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Am Anfang war La Fura dels Baus

Die wohl spektakulärste Theatertruppe der Welt inszeniert Haydns Schöpfung.

Nur wer Risiken eingeht, kann Neues schaffen

La Fura dels Baus

Wo La Fura dels Baus auftritt, können sich die Zuschauer auf was gefasst machen. »Nur wer Risiken eingeht, kann Neues erschaffen« lautet der Leitspruch, dem das Ensemble sich so radikal wie kaum jemand anders verpflichtet. Im Rahmen des Festivals »Theater der Welt« präsentieren sie am 5. und 6. Juni im Großen Saal der Elbphilharmonie Joseph Haydns Oratorium »Die Schöpfung« – mit einem selbstgebauten Neun-Meter-Kran, 36 riesigen Heliumballons und einem 1000-Liter-Aquarium auf der Bühne.

Die Truppe

Die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus sorgt mit ihren spektakulären Aufführungen immer wieder für Aufsehen. Gegründet 1979, macht sie zunächst in Straßenshows auf sich aufmerksam, bevor sie durch zahlreiche Großprojekte und Operninszenierungen (u.a. Wagners »Ring«) weltberühmt wird.

La Fura dels Baus: Die Schöpfung
La Fura dels Baus: Die Schöpfung © Claudia Höhne

In ihren Aufführungen schafft die Truppe exzentrische Verbindungen zwischen Musik, Theater, Akrobatik, Technik und Poesie. 1992 gestaltete sie mit einer Inszenierung von Carlus Padrissa die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Barcelona. In Tom Tykwers Romanverfilmung »Das Parfum« choreografierte die Gruppe die furiose Massenorgien-Szene am Ende.

La Fura dels Baus bedeutet übersetzt »Das Frettchen von Els Baus«, inspiriert von einem gleichnamigen Bach in der katalanischen Gemeinde Moià, wo die Anfänge der Gruppe liegen.

Das Werk

In seinem Oratorium »Die Schöpfung« vertont Joseph Haydn die Erschaffung der Welt, wie sie in der Bibel erzählt wird. Für die musikalische Interpretation eines solch bedeutenden Ereignisses wählte er eine entsprechend mächtige Besetzung: Er schrieb das Werk für großes Orchester, vierstimmigen Chor und drei Gesangssolisten. Die Uraufführung 1798 in Wien war ein ziemliches Großereignis: Das Interesse an dem neuen Oratorium war so groß, dass 30 berittene Polizisten den riesigen Publikumsansturm bremsen mussten – das Werk wurde zu einem riesigen Erfolg und begeisterte schon bald weltweit.

La Fura dels Baus: Die Schöpfung
La Fura dels Baus: Die Schöpfung © Claudia Höhne
La Fura dels Baus: Die Schöpfung
La Fura dels Baus: Die Schöpfung © Claudia Höhne

Mit der »Schöpfung« war es Haydn geglückt, ein zugängliches Werk zu schreiben, das von der breiten Bevölkerung gefeiert wurde: Entscheidend hierfür war die Verwendung der deutschen (anstatt der bis dato üblichen italienischen) Sprache, die von allen verstanden wurde. Daneben baute Haydn im ersten und zweiten Teil des Oratoriums zahlreiche Tonmalereien ein, die es dem Hörer ermöglichen, den Textinhalt genau nachzuverfolgen.

Gleich zu Beginn des Werks stellt der Komponist das Ur-Chaos mit einer seinerzeit unerhörten, »chaotischen« Musik dar. Später zucken Blitze, kracht der Donner, Regen prasselt und Wellen schäumen. Haydn war sich  auch nicht zu schade, die verschiedenen Instrumente des Orchesters zur Imitation typischer Tierlaute zu nutzen. 

DIE INSZENIERUNG

In seiner Inszenierung unterzieht der Regisseur Carlus Padrissa die Bühne des Großen Saals einer spektakulären Verwandlung: Ein 31.000 Lumen starker Laserprojektor taucht die Szene samt Sänger und 36 Heliumballons in helles Licht. Im Zentrum der Bühne steht ein neun Meter hoher Kran, der die Gesangssolisten nach Art eines »deus ex machina« in die Höhe trägt sowie, als Gegengewicht dazu, ein 1000 Liter fassendes Aquarium, das als riesenhaftes Reagenzglas die Schaffung des Lebens darstellt.

La Fura dels Baus: Die Schöpfung
La Fura dels Baus: Die Schöpfung © Claudia Höhne

In diesem Bühnenbild schafft der Regisseur zwei Parallelwelten. Auf der einen Seite beschreibt er die Schöpfung, vom Urknall über die ersten sprießenden Gräser und zwitschernden Vögeln bis hin zur Erschaffung des Menschen, dessen projizierte Riesenaugen das Publikum von der Bühne aus ansehen. Auf der anderen Seite wird durch die permanente Anwesenheit von Geflüchteten die »Erbsünde« dargestellt. Während innerhalb von sieben Tagen die Welt erschaffen wird, fliehen in derselben Zeit die Asylsuchenden aus dem Chaos, laufen durch Unwetter, navigieren in unsicheren Booten über das Meer, ruhen sich in den Aufnahmelagern aus und werden endlich, am siebten Tag, in den Gemächern von Adam und Eva aufgenommen.

La Fura dels Baus: Die Schöpfung
La Fura dels Baus: Die Schöpfung © Claudia Höhne

Den musikalischen Part übernimmt die französische Dirigentin und Harnoncourt-Schülerin Laurence Equilbey mit ihren eigenen Ensembles: Dem »Insula Orchestra« und dem Chor »Accentus«. An deren Seite stehen mit Sunhae Im, Martin Mitterrutzner und Daniel Schmutzhard drei fabelhafte junge Gesangssolisten.

MEHR THEATER DER WELT

Die Aufführung der »Schöpfung« ist Teil des Festivals »Theater der Welt«, das vom Internationalen Theaterinstitut ausgerichtet wird und zum ersten Mal seit 1989 wieder in Hamburg stattfindet. Über zwei Wochen lang wird Hamburg zum Hafen für Künstler aus aller Welt, die das ganze Spektrum der »Performing Arts« feiern: Schauspiel, Performance, Tanz, Literatur, auch in Wechselwirkung mit bildender Kunst, Film und Musik. Das Festival läuft noch bis zum 11. Juni und bietet viele weitere lohnenswerte Veranstaltungen auf Kampnagel, im Thalia Theater, im Festivalzentrum »Haven« am Baakenhöft und an anderen Spielorten.

www.theaterderwelt.de

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