kolonisatoren herzlich wenig interessiert.

Die ersten Einwanderer in der Neuen Welt, 1914
Die ersten Einwanderer in der Neuen Welt, 1914

Eine neue Stadt

Zuerst, im frühen 17. Jahrhundert, machten die Holländer dem guten Dutzend Stämme der Ureinwohner ihr Terrain streitig. Der kolportierte Kaufpreis von 60 Gulden dürfte nur symbolischen Wert gehabt haben. Nachdem die Engländer 1664 die holländische Kolonie Nieuw-Amsterdam erobert hatten, tauften sie das Gebiet in New York um. Und aus dem Wickquasgeck Trail, der Mannahatta viele Meilen lang von Nord nach Süd durchzog, machten sie den Broadway von - Manhattan. Den Ton in der Musik gab hier nun auf lange Zeit die Kultur der alten Heimat der Kolonisatoren an: Europa.

New York, 1873
New York, 1873

Musikalischer Aufschwung

New York City, zu dem seit 1898 neben Manhattan die vier weiteren, »Boroughs« genannten Stadtteile Bronx, Queens, Brooklyn und Staten Island gehören, nahm in den folgenden 300 Jahren einen ungeheuren Aufschwung, auch musikalisch. 1842 wurde die Philharmonic Symphony Society of New York gegründet, deren Orchester selbstverständlich auf einen Platz unter den sogenannten Big Five in den USA abonniert ist. Das New York Philharmonic gab die Uraufführung von Dvořáks Neunter Sinfonie Aus der Neuen Welt, auch von George Gershwins An American in Paris.

Gustavo Dudamel

Das LA Philharmonic spielt unter Gustavo Dudamel »An American in Paris« von George Gershwin

Aus Steinweg wird Steinway

1853 gründete der Auswanderer Heinrich Steinweg aus Wolfshagen im Harz mit seinen Söhnen in New York die Klavierfabrik Steinway & Sons, die 1880 eine Dependance in Hamburg eröffnete.

Steinway Flügel

Anfänge des Jazz

Ab dem 20. Jahrhundert wurde die Stadt dann vollends zum Gravitationszentrum und zum Sprungbrett für Musiker aller Stilrichtungen, für Komponisten und Texter, für Instrumentenbauer und Verlage, Plattenfirmen und Studios. Mit dem Aufkommen der Bigbands und den großen Shows etwa im Apollo Theater in Harlem wurde der Big Apple zum pulsierenden Zentrum des Jazz. Weiter südlich entwickelten vorwiegend afroamerikanische Musiker in langen Nächten nach ihrem Dienst in den Broadwayshows beim Jammen in den Clubs der 52nd Street den Jazz rasant weiter.

Louis Armstrong

Louis Armstrong – When the Saints go Marching in

Große Karrieren

Die Musicaltheater brachten Weltstars wie Liza Minnelli oder Barbra Streisand hervor, außerdem ein großes Reservoir an Songs, die gemeinsam mit großen Filmmelodien den Grundstock des Great American Songbook bilden. Die kleinen Cafés in Greenwich Village boten Künstlern wie Bob Dylan erste Auftrittsmöglichkeiten. Die von Frank Sinatra unnachahmlich optimistisch vorgetragene Zeile »If I can make it there I'll make it anywhere« aus dem Titelsong von Martin Scorseses Film New York, New York belegt die unerschütterliche Zuversicht, die (nicht nur) das Showbusiness in die musikalischen Karrierechancen der Stadt hegt.

Bob Dylan, 1963

Bob Dylan – Mr. Tambourine Man, live beim Newport Folk Festival 1964

Neue Kunst

Wie nahe bildende Kunst und Musik in New York oft beieinander liegen, zeigt Andy Warhols Factory, aus der Lou Reed und Velvet Underground hervorgingen und andere, mehr der Avantgarde zugetane Acts. Später wurde das CBGBs in der Bowery zur rauen Kreativzelle des Punk made in NYC, und in der Knitting Factory trafen sich alle, die auf der Suche waren nach radikal neuen Tönen - von musikalisch grundierten Performancekünstlern wie Laurie Anderson oder Meredith Monk bis zum Avantgarde-Jazz-Zirkel um John Zorn. Einige Repräsentanten dieser bewegten Musikgeschichte holt das Festival »New York Stories« nun in die Elbphilharmonie - um hier ihre Geschichten zu erzählen.

John Zorn
John Zorn © Olivier Heisch

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