Julian Prégardien

Julian Prégardien: Liedstadt Hamburg

Der Tenor Julian Prégardien brennt für das romantische Kunstlied – und ist genau deswegen immer auf der Suche nach neuen Wegen, es zu präsentieren.

Text: Regine Müller, August 2026

 

Julian Prégardiens Terminkalender war im Frühjahr 2026 nicht nur prallvoll, er dokumen­tierte auch die fast schon irritierende Vielseitigkeit dieses Tenors. Im April war er als Residenz­künstler gleich mehrfach im Wiener Konzerthaus zu erleben; das Programm reichte innerhalb von nur fünf Tagen von Mahlers »Rückert-Liedern« bis hin zum offenen Format »Schubert für alle« und zu Babykonzerten. Davor gab es zwei Auftritte beim Heidelberger Frühling, dem er seit langer Zeit verbunden ist und wo er seit Jahresbeginn auch als künstlerischer Leiter des Liedzentrums fungiert. Nebenher probte er in Schwetzingen für eine szenische Produktion von Monteverdis »L’Orfeo«. Und auch die Vorbereitungen für Liedstadt Hamburg beschäftigten Prégardien bereits: Das Festival, das er 2023 mitbegründete, bringt im September wieder außergewöhnliche Konzerte rund ums klassische Lied an unterschiedliche Orte in der Stadt, darunter auch Elbphilharmonie und Laeiszhalle.

»Ich habe jetzt gerade den Peak erreicht von bei­nah wöchentlich wechselnden Projekten, die sich bis zum Sommer durchziehen, bis zu einer Produktion von Händels ›Alcina‹ an der Bayerischen Staatsoper. Danach wird es ruhiger«, erzählt er beim Interview im Foyer der frisch sanierten Hei­del­berger Stadthalle, nur zwei Stunden vor seinem Auftritt in Hans Zenders komponierter Interpretation von »Schuberts Win­terreise«. Vor dem Interview spielt er seelen­ruhig mit ­seinen Kindern im angrenzenden Park eine Runde Frisbee. Und dann zieht sich das Gespräch weit über die geplanten zwan­zig Minuten; längst flaniert das Konzert­publikum durchs Foyer.

Mit Respekt und Gelassenheit

Diese erstaunliche Gelassenheit spricht Bände. Denn sie erwächst offenbar aus der Souveränität von Prégardiens sängerischem Handwerk. Er bedarf, so scheint es, keiner stundenlanger Einsing-Rituale und fühlt sich auch durch ein langes Gespräch vor dem Auftritt nicht in seiner Konzen­tration gestört. Hohen Respekt vor dem Werk hat er den­noch, denn Zenders Stück für Tenor und kleines Orchester verlange pausenlose Hochspannung und viel Kraft, gibt er zu. In der transparenten Akustik der Heidelberger Stadthalle trägt sein lyrischer Tenor scheinbar mühelos, aber Zenders dichte Instrumentierung fordert. Es sind vor allem Prégardiens plastische Diktion und sein nie ins Forcieren abdriftender, schlanker Stimmeinsatz, die ihn über die klir­renden Gletscher und schroffen Felsen der Partitur tragen.

Vom 26. September bis 5. Oktober 2026 findet das Liedstadt Festival an unterschiedlichsten Orten Hamburgs statt.

Fußspuren in Schneelandschaft vor Wald
Fußspuren in Schneelandschaft vor Wald Fußspuren in Schneelandschaft vor Wald © BenjII

Konzerte wie dieses sind allerdings nur ein vergleichs­weise kleiner Teil von Prégardiens Arbeit. Denn er engagiert sich neben dem klassischen Opern- und Konzert­be­trieb auch stark für die Konzeption neuer Wege in der Präsentation klassischer Musik. »Bereits während des Studiums habe ich angefangen, Liederabende selbst zu or­ga­nisieren und szenische Opernprojekte durchzuführen. Parallel da­zu habe ich auch mit der Konzerttätigkeit begonnen, mit einem Schwerpunkt auf Bach. Das heißt, es hat sich im Prinzip schon vor zwanzig Jahren abge­zeichnet, dass ich für meine künstlerische Verwirklichung diese große Band­breite brauche. Denn das eine beeinflusst das andere, und zwar reziprok, nicht nur in eine Richtung.«

Im internationalen Opernbetrieb sind lyrische Tenöre mit Durchsetzungskraft vom Kaliber Prégardiens besonders heiße Ware. Er könnte also durchaus ein Jetsetter als idealer Tamino in Mozarts »Zauberflöte« sein. Dagegen sprechen die beiden stabilsten Säulen seines sängerischen Selbst­verständnisses. »Ich empfinde beim Liedgesang und bei Bach ein vergleichsweise kleines Ich, dafür eine große Hingabe zu den Themen, die dort verhandelt werden. Das kann auch sehr expressiv sein wie bei der Evangelisten-­Partie in einer Bach-Passion. Aber trotzdem ist da ein re­lativ kleiner Ich-Anteil, es geht niemals um die Haltung: ›Ich zeige euch jetzt, wie toll ich singen kann!‹ Bei der Oper hat das meiner Meinung nach oft einen größeren Raum.«

Wie der Vater ...

Vergegenwärtigt man sich Julian Prégardiens fami­liä­ren Hintergrund, dann scheint seine Karriere bei­nahe zwangsläufig zu sein. Oder aber ganz und gar un­möglich. Denn sein Vater ist niemand anderer als der Sänger Christoph Prégardien, der mit ähnlichen künstlerischen Vorlieben eine doch anders gelagerte Karriere machte, aber insbesondere als Evangelist der Bach’schen Passionen einen legendären Ruf besitzt. Vater und Sohn Prégardien teilen sich weitere Gemeinsamkeiten, beide schulten ihre Stimmen früh bei den Limburger Domsingknaben, beide sind im lyrischen Tenorfach zu Hause und haben ein Faible für das Kunstlied.

