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Der Marathon-Mann

Verblüffendes, Kurioses und Privates zum 250. Todestag von Georg Philipp Telemann.

Elf Jahre lang ist Joachim Löw nun schon Bundestrainer, Angela Merkel seit bald zwölf Jahren Kanzlerin, Simon Rattle seit 15 Jahren Chef der Berliner Philharmoniker. Scheinbare Ewigkeiten, und doch nichts im Vergleich zu jenem Hamburger Musikdirektor, der sein Amt 1721 antrat und es 46 Jahre lang ausübte: Georg Philipp Telemann.

In diesem annähernd halben Jahrhundert komponierte er  buchstäblich Tausende von Werken, brachte sie in der Oper und den Kirchen zur Aufführung und prägte so ein Goldenes Zeitalter in Hamburgs Musikgeschichte.

Grund genug, ihm einen kleinen Rückblick zu widmen.

250 Jahre Telemann – Das Festival

Mehr zum Telemann-Festival
  • Joachim Löw: 11 Jahre Bundestrainer
  • Angela Merkel: 12 Jahre Bundesklanzlerin
  • Sir Simon Rattle: 15 Jahre Chef der Berliner Philharmoniker
  • Georg Philipp Telemann: 46 Jahre Hamburger Musikdirektor

Der Bürger­komponist

Geboren wurde Telemann 1681 in Magdeburg. Mit Georg Friedrich Händel (geboren 1685 in Halle) und Johann Sebastian Bach (geboren 1685 in Eisenach) – mit denen er übrigens gut befreundet war – bildet er eine Art sächsische Dreifaltigkeit des deutschen Barock.

Allerdings gibt es auch einige Unterschiede: Händel bewegte sich überwiegend im höfischen Umfeld und komponierte Opern; entsprechend pompös und pathetisch ist sein Stil. Bach dagegen schrieb Musik »allein zur Ehre Gottes« und konzentrierte sich auf kirchliche Chormusik und strenge Formen wie Fugen.

Dazwischen steht Telemann als Komponist des Bürgertums: Ein wandlungsfähiger Hansdampf in allen Gassen, der sowohl für die Kirche als auch für die Bühne schrieb, für offizielle Staatsakte und für private Musikliebhaber.

Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach

Sächsische Dreifaltigkeit: Neben Bach und Händel gehörte Georg Philipp Telemann zu den drei wichtigsten Komponisten seiner Zeit.

Der Autodidakt

Telemann beherrschte viele Instrumente, darunter Klavier, Orgel, Violine, Gambe, Kontrabass, Flöte, Oboe und Bassposaune. Bereits mit zwölf Jahren komponierte er seine erste Oper.

Erstaunlich ist das vor allem, weil sich seine musikalische Ausbildung auf lediglich zwei Wochen Klavierunterricht beschränkte und seine Eltern seinen Ambitionen äußerst kritisch gegenüberstanden. Einmal beschlagnahmte seine Mutter sogar alle seine Instrumente.

Weisungsgemäß schrieb sich Telemann als Jurastudent ein, natürlich in der Musikmetropole Leipzig. Es dauerte aber nicht lange, bis sein Mitbewohner rein zufällig einige seiner Psalm-Vertonungen fand und umgehend dem Thomaskantor vorlegte, der sie im nächsten Gottesdienst aufführte, bei dem wiederum der Bürgermeister anwesend war – der Startschuss für eine glänzende Komponistenkarriere.

Thomaskirche Leipzig
Thomaskirche Leipzig

Zwei wochen Klavierunterricht – 3.600 Kompositionen: In Leipzig sollte Telemann eigentlich Jura studieren. Stattdessen wurden kurze Zeit nach seiner Ankunft seine ersten Kompositionen in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt.

Der Vielschreiber

Mit über 3.600 Werken war Telemann einer der produktivsten Komponisten aller Zeiten. Er schrieb mehr als doppelt so viele Stücke wie Bach und Händel zusammen! Da er jeden Sonntag neue Musik aufführen musste, immer reihum in einer der fünf Hamburger Hauptkirchen, komponierte er etwa 1.750 Kirchenkantaten (von Bach sind lediglich 200 überliefert), notfalls auch einmal innerhalb von einer Stunde. Dazu kommen Passionen, in jedem Hamburger Amtsjahr eine neue, abwechselnd nach den Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Ferner entstanden etwa 50 Opern (Händel brachte es auf 40) und über 1.000 Sonaten, Sinfonien und Festmusiken zu Staatsbesuchen oder städtischen Jubiläen.

Paradoxerweise wurde ihm sein Fleiß posthum zum Verhängnis: Im 19. Jahrhundert setzte sich die Idee vom Künstler als Genie durch, der dem Schicksal seine Werke einzeln abringt. Anhängern dieser Sichtweise war ein Vielschreiber wie Telemann natürlich suspekt. Mittlerweile hat sich ein differenzierteres Bild durchgesetzt, das die hohe Qualität seines Schaffens anerkennt.

Partitur von Telemanns »Hamburger Ebb' und Fluth«
  • 3.600 Werke
  • davon 1.750 Kirchenkantaten
  • 46 Passionen
  • 50 Opern
  • über 1.000 Sonaten, Sinfonien und Festmusiken

Der Opernmacher

Ein richtiges Konzerthaus gab es zu Telemanns Zeit in der 75.000-Einwohner-Metropole Hamburg zwar nicht; Aufführungen fanden in Gasthäusern oder in der Exerzierhalle der Bürgerwehr statt. Dafür prangte am Gänsemarkt die erste städtische Oper Deutschlands mit erstaunlichen 2.000 Plätzen und spektakulären Bühneneffekten.

