Text: Carsten Fastner, August 2026
Unbeirrt hält man im Klassikprogramm des Tschechischen Rundfunks am Anspruch fest, stets ganze Werke zu senden, nicht nur einzelne Wohlfühlsätze. Das bringt es mit sich, dass man ein riesiges Repertoire kurzer ganzer Werke braucht, um nach einem langen ganzen Werk jeweils passgenau die Stunde vollmachen zu können. Und dafür greift man in Prag stets auf Domenico Scarlatti zurück, genauer, auf seine 555 Klaviersonaten. Keine zwei Minuten dauert deren kürzeste, rund sieben Minuten die längste – ein unerschöpflicher Fundus abwechslungsreicher, unterhaltsamer ganzer Werke, die viel mehr sind als nur praktische Pausenclowns.
Der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio verglich diese barocken Kleinode mit einem Strom von Perlen, die wie in einer Kaskade über bewässerte Stufen hinab kullern, hüpfen, springen und sich mit dem rieselnden Wasser vermischen.
»Zuweilen gleichen sie kostbaren Wasserbläschen, dann wieder den Tränen einer weinenden Schönheit.«
Gabriele D’Annunzio
Das Bild ist auch deshalb so treffend, weil Scarlattis Zeitalter ganz vernarrt in unregelmäßig geformte Perlen war und daher sogar seinen Namen hat: Barroco hießen diese beliebten Bizarrerien auf Portugiesisch.
Eben die barocke Freude an der individuellen, der charakteristischen Abweichung ist ein wesentlicher Reiz der Sonaten. Scarlatti spielt ständig mit den Konventionen seiner Zeit, jongliert wie beiläufig mit den Regeln der Kunst, immer sinnlich, lustvoll, begeistert. Mit nie versiegendem Einfallsreichtum sucht er stets die Überraschung in rhythmischer, melodischer, harmonischer Hinsicht, doch unter strenger formaler Selbstbeschränkung: Mit unserem heutigen Verständnis einer Sonate haben seine Werke nichts gemein; die klassische Sonatenhauptsatzform wurde erst ein Jahrhundert später kodifiziert. Scarlatti genügt eine schlichte zweiteilige Form, in der er zwei gegensätzliche Themen effektvoll einander gegenüberstellt.
Pianomania
Vier erstklassige Pianist:innen stellen sich dem umfang- wie abwechslungsreichen Sonatenwerk von Domenico Scarlatti. Mit Musik von Mozart oder Debussy bieten sie spannende Perspektiven auf den Sonaten-Altmeister.
555 Mal das gleiche Formprinzip – wer glaubt, das würde bald langweilig, unterschätzt die Fantasie dieses Mannes. Da gibt es verspielten Tastenzauber und pointierte Prägnanz, ariose Schwärmerei und knackige Körperlichkeit, Virtuoses, Heiteres, Tänzerisches, Melancholisches, Hinter- und Untergründiges. Die ganze Welt in 35 Stunden Musik – das ist, wenn man die schiere Spieldauer betrachtet, doppelt so viel wie alles, was Beethoven und Chopin fürs Klavier geschrieben haben; nur Bach bringt es auf einen ähnlichen Wert – wenn man seine Orgelwerke dazurechnet.
Dieser beeindruckende Werkkomplex ist ein Unikum in der Musikgeschichte. Doch über seine Entstehung und seinen Komponisten ist gar nicht allzu viel bekannt: Domenico Scarlatti wurde 1685 in Neapel geboren, im selben Jahr wie Bach und Händel. Sein Vater Alessandro, ein bedeutender Opernkomponist, kümmerte sich, ähnlich wie später Leopold Mozart, intensiv um die Karriere des hochbegabten Sohnes, brachte ihn früh an die Hofkapelle in Neapel, trieb ihn weiter nach Florenz, nach Venedig, nach Rom, in den Vatikan.
Domenico arbeitete für die Medici, die polnische Exilkönigin, den kunstsinnigen Kardinal Ottoboni, stand in kollegialem Austausch wohl mit Vivaldi, sicher mit Corelli und Händel – mit dem er sich auch einen öffentlichen Wettstreit lieferte, den er selbst am Cembalo, Händel hingegen an der Orgel gewonnen haben soll. Als Tastenvirtuose spielte Scarlatti bereits mit zehn Fingern (statt wie damals üblich ohne Einsatz der Daumen); als Komponist brachte er es bis 1719 auf beachtliche 15 Opern, ebenso viele Oratorien und weitere, vornehmlich vokale Werke.
