Text: Stefan Franzen, August 2026
Blues und Bluegrass, Jazz, Soul, amerikanischer, italienischer und afrikanischer Folk, Oper und Ballett – man muss Atem holen, um alle Stile aufzuzählen, die in der Musik von Rhiannon Giddens eine Rolle spielen. Die Sängerin, Banjospielerin und Geigerin aus North Carolina denkt und erzählt die Musikgeschichte der USA aus einer globalen Perspektive: Sie erforscht die gemeinsamen klanglichen Erblinien der verschiedenen Bevölkerungsgruppen Amerikas, lässt sie neu lebendig werden und alle gleichberechtigt zum Zuge kommen. Und das ist in Zeiten wie diesen durchaus ein Signal – wobei: »Die Folk-Bewegung muss wiedererstarken, denn sie ist ein Ventil für die Menschen, über das zu sprechen, was gerade abgeht«, sagte Giddens bereits 2015, am Beginn ihrer Solokarriere. Der Satz hat bis heute nichts an Aktualität verloren.
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Rhiannon Giddens: Kurzbiografie
Dabei war ihr die amerikanische Roots Music nicht von klein auf wichtig. Giddens, 1977 geboren, wächst multiethnisch auf, ihre Mutter ist Nachfahrin von Afroamerikanern und Indigenen, ihr Vater ist Weißer. Die Piedmont Region in North Carolina gilt als Hochburg von Blues und Old-Time Music, der von Fiddle, Banjo, Mandoline und Tanz geprägten Folkmusik. In die Blues- und Bluegrass-Plattensammlung ihrer Großeltern hört sie zwar rein, viel mehr aber folgt sie als Kind der Vorliebe der Mutter für klassischen Rock, breit gefächert von Queen bis Sting. »Erst auf dem College habe ich mir die traditionellen Sachen richtig erschlossen. Und da habe ich gemerkt: Der europäische Einfluss auf die amerikanische Musik ist prima dokumentiert, was man von den schwarzen String Bands nicht behaupten kann.« Giddens’ Mission wird es, diese vergessene Linie aufzuarbeiten und wieder zur Geltung zu bringen.
Nachdem sie am Oberlin College in Ohio Operngesang studiert hat, tummelt sie sich zunächst in einer Bandszene, die sich vor allem keltischer Musik verschreibt. Dort lernt sie den Multiinstrumentalisten Dom Flemons kennen und gründet mit ihm die Sankofa Strings, die ein Spektrum afroamerikanischer Musikrichtungen präsentieren: Country und klassischer Blues, früher Jazz, afrikanische und karibische Lieder, auch das Repertoire der Minstrel Shows, jener Theaterdarbietungen, in denen Weiße durch das sogenannte blackfacing Schwarze parodierten. Bei den Sankofa Strings kann Giddens bereits all ihre Talente ausspielen: Sie singt, spielt Geige und fünfsaitiges Banjo.
Die Geschichte des Banjos erzählen
Das Banjo ist ihr Hauptinstrument, und seine spannende Geschichte zu erzählen, ist ihr ein zentrales Anliegen. Obwohl immer wieder verniedlicht und Gegenstand von Witzen, hat dieses erstaunliche Instrument eine Jahrtausende lange Historie: Seine Vorfahren lassen sich bis in die Zeit der alten Ägypter zurückführen; bei den Griots, den westafrikanischen Geschichtenerzählern, wurde es schon vor 800 Jahren – als Spießlaute Ngoni – für Lobgesänge auf Könige und Krieger eingesetzt. Mit den Sklavenschiffen kam es dann als Banjar über den Senegal in die Karibik und die USA, machte eine Metamorphose von der Fertigung aus Kalebasse oder Holz zur heutigen Metallbauweise durch. Das afrikanische Erbe hallt in Giddens’ Programm »Early Banjo Music« kräftig nach. Zentrales Werkzeug ist das Banjo auch während ihres Songwritings: »Die Licks, die Akkordstruktur, der Groove – das alles wird anders, wenn du auf dem Banjo schreibst statt auf der Gitarre«, so ihre Erfahrung.
2005 gehen die Sankofa Strings in die Carolina Chocolate Drops über, die es schließlich bis ins Vorprogramm von Bob Dylan schaffen. Mit Alben wie »Genuine Negro Jig« (2010) und »Leaving Eden« (2012) erregt diese Band auch internationale Aufmerksamkeit. Ein besonderer Glücksfall ist hier Giddens’ Zusammenspiel mit Leyla McCalla, die ebenfalls Banjo, vor allem aber Cello spielt und auf das Liedgut ihrer haitischen Vorfahren und der französisch geprägten Cajun-Kultur Louisianas zurückgreifen kann.
