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Arvo Pärt im Portrait

Der Komponist steht im Zentrum der Festivaleröffnung von »Lux aeterna«.

Ich entdeckte eine Welt, die ich nicht kannte: ohne Harmonie, ohne Metrum, ohne Klangfarbe, ohne Orchestrierung, ohne alles. In diesem Augenblick wurde mir klar, welche Richtung ich verfolgen musste.

Arvo Pärt

Angefangen hat alles mit einem ramponierten Klavier: »Es hatte nur die Hälfte der Hämmer, und auch die gingen immer mehr kaputt. Und als es schon ganz schlimm war, da habe ich halt stumm gespielt und mir einen Klang vorgestellt, der wunderschön war. Das war vielleicht eine erste kompositorische Übung.«

Es ist Arvo Pärt, der hier von seinen Kindheitserinnerungen erzählt – und von seinen ersten kompositorischen Gehversuchen im estnischen Rakvere, einer Stadt auf halber Strecke zwischen Tallinn und Sankt Petersburg. Hierhin zog der 1935 im estnischen Paide geborene Pärt mit seiner Mutter, nachdem sich diese von seinem Vater getrennt hatte – und stieß auf besagtes Klavier, mit dem er schon früh jenen Musikstil erdachte, der zu seinem Markenzeichen werden sollte: eine Musik, in der mehr nicht komponiert als komponiert ist und in der die Stille zu einem der wichtigsten Elemente gehört.

Doch bis der heute 81-Jährige damit zu einem der erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart avancierte, waren erst einige Umwege nötig. Blickt man auf Pärts Werdegang zurück, so offenbart sich die Geschichte eines Suchenden, der erst spät seinen Weg fand, diesen schließlich aber umso konsequenter verfolgte. Wie symptomatisch steht dafür ein Satz, den ihm sein Lehrer Heino Eller während des Kompositionsstudiums in Tallin mit auf den Weg gab: »Es ist viel schwieriger, eine einzige passende Note zu finden, als eine Menge zu Papier zu bringen.« So begann für den Nachwuchskomponisten die »qualvolle Suche nach der einzig passenden Note«.

Es hat keinen Sinn mehr, Musik zu schreiben, wenn man fast nur mehr zitiert.

Arvo Pärt

Diese führte ihn zunächst zum Neoklassizismus, einer Phase, in der sich Pärt von der Musik Schostakowitschs, Prokofjews und Bartóks beeinflussen ließ. Anschließend wandte er sich der Zwölftonmusik und dem Serialismus zu, also musikalischen Strömungen, in denen die Musik durch strenge, vorher festgelegte Parameter bestimmt wird. So wurde Pärt seinerzeit zu einem der radikalsten Vertreter der sowjetischen Avantgarde, was man seinem Frühwerk auch deutlich anhört.

Seine erste große Orchesterkomposition »Nekrolog« aus dem Jahr 1960 ist beispielsweise ein sehr expressives, ja fast lärmendes Werk – und heute mag man kaum glauben, dass es tatsächlich aus seiner Feder stammt. Da er mit seiner Musik jedoch keine politische Repräsentationszwecke verfolgte, stieß er bei den Mitgliedern des sowjetischen Komponistenverbands auf massive Kritik. Doch auch Pärt selbst war – allerdings aus rein musikalischen Gründen – nicht glücklich mit dem eingeschlagenen Weg. Die Suche ging weiter.

Ein Komponist auf Umwegen

Als »Krücke« – so bezeichnete es der Komponist einmal selbst – um von der Zwölftonmusik mit ihren Zwängen loszukommen, halfen ihm musikalische Collagen, in denen er eigene und fremde Musik miteinander vermischte. Doch auch dieser Weg bedeutete eine Sackgasse: »Es hat keinen Sinn mehr, Musik zu schreiben, wenn man fast nur mehr zitiert. Und dann habe ich Schluss gemacht.«

Der Schlussstrich erfolgte 1968 und dauerte ganze acht Jahre. In dieser Zeit fiel Pärt in eine tiefe Sinnkrise, während der er fast nichts komponierte. Bis er schließlich, eher zufällig, in einem Plattenladen auf gregorianische Gesänge stieß, eine »Musik mit Seele«, wie er es empfand: »Ich entdeckte damit eine Welt, die ich nicht kannte: ohne Harmonie, ohne Metrum, ohne Klangfarbe, ohne Orchestrierung, ohne alles. In diesem Augenblick wurde mir klar, welche Richtung ich verfolgen musste.«

Arvo Pärt
Arvo Pärt

Als er 1976 mit dem Klavierstück »Für Alina« wieder an die Öffentlichkeit trat, hatte er einen Stil entwickelt, der sein Lebenswerk bis heute bestimmt. »Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. So habe ich es Tintinnabuli genannt.«

Abgeleitet vom lateinischen Wort Tintinnabulum (»Glöckchenspiel«), verweist Pärt damit auf das »Klingeln« eines Dreiklangs, dessen drei Töne das ganze Stück über mittönen und die durch feste Regeln an eine Melodiestimme gebunden sind. Dreiklang und Melodie – mit dieser Reduktion des Klangmaterials auf das absolut Wesentliche »setzte er die Musik gleichsam auf Diät«, wie es eine Musikjournalistin einmal formulierte. Pärt selbst nannte es die Suche nach dem Einen: »Was ist das, das Eine, und wie finde ich den Zugang zu ihm?«

Doch wie bei einer richtigen Diät unterliegt auch seine Musik nach wie vor strengen Regularien, nur dass der Komponist sie für jedes Werk wieder neu festlegt, zum Beispiel in Bezug auf die Stimmen zueinander. Allein, das klangliche Ergebnis unterscheidet sich erheblich von dem, was man von der zeitgenössischen Musik so gewöhnt ist, wo man Regelmäßigkeit, Ruhe, und ja, auch Schönheit sonst eher suchen muss.

Der Klang der Glocken

Ein Jahr nach seiner Rückkehr hatte Pärt mit »Tabula rasa«, einem Doppelkonzert für zwei Violinen, präpariertes Klavier und Streichorchester, seinen Tintinnabuli-Stil weiter verfestigt und erreichte nun erstmals auch Hörer außerhalb des sowjetischen Raumes. Der Widerspruch zwischen dem atheistischen Staat, in dem er lebte, und der zunehmend religiösen Ausrichtung seiner Musik (Pärt trat Anfang der 1970er Jahre der russisch-orthodoxen Kirche bei, bezieht sich in seiner Musik aber überwiegend auf katholische Traditionen) zwang den Komponisten, mit seiner Familie 1980 zunächst nach Wien, anschließend nach (West-)Berlin zu emigrieren, wo er bis vor Kurzem noch lebte und zu einem der weltweit renommiertesten Gegenwartskomponisten avancierte.

Zwar war er anfangs auch im Westen nicht vor Kritik gefeit – der Avantgarde war seine Musik zu traditionell und die bald einsetzende enorme Popularität höchst suspekt –, doch konterte er stets mit seiner üblichen Gelassenheit: »In der Kunst ist alles möglich. Aber es ist nicht alles nötig, was getan wird.«

Heute hat Pärt gefunden, wonach er gesucht hat. Und wenn man einmal unter die Oberfläche der wenigen Töne schaut, offenbart sich eine Tiefe, die nur wenige Komponisten erreichen.

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