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»Da geht es emotional zur Sache«

Magdalena Kožená im Gespräch über zackigen Flamenco und spanischen Barock

»Ich mag Abwechslung«, erklärte Magdalena Kožená, als sie in der Saison 2015/2016 als Residenzkünstlerin vier völlig unterschiedliche Konzerte in der Laeiszhalle und auf Kampnagel gestaltete – darunter einen Cole-Porter-Abend und eine dramatische Opernszene inklusive eines Ritterduells, in der sie ganz allein alle drei Rollen sang.

Und auch in ihrer umfangreichen Diskografie finden sich neben Oratorien- und Opernmitschnitten etliche Arien-Zusammenstellungen, in die spürbar viel Herzblut und dramaturgischer Hintersinn eingeflossen ist. Nun gastiert sie mit ihrem neuen Projekt Amor: entre el cielo y el infierno (»Liebe: zwischen Himmel und Hölle«) erstmals in der Elbphilharmonie. Im Gespräch erklärt sie, was es damit auf sich hat.

Magdalena Kožená
Magdalena Kožená © Oleg Rostovtsev

Magdalena Kožená, in ihrem neuen Projekt kombinieren Sie Flamenco mit spanischer Barockmusik des 17. Jahrhunderts. Wie kam es dazu?

Also, da kamen ein paar Dinge zusammen, daher muss ich etwas ausholen. Die Ursprungsidee liegt schon einige Jahre zurück. 2010 habe ich gemeinsam mit Pierre Pitzl und seinem Ensemble Private Musicke die CD Lettere Amorose mit italienischen Liebesliedern des Frühbarock aufgenommen. Im Studio und bei den anschließenden Konzerten ist eine echte Freundschaft mit den Musikern entstanden, sodass wir auch nach dem Ende der Tournee gerne weiter zusammen musizieren wollten. Daraufhin hat Pierre vorgeschlagen, doch mal die spanischen Barock-Arien durchzusehen. Ich muss zugeben, dass ich dieses eher abseitige Repertoire selbst nicht gut kannte, aber ich entwickelte schnell ein großes Interesse dafür.

Mir wurde bewusst, dass es zwischen Flamenco und den spanischen Barock-Arien gewisse Ähnlichkeiten gibt

Magdalena Kožená

Gleichzeitig musste ich für meine Rolle als Carmen bei den Salzburger Osterfestspielen üben. Ich wollte mich so gut wie möglich vorbereiten, da ich in der Inszenierung auch mit Kastagnetten spielen und sogar ein bisschen Flamenco tanzen sollte. Zuerst hatte ich einen deutschen Flamenco-Lehrer, aber nach einigen Monaten schlug er vor, ich solle bei einem spanischen Lehrer weitermachen. Er empfahl mir Antonio El Pipa, der regelmäßig Meisterkurse in Deutschland gibt. So kam ein erstes Treffen zustande. Schließlich fuhr ich nach Jerez in Andalusien, wo ich täglich drei Stunden Unterricht nahm. Während unseres Trainings wurde mir allmählich bewusst, dass es zwischen Flamenco und diesen spanischen Barock-Arien gewisse Ähnlichkeiten gibt. So entstand die Idee für dieses Projekt, die beiden Stile im Konzert zu verbinden.

Magdalena Kožená / Private Musicke
Magdalena Kožená / Private Musicke © C.E.M.A. / Lukáš Vídeňský

Worin bestehen denn diese Ähnlichkeiten?

Ganz klar im Rhythmus. Beim Flamenco ist er zwar oft komplexer und unregelmäßiger, aber es gibt einige Parallelen. Zum Beispiel tauchen in beiden Stilen oft sogenannte Hemiolen auf. Dabei wird ein Dreiertakt kurzzeitig zu einem Zweiertakt verkürzt; die Betonungen ändern sich, die Musik wird zackiger. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt in den behandelten Themen, die eine große Tiefe haben. Die spanischen Arien sind viel dramatischer als die italienischen. Auch wenn es manchmal eine gewisse Leichtigkeit gibt – wie bei der Arie, bei der ein Mann sein Bedürfnis bekräftigt, alle Frauen zu befriedigen, und sich mit einem Schmetterling vergleicht, der von Blume zu Blume fliegt –, so sind die Texte meist ziemlich aufwühlend. Da geht es sehr emotional zur Sache, das ist typisch für den iberischen Raum.

Spielt Improvisation dabei auch eine Rolle?