Christoph & Julian Prégardien
Christoph & Julian Prégardien © Marco Borggreve

... so der Sohn

»Ich stamme aus dem Laienchor-Mekka Limburg an der Lahn und kann überzeugt sagen, dass ich sehr froh bin, diese Basis zu haben«, beschreibt Julian Prégardien seine frühe, entscheidende Prägung. Im Chor war es aber weniger das Erleben der eigenen Stimme und ihrer Wirkmacht, das er als Initialzündung für den solistischen Weg empfand; es war eher ein Gefühl latenter Unzufriedenheit mit vorgegebenen Lesarten und Interpretationen.

Nicht Stimmstolz, sondern Ausdruckswille bahnte ihm den Weg. Denn der wurde bemerkt und bescherte ihm bereits im Limburger Chor, später beim Kammerchor Stuttgart und dem Collegium Vocale Gent erste solistische Partien. »Und daraus hat sich dann organisch das Studium weiter­entwickelt. Ich wollte eigentlich gar nicht Gesang studieren, ich wollte Chor singen. Das war ja meine Heimat.« Na­türlich riet ihm der Vater zunächst vom Sängerberuf ab. Doch als es ernst wurde, hielt er sich bewusst aus den Zukunftsplänen des Sohnes heraus. Inzwischen treten die beiden mit Vater-Sohn-Programmen auf, und längst muss sich der Sohn keine Vergleiche mit dem Vater mehr anhören.

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Es geht um Spaß!

Ohnehin geht er andere Wege, gerade beim aktiven Hinter­fragen eingeführter Formate. »Was ich mir vor 15 Jahren schon an programmatischen und konzeptuellen Gedanken gerade für das kammermusikalische Format Liederabend gemacht habe, passte bei den meisten Veranstaltern einfach nicht in die richtige Box. Es war aber immer schon ein ­Antrieb von mir, dass ich diese wahnsinnig facettenreiche Liederwelt gerne auch facettenreich zeigen wollte.« Und das eben nicht nur in der Form des klassischen Liederabends mit Klavierbegleitung.

Er wolle das Publikum einladen zu entdecken, dass es viele andere Formen für einen Abend voller Lieder gebe: »Zum Beispiel in einer Weinbar mit der Gitarre auf dem Schoß ein Schubertlied zu singen. Oder damit von Haus zu Haus zu ziehen.« In Wien hat Prégardien mit »Schubert für alle« eine eigene Konzertreihe, bei der es kein festgeleg­tes Programm gibt, sondern das Publikum sich Lieder von Franz Schubert wünschen darf, die er dann auf Zuruf singt: »Es sind ja insgesamt 600 Lieder, und natürlich habe ich nicht alle studiert – aber ich bin ganz gut im Vom-Blatt-­Sin­gen. Es geht da aber überhaupt nicht um Per­fektion. Sondern tatsächlich um den Spaß.«

Ähnlich sieht das die Formation The Erlkings mit ihrem Frontsänger Bryan Benner, die Kunstlieder der Roman­tik in populärmusikalisch anmutende Arrangements übertragen und damit für ein neues Publikum zugänglich machen wollen. Prégardien arbeitet regelmäßig mit ihnen zusammen: »Wenn Bryan seine Gitarre dabei hat, dann ist Musik immer und überall möglich. Und plötzlich findet ein Lieder­abend statt, ohne dass es dafür diesen bürgerlichen Rah­men braucht. Lieder haben ein sehr kommunikatives Ele­ment, denn sie sind ein Medium. Eigentlich könnte man sagen, Schubert ist seit 200 Jahren Social Media par excellence.«

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Prégardien will bewusst weg vom hermetischen Konzert­setting. »Man kann das klassische Lied mit anderen Künsten in Verbindung bringen, wie wir das beim Liedstadt-Festival machen. Es gibt da auch choreografierte Abende mit bewegender Musik, bei der wir Interpreten uns tatsächlich auch selbst bewegen.« Etwa bei »Fields of Wonder«, einem Abend mit Thomas Hampson, bei dem Prégardien als Co-Veranstalter agiert. »Wir schreiben hier das Wort Wonder, mit ›o‹, aber klanglich ist es ja fast das gleiche wie to wander, mit ›a‹. Das Wandern und das Wundern sind da sehr nah beisammen. Und dieses Spiel mit Sprache macht große Räume auf, in denen sich neue Fragen stellen: Wie verhält sich der Raum zum Körper und andersherum der Körper zum Raum? Was hat das mit der Musik zu tun? Was macht das mit den Menschen? Da entstehen viele energetische Be­wegungen.«

Generell ist Prégardien der Meinung, dass das Thema Kunstlied noch immer zu stark von der Auffassung geprägt sei, eine intellektuelle Disziplin zu sein. »Das darf es sein, und das kann es auch sein. Aber das ist es nicht nur! Liedgesang ist eine sehr sinnliche Disziplin, in der viel Per­sönliches verhandelt wird. Eine Gattung, die sehr einladend sein kann, weil Geschichten erzählt und eindringliche Bilder entworfen werden. Eine intime Kunstform, von der die eigene Fantasie angeregt wird. Das heißt, Liedgesang ist im Prinzip eine der niedrigschwelligsten Musikformen überhaupt.«

 

Der Text erschien im Elbphilharmonie Magazin (3/26)

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