Text: Hanno Grahl, Juni 2026
Knapp zehn Minuten von der Elbphilharmonie entfernt liegt das Portugiesenviertel: Restaurants, Cafés und Bars führen hinein in das Lebensgefühl der Atlantikküste. In keiner anderen Stadt leben so viele Portugies:innen wie in Hamburg. Neben Wein und dem Nationalgericht Bacalhau – getrockneter Stockfisch – ist wohl kaum etwas so eng mit der portugiesischen Identität verbunden wie der Fado. Und dieser besondere Gesang, der eine ungeheure Anziehungskraft besitzt, ist regelmäßig in der Elbphilharmonie zu hören. Ana Moura elektrisierte beispielsweise 2019 den Großen Saal mit ihrer gefühlvollen Stimme und der sagenumwobenen Magie des Fado.
Ana Moura – live aus der Elbphilharmonie
»Fado ist Ausdruck der Seele.«
Ana Moura
Die Ursprünge des Fado liegen im Dunkeln. Einige Forscher:innen sehen arabische Einflüsse, andere wiederum verweisen auf die Kolonialgeschichte Portugals und auf Regionen in Afrika und Südamerika, etwa Angola, Mosambik und Brasilien. Vielleicht ist es aber auch schlicht eine Mischung all dieser Einflüsse, die von Künstler:innen in Lissabon aufgegriffen wurden und sich nach und nach zur Fado-Kultur entwickelten, wie wir sie heute kennen.
Worauf sich viele einigen können, ist der ungefähre zeitliche Ursprung: Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Fado in den Straßen von Lissabon. Zu der Zeit lang sich das portugiesische Königshaus nicht im eigentlichen Heimatland, sondern in Brasilien auf – ein Umstand, der den kulturellen Austausch zwischen den Ländern zusätzlich verstärkte. Nebem dem verstärkten Warenverkehr, kam es auch zu einem stärkeren Austausch zwischen den Kulturen. Auch dieser Umstand könnte zur Entwicklung des Fado beigetragen haben.
Als Wegbereiterin der späteren Fadista gilt die Sängerin Maria Severa, genannt »A Severa«. Armut, Prostitution und ein früher Tod – ihr kurzes Leben war voller Tragik und hätte genug Stoff für zahlreiche Fado-Lieder geboten. Severa wurde schnell zum Mythos, der durch Theaterstücke, Filme und Musik Eingang in die Popkultur fand.
Früh etablierte sich auch das typische Begleitinstrument des klassischen Fado: die portugiesische Gitarre. Sie ist birnenförmig, etwas kleiner als eine herkömmliche Gitarre und hat zwölf Saiten. Unter den Fado-Gitarrrist:innen gab es viele Stars, die ähnlich gefeiert wurden, wie die Sänger:innen. Zu ihnen gehörten zum Beispiel Gonçalo Paredes, Carlos Paredes oder der legendäre António Chainho.
Saudade – Einzigartiges Lebensgefühl
Fado ist die musikalische Verarbeitung des portugiesischen Lebensgefühls »Saudade«, ein Begriff, der sich kaum übersetzen lässt. Er wird mit Weltschmerz, Wehmut, Nostalgie oder sanfter Melancholie in Verbindung gebracht. Die poetische Beschreibung »das Anwesende des Abwesenden« trifft dieses Gefühl sehr gut. Die Fadistas singen über das Leben mit allem, was dazugehört: Trauer, Sehnsucht, Liebesschmerz und Fernweh, aber auch Freude, Familie und glückliche Zeiten – oft sind die Texte sehr persönlich.
Diese besondere Intimität zeichnet den Fado aus und berührt das Publikum weit über die Grenzen Portugals hinaus. Häufig muss man die Texte gar nicht verstehen: Man spürt ihren Inhalt in der Musik, im Gesang und im Ausdruck der Fadistas. Man sagt auch: »Fado kann man nicht erklären, nur fühlen.«
Obwohl die Lieder anfangs in Armenvierteln gesungen wurden, entwickelte sich relativ schnell ein Fado-Boom in den Salons der gehobenen Gesellschaft. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert ist die Musik fest mit der portugiesischen Kultur und dem Lebensgefühl verschmolzen – Fado ist mehr als nur Musik.
Die Königin des Fado
Amália Rodrigues ist mit Abstand die bekannteste Fadista aller Zeiten. Die »Königin des Fado« brachte den portugiesischen Gesang auf die internationale Bühne. Wie sehr das ganze Land an Amália hing, zeigte sich noch einmal bei ihrem Tod im Jahr 1999: Hunderttausende Menschen begleiteten den Trauerzug zu ihren Ehren, der gerade begonnene Wahlkampf wurde unterbrochen und eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Das Parlament erließ eigens ein Gesetz, damit die Sängerin früher im Lissabonner Pantheon beigesetzt werden konnte – zuvor ging das erst vier Jahre nach dem Tod der Person. Vor Kurzem wurde sie sogar in einem Asterix-Comic verewigt.
Weitere Legenden des Genres sind etwa Carlos do Carmo, Alfredo Marceneiro und Ercília Costa. Sie gehörten zu den Vorgänger:innen Amálias, die den Gesang vom 19. ins 20. Jahrhundert führten und ihn schrittweise internationalisierten. Doch Amália Rodrigues überstrahlte sie alle. Für Ricardo Ribeiro ist sie das große Idol aller Fadistas: »Wir haben alle Amália in der Stimme.«
Amália Rodrigues: »Povo que lavas no rio«
Amálias Thronfolge
Nur ein Jahr nach dem Tod der »Fado-Queen« trat eine junge Fadista ins Rampenlicht und eroberte das Publikum im Sturm. Im Jahr 2000 wurde Mariza zur besten Fadista des Jahres gekürt und entwickelte sich rasch zur Thronfolgerin von Rodrigues. Mariza ist es auch mit zu verdanken, dass der Fado 2011 zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt wurde. Für die Sängerin ist Fado »vor allem die Musik der Seele. Alles ist Gefühl. Fado ist sehr portugiesisch, er repräsentiert unsere Kultur.«
Mariza hält die Tradition hoch, lässt aber auch neue Einflüsse zu: So lässt sie sich gelegentlich von Orchestern begleiten oder unternimmt Ausflüge in andere Genres – am wohlsten fühlt sie sich jedoch mit der Gitarre als Begleiterin. Sie war in den vergangenen Jahren schon oft zu Gast in Hamburg – im Rahmen des Elbphilharmonie Sommers 2026 präsentiert die Sängerin ihr Programm »Amor« und bringt für einen kurzen Moment die besondere Atmosphäre Lissabons in den Großen Saal.
Fadista in der Elbphilharmonie
Die Fadista Carminho zählt ebenfalls zu den bekanntesten Vertreterinnen ihres Fachs. »Eu Vou Morrer de Amor ou Resistir« (Ich werde an der Liebe sterben oder Widerstand leisten) heißt ihr aktuelles Album, dessen Titel allein die Essenz des Fado ausdrückt. Carminho beherrscht ihre Stimme meisterhaft und schafft es, mit sanfter Eleganz zeitgenössische Elemente mit den unverrückbaren Traditionen zu verweben: »Es geht nicht darum, den Fado zu verändern«, betont sie, »sondern darum, an ihm zu arbeiten – wie eine Handwerkerin, mit den Händen.«