Telemann verhalf dem finanziell bedrängten Haus zu einer letzten Blüte. Seinen Einstand gab er mit »Der geduldige Sokrates«: Darin muss sich der große Philosoph wegen eines Gesetzes zur Förderung des Bevölkerungswachstums eine zweite Ehefrau nehmen. Doch zwischen den beiden Damen fliegen bald die Fetzen; zur mutmaßlichen Begeisterung des damaligen Publikums beschimpfen sie sich singend auf Deutsch als »Karrengaul«, »Klapperbüchse«, »Neidhammel« und »Fledermausgesicht«. Am Ende lässt sich Xantippe scheiden, und der Meister hat endlich wieder seine Ruhe.

Hamburgs Oper am Gänsemarkt war von 1678 bis 1738 das erste bürgerlich-städtische Theater im deutschen Sprachraum. Telemann übernamm ihre Leitung von 1722 bis 1738 und schuf hier gut 20 Opern. Später wurde an der gleichen Stelle das Deutsche Nationaltheater erichtet, an dem Gotthold Ephraim Lessing 1767 Dramaturg wurde.

Karrengaul, Neidhammel, Klapperbüchse, Fledermausgesicht!

»Der geduldige Sokrates«

Der Repräsentant

Seine Funktion als städtischer Generalmusikdirektor brachte es mit sich, dass Telemann große Festmusiken zu komponieren und aufzuführen hatte. Und es spricht für seinen Ehrgeiz, seinen kulturpolitischen Instinkt und wohl auch seinen Patriotismus, dass er solche Aufgaben nicht etwa lustlos nebenbei erledigte, sondern sich dabei besondere Mühe gab.

So schrieb er 1745 für ein Feuerwerk anlässlich der Krönung von Kaiser Franz I. ein Stück für zwölf Trompeten, zwölf Hörner und drei Pauken – eine »starke Musik«, die an der von »einigen tausend Lampen prächtig illuminierten« Binnenalster aufgeführt wurde, wie der »Hamburger Relations-Courier« stolz berichtete.

Und noch als 84-Jähriger übernahm Telemann »mit viel Vergnügen« die Festmusik zur Hundertjahrfeier der Handelskammer. Angesichts seines Alters drängte er allerdings darauf, die Generalprobe bei sich zu Hause in den Hohen Bleichen abzuhalten, wo neben den »Musikern noch Platz für 18 bis 20 weitere Personen« sei.

Eine Unersättlichkeit nach Hyazinthen und Tulpen, ein Geiz nach Ranunkeln und besonders Anemonen

Der Botaniker

Jeder Mensch braucht ein Hobby. Das galt auch fürTelemann (wobei man sich fragt, wie er dafür die Zeit fand): Er sammelte leidenschaftlich Blumen und Pflanzen. 1742 erstellte er ein Verzeichnis, das mehr als Blumen listet, darunter viele geläufige Ziergewächse, aber auch einige Exoten.

Um »meine Unersättlichkeit nach Hyazinthen und Tulpen, meinen Geiz nach Ranunkeln und besonders Anemonen« stillen zu können, bat Telemann systematisch Freunde in ganz Europa um die Zusendung von Knollen und Samen.

Tatsächlich kam vom Kollegen Händel aus London gleich eine ganze Kiste mit dem Begleitbrief: »Wenn die Liebhaberei für exotische Pflanzen und dergleichen Ihre Tage verlängern könnte, so biete ich mich mit großem Vergnügen an, etwas dazu beizutragen. Kenner dieser Pflanzen versicherten mir, dass sie ausgewählt und von reizvoller Seltenheit seien. Sie bekommen die besten Pflanzen von ganz England!«

Wenn die Liebhaberei für exotische Pflanzen Ihre Tage verlängern könnte, so biete ich mich an, etwas dazu beizutragen. Sie bekommen die besten Pflanzen von ganz England!

Georg Friedrich Händel

Der Privatmann

Georg Philipp Telemann

Dass Telemann so sehr in seiner Arbeit und seinem Garten aufging, lag vielleicht auch daran, dass es das Schicksal privat nicht immer gut mit ihm meinte. Seine erste Frau starb bei der Geburt des ersten Kindes; seine zweite Frau betrog ihn mit einem schwedischen Offizier und verzockte beim Kartenspiel große Summen Geld, weshalb sich Telemann von ihr trennte.

Eine besonders gute Beziehung pflegte er hingegen zu seinem Enkel Georg Michael, der ihn in späteren Jahren als Sekretär unterstützte. Hoch in seiner Gunst stand auch ein Haustier, dem er 1737 eine »Trauermusik eines kunsterfahrenen Canarienvogels« widmete, als dieser »zum größten Leidwesen des Herrn Possessoris verstorben«.

Telemann selbst starb am 25. Juni 1767 an einer Lungenentzündung und wurde auf dem Friedhof des Johanneums beigesetzt, das sich damals an der Stelle des heutigen Rathausmarkts befand. Heute erinnert eine Gedenktafel links neben dem Rathauseingang daran.

Telemanns direktes musikalisches Erbe trat sein berühmter Patensohn an: Carl Philipp Emanuel Bach übernahm von ihm nicht nur den zweiten Vornamen, sondern auch das Amt des Hamburger »Director musices«.

Text: Clemens Matuschek

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250 Jahre Telemann – Das Festival

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Elbphilharmonie Magazin / Ausgabe 3

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