Mehdi Aminian im Interview

Der Roots Revival-Gründer über die Sichtbarmachung unterrepräsentierter Kulturen, über kollaborative Prozesse und die besondere Kraft des Live-Erlebnisses.

Interview: Ivana Rajič

 

Vergessen, verschüttet, verboten, verdrängt oder vertrieben: Die dreiteilige Konzertreihe »Lost Music« stellt im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg 2026 bedrohte Musikkulturen vor. Eine davon: Die Musik der Hazara, eine der größten ethnischen Gruppen Afghanistans – zu erleben am 15. Mai in der Elbphilharmonie mit dem Roots Revival unter der Leitung von Mehdi Aminian.

Einige Wochen vor seinem Konzert hat sich der Musikwissenschaftler, Komponist und Ney-Spieler die Zeit genommen, um über sein Ensemble und ihr Konzertprogramm zu sprechen.

Roots Revival
Roots Revival Roots Revival © Georg Cizek-Graf

Mehdi Aminian, mit Ihrem Projekt Roots Revival bringen Sie musikalische Traditionen, die auf internationalen Bühnen selten zu hören sind, in einen zeitgenössischen Konzertkontext. Was steht hinter der Idee dieses Projekts?

Mehdi Aminian: Im Kern geht es darum, Raum zu schaffen – für die Musik selbst, aber auch für die Geschichten und Zusammenhänge, die dahinterstehen. Das Konzert in der Elbphilharmonie ist Teil einer größeren Reihe, in der wir uns mit musikalischen Traditionen beschäftigen, die unglaublich reich sind, aber oft unterrepräsentiert bleiben. Für jedes Projekt widmen wir uns dabei intensiv einer Region oder einem bestimmten Thema.

Am Anfang steht für mich immer Neugier – und der Wunsch, zu lernen. Ich beginne nicht mit der Absicht, ein konkretes Programm auf die Bühne zu bringen, sondern mit dem Bedürfnis, etwas zu verstehen. Mich beschäftigen Themen, über die ich selbst mehr erfahren möchte. Ich recherchiere über Monate hinweg, höre, lese, lerne – und erst im Verlauf dieses Prozesses nimmt die künstlerische Form allmählich Gestalt an.

Wie gestaltet sich dann die Zusammenarbeit mit den Musiker:innen, die aus unterschiedlichen Kontexten zusammenkommen? 

Wir laden ganz bewusst Musikerinnen und Musiker ein, die offen sind und bereit, sich auf unbekanntes Material einzulassen. Dabei geht es weniger um reine Virtuosität als vielmehr um Neugier und echtes Engagement. Der Arbeitsprozess erstreckt sich in der Regel über etwa ein Jahr. Ich beginne mit der Recherche und teile das gesammelte Material mit dem Ensemble – nicht nur die Musik selbst, sondern auch ihre kulturellen, historischen und politischen Hintergründe. Dann beginnen wir, es gemeinsam durchzuhören, Repertoire auszutauschen und Schritt für Schritt ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln.

Ein zentraler Bestandteil ist die Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern, die tief in der jeweiligen Tradition verwurzelt sind. Mit ihnen wird der Austausch noch einmal intensiver – sie bringen Wissen ein, das man sich auf andere Weise kaum erschließen kann. Von diesem Punkt an wird die Arbeit zunehmend kollaborativ: Arrangements entstehen im Ensemble, wir experimentieren, verwerfen, entwickeln weiter. Es ist ein gemeinsamer Prozess.

Ihr aktuelles Programm widmet sich der Musik der Hazara. Was hat Sie zu dieser Tradition geführt?

In früheren Projekten haben wir uns bereits mit unterschiedlichen musikalischen Traditionen innerhalb Afghanistans beschäftigt – von der Musik aus Herat im Westen bis hin zu zeitgenössischen Interpretationen und poetischen Formen. Der Fokus auf die Hazara-Musik ist das jüngste Kapitel dieser Auseinandersetzung.

Dabei ist es mir wichtig, diese Musik nicht isoliert zu betrachten, sondern in ihrem größeren kulturellen Zusammenhang. Die Hazara sind eine Minderheit in Afghanistan, die über lange Zeit hinweg Diskriminierung und Völkermord erfahren haben. Zugleich zeichnet sich ihre musikalische Kultur durch eine beeindruckende Tiefe und Ausdruckskraft aus.

Wir arbeiten in diesem Projekt mit Elaha Soroor zusammen, einer afghanisch-hazarischen Sängerin, Komponistin und Aktivistin – und zugleich einer außergewöhnlichen Jazzmusikerin.

Aus der intensiven Auseinandersetzung mit Tradition entsteht etwas, das klar in der Gegenwart verankert ist. Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und künstlerischer Weiterentwicklung um?

Das ist eine sehr komplexe und auch fortlaufende Diskussion. Es gibt Menschen, die der Meinung sind, Traditionen sollten unverändert bewahrt werden – und ich kann diese Haltung nachvollziehen. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass das, was wir heute »Tradition« nennen, irgendwann selbst einmal eine Innovation war. Kultur ist nie statisch, sie befindet sich ständig im Wandel.