Reflektor Rhiannon Giddens :25.–29.11.2026
Beim fünftägigen »Reflektor«-Festival in der Elbphilharmonie zeigt die US-Künstlerin ihr facettenreiches Schaffen zwischen Folk, Geschichte und globaler Musiktradition.
Alles hängt mit allem zusammen
Die vielschichtige Arbeit bei den Caroline Chocolate Drops bildet den Grundstock für Giddens’ Solokarriere, die sie ab 2015 verfolgt. Einer der Auslöser ist der Produzent T-Bone Burnett: Er holt sie für das Projekt »Another Day, Another Time« ins Boot, Aufnahmen, die von der Musik des Coen-Brüder-Films »Inside Llewyn Davis« inspiriert sind. Giddens interpretiert eine explosive und seelenerschütternde Version von »Water Boy«, ursprünglich von der Sängerin und Bürgerrechtsaktivistin Odetta gesungen.
Kurze Zeit später steht Giddens wiederum unter Burnetts Führung am Mikro und nimmt ihr erstes Soloalbum, »Tomorrow Is My Turn«, auf: Es ist eine Hommage an die mutigen Frauen in Blues, Country, Folk und Jazz, von Sister Rosetta Tharpe über Nina Simone bis Dolly Parton. Giddens zeigt hier, wie wandelbar und vielgestaltig ihre Vocals sind: »Meine eigene Stimme soll erkennbar bleiben, ich suche mir in jedem Song eine Aussage, die ich aus meiner eigenen Erfahrung nachvollziehen kann. Ich wollte bei meinem Debüt zeigen, dass ich von Musikerinnen der verschiedensten gesellschaftlichen Schichten beeinflusst bin. Denn wenn du einen der Fäden, aus denen die amerikanische Musik gewoben ist, rausziehst, dann kollabiert sie! Alles hängt mit allem zusammen. Der Country-Sänger Jimmy Rodgers hat auch Blues gesungen, und Blues-Sänger haben auch Country gespielt. Die Trennlinien, die Kategorisierungen, die haben nur die Plattenfirmen zwecks Kommerzialisierung vorgenommen.«
Das nächste Kapitel in Giddens’ Karriere steht ganz im Zeichen der Partnerschaft mit ihrem damaligen italienischen Ehemann. Francesco Turrisi ist ein Allrounder vom Klavier übers Akkordeon bis hin zu verschiedenen Lauteninstrumenten und zur Rahmentrommel. Er bringt eine globale Musikperspektive in Giddens’ Arbeit ein. Von der neuen Heimat Irland aus produziert das Paar zwei Alben, auf denen es die Verbindungen zwischen arabischen und afrikanischen Klängen und den Volkstraditionen der USA und Europas, insbesondere Italiens unter die Lupe nimmt. Das erstaunliche Spektrum reicht dabei bis in die Welt der Spirituals und der Oper, mit Arien vom Barock bis ins 20. Jahrhundert, von Claudio Monteverdi bis Gian Carlo Menotti.
Auf ihre klassische Ausbildung hat Rhiannon Giddens in den vergangenen Jahren gleich mehrfach zurückgegriffen, doch tut sie dies stets durch ihren Filter der afro-amerikanischen Geschichte. Mit »Omar« hat sie, gemeinsam mit dem Komponisten Michael Abels, eine Oper über die Lebensgeschichte von Omar Ibn Said geschrieben. Der muslimische Gelehrte wurde 1807 aus dem Gebiet des heutigen Senegal nach Amerika verschleppt und verfasste dort in der Sklaverei auf Arabisch eine Autobiografie. Diese diente Giddens dazu, dem Schicksal Millionen deportierter Schwarzer eine individuelle Stimme zu geben.
Auf faszinierende Weise taucht Giddens als Komponistin auch ins Ballett-Fach ein: In »Black Lucy And The Bard« rückt sie Shakespeares Sonette an die »Dark Lady« in den Fokus – allerdings in der Lesart der Dichterin Caroline Randall Williams, die die Originale einer Wandlung unterzogen hat: als Poesie an eine afrikanische Frau.
