Interview: Dominik Bach, Stand: 29. Mai 2026
Im Projekt »Lost and Found« haben sich Menschen aus Hamburg und Umgebung mehrere Monate lang mit den Themen Verlust und Hoffnung beschäftig. Im Interview geben die Künstlerischen Leiter:innen Kian Jazdi (Musik), Aram Tafreshian (Regie) und Susanne Brendel (Video) Einblicke in die Arbeit mit dem Projekt-Ensemble.
»Lost and Found« Rückblick-Video
»Lost and Found« heißt das Projekt. Was kann man denn alles verlieren? Und umgekehrt, was kann man finden, beziehungsweise wiederfinden?
Susanne: Wir wollten herausfinden, was die Menschen beschäftigt, die sich für das Projekt angemeldet haben. Dafür haben wir ganz zu Beginn verschiedene Fragen gestellt: Was vermisst du? Was willst du auf keinen Fall verlieren? Da kam vieles zusammen: von sehr persönlichen Geschichten über den Verlust geliebter Menschen bis hin zu abstrakteren Themen wie dem Verlust von Heimat, Sprache und Kultur oder dem Verlust von Demokratie. Wir haben aber auch entdeckt, dass ein Verlust manchmal etwas Befreiendes sein kann und Platz für Neues schaffen kann. Worüber bist du froh, es verloren zu haben? Was würdest du gerne verlieren? All diesen Facetten des Verlierens und Findens, die ja doch sehr eng miteinander zusammenhängen, sind wir auf den Grund gegangen.
Kian: Vielleicht direkt zum Finden: Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie durch das Projekt die Musik wieder für sich entdeckt hat.
Aram: Und auch die Teilnehmenden haben in gewisser Weise zueinander gefunden, Menschen aus mehreren Generationen, mit unterschiedlichen Lebenswegen, Erfahrungen und Meinungen. Wir hatten den Eindruck, dass auch dieser unglaublich wertvolle Austausch in der Gesellschaft zunehmend verloren geht. Bei »Lost and Found« ist daraus eine richtige Gemeinschaft entstanden.
Bei »Lost and Found« kommen Menschen aus ganz Hamburg und Umgebung zusammen, um gemeinsam eine Perfomance in der Elbphilharmonie auf die Beine zu stellen. Wie funktioniert das?
Aram: Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es tatsächlich von allen gemeinsam entwickelt wird. Wir vom künstlerischen Leitungs-Team haben kein Konzept vorgegeben, sondern bei null angefangen und gemeinsam geschaut, was die Menschen interessiert. Dafür gab es im Vorfeld einen Open Call, woraufhin sich knapp 200 Menschen für das Projekt beworben haben. Daraus haben wir 50 Personen ausgewählt, rund 40 von ihnen stehen bei der Abschlussperformance im Kleinen Saal der Elbphilharmonie auf der Bühne.
Susanne: Das Projekt-Ensemble ist in drei Gruppen aufgeteilt: Die erste ist mit Kian für die Musik zuständig, die zweite mit Aram für Text und Schauspiel und die dritte mit mir für die Video-Projektionen. In diesen Gruppen haben wir zunächst in kleinerer Runde Themen gesammelt, sortiert und dann dem gesamten Ensemble präsentiert. Da es zwischen den Gruppen ziemlich viele Überschneidungen gab, stand die Themenauswahl recht schnell fest. Daraus sind jede Menge Texte, Szenen und Kurzfilme entstanden, zu denen die Musik-Gruppe dann die passenden Sounds gefunden hat. Gemeinsam haben wir dann geschaut, welche Elemente zusammenpassen und sie zu einer Performance verbunden.
Kian: Interessant ist, wie am Ende alles ineinander greift. Bei der Aufführung ist immer eine Kunstform im Lead: Mal steht die Musik im Vordergrund, dann begleitet sie wieder eine Schauspielszene oder einen Film. Wichtig war für uns auch die Frage: Wie bekommen wir innerhalb der Gruppe den einzelnen Menschen, das Individuum gezeigt? Ein Teilnehmer hat zum Beispiel eine eigene Fantasiesprache entwickelt, die an einer Stelle in der Performance zu hören sein wird. Dass die verschiedenen Elemente am Ende in sich stimmig zusammenpassen, ist auch Selina Pilz und Viktoria Holenok zu verdanken, die als musikalische Assistentin und als Regie-Assistentin einen großen Anteil an dem Projekt haben.
Was hat euch am meisten überrascht oder beeindruckt?
Kian: Wie schnell aus den verschiedenen Persönlichkeiten eine Gruppe entstanden ist, die gemeinsam dieses Projekt entwickelt und dabei trotzdem ihre Individualität behalten hat. Musikalisch drückt sich das in verschiedenen Genres aus, von Pop-Musik über traditionelle persische Musik bis hin zu europäischer Klassik. Auch die Besetzungen sind total unterschiedlich: Es gibt Tutti-Kompositionen, Stücke für kleinere Ensembles, Musik mit Gesang, rein instrumentale Musik – eine riesige Bandbreite, in der die individuellen Stärken und Vorlieben der Teilnehmenden zusammenfließen.
Aram: Ich habe eine große Aufgeschlossenheit und Toleranz wahrgenommen. Wie hier Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen und Meinungen zusammengefunden und sich mit großer Empathie über zum Teil sehr persönliche Themen unterhalten haben, hat mich sehr beeindruckt: Wie gehen wir mit Verlust um, wie mit dem Tod? Worüber können wir sprechen, worüber nicht? Welche Rolle spielen diese Themen in unserem Leben und in den Medien? Was sagt das über uns aus, was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Aber auch der achtsame Umgang miteinander, die tolle Dynamik und der Mut, Neues auszuprobieren. Wir haben viel improvisiert – das muss man sich erst einmal trauen, wenn man das zuvor noch nie gemacht hat. Dabei sind fantastische Texte entstanden.
Susanne: Da kann ich mich nur anschließen. Die Kreativität und die Lust am Ausprobieren haben auch mich sehr beeindruckt. In der Video-Gruppe sind Menschen von Anfang 20 bis Mitte 70 mit völlig unterschiedlichen Vorerfahrungen. Manche sind mit Handy und Co. aufgewachsen und machen seit jeher Bilder und Videos, andere nicht. Wieder andere haben schon semi-professionelle Erfahrungen in diesen Bereichen gemacht, standen vor und hinter der Kamera und kannten sich mit Schnittprogrammen aus. Es war schön zu sehen, wie sich alle zusammen weiterentwickelt haben. Sämtliche Videos, die bei der Performance zu sehen sind, sind von den Teilnehmenden komplett selbst produziert – bis hin zum finalen Schnitt. Das ist schon eine außergewöhnliche Leistung.
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
Ein szenisches Konzert mit Musik, Texten und Videos zum Thema »Verlust und Hoffnung« von und mit Menschen aus Hamburg und dem persischen Ensemble Shiraz – Internationales Musikfest Hamburg
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