Für mich geht es nicht darum, etwas unverändert zu reproduzieren, sondern darum, es wirklich zu verstehen – und dann Wege zu finden, es mit unserer Gegenwart zu verbinden. Das bedeutet zwangsläufig auch Interpretation und Veränderung. Natürlich kann das kontrovers sein, aber ich halte es für notwendig, wenn diese Traditionen lebendig bleiben sollen.

Roots Revival: Musik der Hazara live

Da sich Ihre Arbeit ständig zwischen unterschiedlichen kulturellen Traditionen und Perspektiven bewegt: Wie prägt das Ihr Verständnis von Zugehörigkeit – und hat sich dieses Gefühl durch Ihre musikalische Praxis verändert?

Das ist keine einfache Frage. »Heimat« wird für mich zu etwas weniger Festem. Für mich ist der Iran natürlich meine Herkunft, meine Familie, meine Kindheit. Gleichzeitig ist es aber auch etwas Abstrakteres, etwas, das in Literatur und Poesie existiert.

Wenn man an verschiedenen Orten lebt, entsteht eine gewisse Distanz – aber auch eine neue Perspektive. Man kann Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Das verändert auch die Beziehung zu einer Kultur: Man wird sich bestimmter Aspekte bewusster, verbindet sich vielleicht auf eine andere, bewusstere Weise mit ihnen. Gleichzeitig kann diese Distanz auch herausfordernd sein. Die Vorstellung von »Heimat« und die Realität sind nicht immer deckungsgleich. Aber genau diese Perspektive – zwischen Innen- und Außenblick – prägt auch meinen Zugang zur Musik insgesamt.

Inwiefern prägt diese Zwischenposition Ihre Musik?

Indem ich nicht versuche, von Anfang an alles festzulegen. Wenn ich mit Musikerinnen und Musikern arbeite, verstehe ich den Prozess als etwas, das sich über die Zeit entwickelt, und nicht von Beginn an vollständig definiert ist. Die unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten fließen dabei ein und verändern ganz natürlich, wie die Musik Gestalt annimmt. So entsteht eher ein gemeinsamer Entwicklungsprozess als eine feststehende Komposition.

Spielt Improvisation in diesem Zusammenhang auch eine Rolle?

Improvisation ist immer Teil unserer Arbeit, aber sie wird nie erzwungen. Sie ergibt sich aus dem Material selbst. Wenn wir ein Programm entwickeln, entsteht zunächst eine Art Gerüst. Innerhalb dieses Rahmens gibt es Momente, die wie von selbst nach Improvisation verlangen. Oft sind das besonders dichte oder emotionale Passagen – Stellen, an denen man spürt, dass sich im Moment etwas entwickeln kann, dass sich Übergänge bilden, Verbindungen entstehen.

Manchmal beziehen wir auch das Publikum ein, fragen nach einer Tonart, einer Stimmung oder einem Rhythmus und entwickeln daraus gemeinsam etwas. Dadurch entsteht eine sehr unmittelbare, geteilte Erfahrung.

»Die Konzert-Erfahrung – diese Konzentration, dieses gemeinsame Erleben – ist etwas sehr Wertvolles.«

Mehdi Aminian

Sie sprechen von Verbindungen – zwischen Stücken, Musiker:innen und auch mit dem Publikum. Wie erleben Sie das in Konzerträumen, die traditionell eher mit westlicher klassischer Musik verbunden sind?

Ich sehe keine strikte Trennung zwischen verschiedenen Aufführungsorten. Entscheidend ist, ob ein Raum der Musik ermöglicht, sich so zu entfalten, wie sie es braucht. Manche Musik verlangt nach Stille, nach bestimmten akustischen Bedingungen und Konzentration, andere funktioniert auch in offeneren, informelleren Kontexten.

Was ich sehr ermutigend finde, ist die Offenheit vieler Zuhörer:innen. Auch wenn ihnen die Musik zunächst fremd ist, sind sie bereit, sich darauf einzulassen. Und in solchen Momenten merkt man, dass sich etwas Gemeinsames entwickelt.

Welche Rolle spielt das Konzerterlebnis selbst in einer Zeit, in der Musik durch Streaming so leicht zugänglich ist?

Ich glaube, dass Live-Performance eine andere Form von Fokus schafft. Wir sind heute mit so vielen Eindrücken gleichzeitig konfrontiert, dass es immer schwieriger wird, wirklich in die Tiefe zu gehen. Mit dieser Reihe versuchen wir, genau das zu ermöglichen: uns auf ein Thema zu konzentrieren, uns Zeit zu nehmen, es wirklich zu erforschen. Ein Konzert schafft dafür einen besonderen Raum. Man kann über einen längeren Zeitraum präsent sein, Entwicklungen verfolgen.

Gerade durch Improvisation entstehen Momente, in denen man ganz im Augenblick ist – fast wie in einer Form von Meditation. Und ich denke, diese Erfahrung – diese Konzentration, dieses gemeinsame Erleben – ist etwas sehr Wertvolles.

  • Elbphilharmonie Kleiner Saal
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    Lost Music: die Musik der afghanischen Hazara – Internationales Musikfest Hamburg

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