Rhiannon Giddens hat Francesco Turrisi auch zu ihrem Festival eingeladen zu einem Abend (25. November) zwischen amerikanischer und italienischer Volksmusik, Spirituals und Arien.
Nashville Ballet: Lucy Negro Redux
Der erstaunlichste Schritt in Giddens vielschichtiger Laufbahn dürfte ihre Ernennung zur künstlerischen Direktorin des Silkroad Ensembles im Jahr 2020 sein. Dessen Gründer selbst, der Cellist Yo-Yo Ma, hat ihr nach 22 Jahren die Leitung über diese einzigartige weltumspannende Formation übertragen, die Begegnungen von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Erdteilen ermöglicht. Giddens hat frische Gesichter für dieses neue Kapitel des Seidenstraßen-Projekts eingeladen und mit ihnen ein ungewöhnliches Repertoire entwickelt, darunter die Cellistin Karen Ouzounian und die Pianistin Lara Downes.
Das aktuelle Silkroad-Programm »Sanctuary« etwa führt vor Ohren, wie Musik in Zeiten von Aufruhr, Umwälzungen, Verlust und Trauer stets ein Anker für den Zusammenhalt von Gemeinschaften sein konnte. Lieder, in denen rituelle und trancehafte Aspekte, Stille und Heilung eine große Rolle spielen, stehen dabei im Mittelpunkt. Sie decken von marokkanischen Gnawa-Gesängen über die süditalienische Tarantella bis hin zu amerikanischen Folktraditionen ein immenses geografisches Spektrum ab.
Auch bei ihrem »Reflektor«-Festival darf das Silkroad Ensemble natürlich nicht fehlen! »Sanctuary« erklingt am 29. November in der Elbphilharmonie.
Gerade dieses Programm verkörpert in besonderem Maße Giddens’ künstlerische Vision: die eines anderen Amerikas. Ihre Musik ist ein lauter, hoffnungsvoller Ruf nach dieser Utopie – und die Hoffnung bezieht sie dabei aus dem Blick auf ihre Heimat aus der Distanz: »In dem Maße, in dem ich Einflüssen und Nachrichten aus aller Welt ausgesetzt war, habe ich mehr und mehr über den Hintergrund all der Menschen gelernt, die nach Amerika kamen. Ich habe gelernt, dass sich Amerika buchstäblich aus der ganzen Welt zusammensetzt. Eine Vorstellung, die sich da drüben nicht durchgesetzt hat. Immer noch glauben dort eine Menge Leute, dass weiße, angelsächsische Protestanten das Land geschaffen hätten. Man ist sich heute nicht mal mehr bewusst, welche unglaubliche Zahl an deutschen Auswanderern rüberkam – so viele, dass eine Zeit lang nicht klar war, ob Englisch oder Deutsch die Landessprache werden würde. Von den Afrikanern und den Indigenen und den anderen Europäern gar nicht zu reden. Auch das steckt alles in der Musik und muss noch entdeckt und herausgearbeitet werden. Das macht mich neugierig. Wir Amerikaner sind keine einzigartigen und herausragenden Leute. Wir sind ein Mix, wie die Menschen überall anders auch!«
Dieser Artikel erschien im Elbphilharmonie Magazin (3/26).
Mehr über das Programm ihres »Reflektors« und über die USA erzählt Rhiannon Giddens im Podcast »Elbphilharmonie Talk«.
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
Rhiannon Giddens & Francesco Turrisi
»When I Am Laid in Earth« – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
»Juba Zinga Jubilee« – Bringing Early Banjo Music Back Home / Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Kaistudio 1
Rhiannon Giddens & Kristina Gaddy / Gespräch
»Go Back and Fetch It« – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
The Music of Rhiannon Giddens / Silkroad Ensemble
»Omar and Lucy, Black Stories Real and Imagined« – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
Karen Ouzounian / Lembit Beecher
»Mayrig – Mutter« – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
»Finding Home« – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Großer Saal
»The People Could Fly« – Reflektor Rhiannon Giddens
Ausverkauft - Elbphilharmonie Kleiner Saal
Kreolische und Cajun-Musik aus Louisiana – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Kleiner Saal
»Celebrating 30 Years of Music« – Reflektor Rhiannon Giddens
- Elbphilharmonie Großer Saal
Silkroad Ensemble featuring Rhiannon Giddens
»Sanctuary« – Reflektor Rhiannon Giddens