Eher weniger. Wir legen meist vorher fest, welche Instrumente zum Einsatz kommen, welche Strophen gesungen werden, ob es Einleitungen oder Zwischenspiele gibt. Außerdem verlangt das Repertoire wenig Verzierungen – nicht wie beispielsweise bei Händel, wo ich als Sängerin die Möglichkeit habe, spontane Ornamente, Triller und so weiter einzubauen. Diese Spontaneität fließt eher aufseiten des Flamenco ein.

Magdalena Kožená/ Antonio El Pipa
Magdalena Kožená/ Antonio El Pipa © C.E.M.A. Lukáš Vídeňský

Wie sehr vermischen sich denn die beiden Stile?

Es kommt vor, dass Antonio zur Barockmusik tanzt oder dass mich seine Sängerinnen begleiten. Aber es handelt sich auf keinen Fall um Crossover. Die Stile bleiben in sich weiterhin sehr rein.

Was hat es mit dem Titel »Amor: entre el cielo y el infierno« auf sich?

Er entstand aus dem Konzept der Gegensätze, die wir beim Arbeiten an diesen beiden Repertoires natürlich auch empfunden haben. Aber auch aus den Texten, die viel von Leidenschaft erzählen: Liebe kann darin sowohl Hölle als auch Paradies sein. Bei der Auswahl der Arien haben wir bewusst Gegensätze und neue Klangfarben bevorzugt. Wir haben nicht wirklich Wert auf die Namen der Komponisten gelegt, die im Übrigen meist wenig bekannt sind; unser Ziel war es vielmehr, ein so schönes und kontrastreiches Programm wie möglich zu gestalten.

Was sind für Sie die Besonderheiten beim Singen auf Spanisch?

Ich habe schon Lieder von Manuel de Falla gesungen, aber ich beherrsche Spanisch nicht gut. Ich habe es bei den Proben in Jerez aber wieder hervorgeholt, da die Flamenco-Künstler kein Englisch sprechen. Im Spanischen sind die Vokale ähnlich wie im Italienischen: Bei den Konsonanten gibt es sehr weiche »s« und »d« und sehr vibrierende »r«. Ich habe mit einem Stimmcoach gearbeitet, damit meine Aussprache so natürlich wie möglich wird. Aber diese Lieder stellen eine enorme Herausforderung dar, da sie auf Texten basieren, bei denen man nicht nur die wörtliche Übersetzung verstehen muss, sondern auch die poetische Bedeutung – und das ist manchmal schwieriger, als es klingt. Ich habe beschlossen, dieses Programm auswendig zu singen, selbst wenn es viel Arbeit bedeutet.

Magdalena Kožená / Private Musicke

Die spanischen Texte waren eine Herausforderung, man muss nicht nur die wörtliche Übersetzung verstehen, auch die poetische

Magdalena Kožená

Pierre Pitzl ist quasi der Paul McCartney der Barockmusik

Magdalena Kožená

Und was haben Sie von Ihren Kollegen Pierre Pitzl und Antonio El Pipa gelernt?

Mit Pierre zu arbeiten, habe ich schon bei unserem ersten gemeinsamen Projekt geliebt. Er ist quasi der Paul McCartney der Barockmusik! Er verfügt über eine unglaubliche Fantasie, die Instrumente je nach dem Charakter der Stücke auf unterschiedliche Art und Weise einzusetzen – und gleichzeitig über eine untrügliche Intuition. Bei ihm werden die Stücke fast zu Pop. Und das meine ich als Kompliment, denn er liebt Popmusik! Seine Begeisterung dafür fließt in die Barockmusik ein.

Was den Tanz angeht: Ich werde nicht wirklich tanzen – da fehlt mir dann doch das Selbstvertrauen, vor allem im direkten Vergleich mit den grandiosen Flamenco-Tänzern. Ich werde eher Bewegungen machen. Allerdings hat sich der Kontakt mit dem Tanz für dieses Programm als sehr nützlich erwiesen. Wissen Sie, Flamenco-Tänzer haben ein großes Selbstvertrauen, das ihnen die typische Energie des spanischen Temperaments verleiht. Am Anfang war ich nicht sicher, ob das etwas für mich ist, schließlich komme ich aus Osteuropa und habe dementsprechend ein ruhigeres Temperament, was sich auch in einer lockereren Körperhaltung zeigt. Deshalb ist es mir nicht leichtgefallen, diese Spannkraft zu erreichen. Die Arbeit mit Antonio hat mir auf jeden Fall viel gebracht: neue Gefühle zu empfinden und zu versuchen, nicht nur auf das Ergebnis zu achten und darauf, was die Leute denken könnten.

Das Gespräch führte Anne Payot-Le Nabour.

Übersetzung: Clemens Matuschek

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