Dann der Bruch – mit dem dominanten Vater, der Heimat, dem bisherigen Schaffen. Mit 34 Jahren übersiedelt Scarlatti nach Lissabon an den portugiesischen Königshof und wird Lehrer der jungen Infantin Maria Bárbara, die sich bald als talentierte Cembalistin erweist. Als die Prinzessin 1729 mit dem spanischen Thronfolger vermählt wird, folgt er ihr nach Spanien und bleibt bis zu seinem Tod 1757 in Maria Bárbaras Diensten. Seine 555 Sonaten komponiert er wohl vornehmlich für sie, und der spanische Einfluss auf diese Stücke ist auch gar nicht zu überhören: Immer wieder klingen Effekte der dortigen Folklore an – die Arpeggien der Gitarren, das Tremolieren der Mandolinen, das Klappern der Kastagnetten.
Quellen aber, Autografe gar, die Details über ihre Entstehung verrieten, haben sich nicht erhalten. Scarlatti selbst hat lediglich eine Auswahl von dreißig Stücken im Druck herausgebracht, in einem luxuriösen Band, der 1738 unter dem Titel »Essercizi per gravicembalo« in London erschien. Alles Weitere ist ausschließlich durch zeitgenössische, in verschiedenen Bänden zusammengefasste Abschriften überliefert. Die prächtigsten darunter, jene aus dem Besitz der Königin, hat Maria Bárbara nach ihrem Tod 1758 einem anderen ihrer Hofmusiker hinterlassen: dem Kastraten Farinelli, der Scarlatti hoch schätzte und die Manuskripte 1770 dem englischen Musikhistoriker Charles Burney zeigte, wovon jener in seinem »Tagebuch einer musikalischen Reise« ausführlich berichtet.
Doch es sollte bis 1953 dauern, ehe die erste grundlegende Biografie über Scarlatti erschien, verfasst von dem amerikanischen Cembalisten Ralph Kirkpatrick, der auch das bis heute relevante Werkverzeichnis erstellte. Die erste Gesamteinspielung von K 1 bis K 555 schließlich brachte der Cembalist Scott Ross 1985 heraus – nach 98 Aufnahmesitzungen mit insgesamt 8.000 Takes.
Vergessen waren Scarlattis Sonaten dennoch nie. Ihr Witz hat schon Haydn beeindruckt und beeinflusst; Chopin bewunderte ihre spieltechnische Qualität und machte sie zum Pflichtprogramm für seine Schüler:innen; und auch Brahms war so begeistert, dass er eine Sammlung von Manuskripten mit insgesamt 308 Sonaten zusammentrug.
Gedacht und geschrieben hat Scarlatti seine Sonaten fürs Cembalo, und naturgemäß lenkt dessen überschaubares Klangspektrum den Fokus auf die Vielfalt in der Faktur dieser Kompositionen. Für die Entfaltung der Vielfalt ihrer implizierten klanglichen Vorstellungen aber bietet das moderne Klavier weit mehr Möglichkeiten, und so haben sich auch die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts früh dieser Stücke angenommen. Die noble Clara Haskil, der lyrische Wilhelm Kempff, der elegante Robert Casadesus, der hochsensible Dinu Lipatti, der glasklare Arturo Benedetti Michelangeli – sie alle hatten Scarlatti-Sonaten im Repertoire, wenn auch eher als Bravour- und Zugabenstücke. Erst Vladimir Horowitz hat sie in seinen Konzerten und auf seinen Schallplatten als vollwertige Kompositionen rehabilitiert: Ihm war Scarlatti ein »Meister der großen Kleinkunst – was der kleinen Großkunst natürlich vorzuziehen ist.«
Und wie können wir heute diese Sonaten hören? Im Vorwort zu den »Essercizi« gibt Scarlatti selbst dem Leser (nicht etwa dem Hörer oder Spieler!) eine zeitlose Empfehlung – in aller Bescheidenheit, mit noblem Sinn und einem zutiefst humanen Gedanken: »Leser, ob Du Liebhaber seist oder Kenner, erwarte in diesen Kompositionen keine Tiefgründigkeit, sondern einfach ein raffiniertes Spiel mit der Kunst. Und erweise Dich lieber als menschlich denn als kritisch, so wirst Du Dein Vergnügen noch mehren. Lebe glücklich!«
Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (3/26).
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