New York

Die Anti-Hymne

Ob Staatsbesuch oder Super Bowl – die US-amerikanische Hymne ist allgegenwärtig. Sechs unerhörte Fakten über die berühmte Hymne, an der regelmäßig gestandene Sänger:innen scheitern.

Mit der Unabhängigkeitserklärung gründeten sich vor 250 Jahren die Vereinigten Staaten von Amerika. Jahrzehnte nach der erkämpften Freiheit schrieb der Dichter Francis Scott Key das Gedicht »Defence of Fort McHenry«. Wie daraus die spätere Hymne der USA wurde und weitere spannende Fakten rund um das »Star-Spangeld Banner«.

Francis Scott Key – Porträt von Joseph Wood
Francis Scott Key – Porträt von Joseph Wood

Der Text

Angesichts der vielen kriegerischen Verwicklungen der USA bis zum heutigen Tag erscheint es geradezu symptomatisch, dass die amerikanische Hymne während einer Schlacht entstand. 1814 belagerte Großbritannien die Stadt Baltimore im Rahmen eines militärischen Konflikts, der kurz nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs die Einflusssphären des noch jungen amerikanischen Staates und des britischen Mutterlands absteckte. Von Bord eines Schiffes beobachtete der amerikanische Rechtsanwalt und Hobby-Dichter Frances Scott Key, wie die Briten das der Stadt vorgelagerte Fort McHenry die ganze Nacht über mit Kanonen und damals noch neuartigen Raketen beschossen. Doch zu seiner Erleichterung wehte auch am nächsten Morgen über dem Fort noch die mehr als 100 Quadratmeter große US-Flagge; die Briten zogen wieder ab. (Die Flagge ist heute als nationale Reliquie im Smithsonian Museum in Washington ausgestellt.) Seine Eindrücke verarbeitete Key in einem patriotischen Gedicht, das er in mehreren Zeitungen drucken ließ. Es umfasst vier Strophen, als Nationalhymne gesungen wird aber in aller Regel nur die erste – wobei dem Volksmund zufolge kaum ein Amerikaner mehr als die ersten paar Zeilen auswendig kennt.

The Star-Spangled Banner

O! say can you see
by the dawn’s early light,
What so proudly we hailed
at the twilight’s last gleaming,

Whose broad stripes and bright stars
through the perilous fight,
O’er the ramparts we watched,
were so gallantly streaming?

And the rockets’ red glare,
the bombs bursting in air,
Gave proof through the night
that our flag was still there;

O! say does that star-spangled
banner yet wave,
O’er the land of the free
and the home of the brave?

USA 250

Große Orchester, Künstler:innen und Musik aus den Vereinigten Staaten

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New York New York © Matteo Catanese

Die Musik

Es war Keys Schwager, der bemerkte, dass sich das Gedicht auf die Melodie von »To Anacreon in Heaven« singen ließ, einem seinerzeit populären Song. Allerdings mit einem pikanten Hintergrund: Geschrieben worden war er um 1775 vom englischen Komponisten John Stafford Smith als Vereinshymne der »Anacreontic Society«, einem Londoner Club von musikbegeisterten Gentlemen der Upper Class. Gegründet im Namen des antiken Dichters Anacreon, verfolgte er zwei Ziele: monatliche Konzerte zu veranstalten – einmal war sogar Joseph Haydn zu Gast – und sich wie die alten Griechen mit Rotwein in eine vermeintlich höhere Sphäre zu trinken. Nach 25 feuchtfröhlichen Jahren löste sich der Club auf, nachdem eine einflussreiche Adelige einer Vereinssitzung beigewohnt und sich über die ungehörigen Lieder beschwert hatte. All dies hielt Keys, seinen Schwager und einen befreundeten Musikverleger nicht davon ab, Text und Musik umgehend zusammen herauszubringen.

Die Alternativen

Nun hatten die Vereinigten Staaten zwar ein nationales Lied, wie es patriotischer nicht sein könnte, aber immer noch keine Nationalhymne. Eine solche war in der Verfassung einfach nicht vorgesehen. Stattdessen gab es gleich mehrere repräsentative Lieder und Märsche, die bei öffentlichen Anlässen und militärischen Zeremonien gespielt wurden. Zuvorderst: »My Country, ’Tis of Thee« – allerdings auf die Melodie von »God Save the King«. Da hatte man den Unabhängigkeitskrieg gewonnen und sang als Republik immer noch das Loblied des verhassten Königs! Das stieß sogar einem Ausländer wie Antonín Dvořák sauer auf. Der tschechische Komponist war 1892 als musikalischer Entwicklungshelfer ans New Yorker Konservatorium verpflichtet worden und hörte die Retro-Hymne mehr als einmal, weil im selben Jahr das 400. Jubiläum der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus mit zahlreichen Festakten gefeiert wurde. Genervt setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb eine neue, eigenständige Melodie für »My Country«. Öffentliche Akzeptanz fand sie aber nie – und so zuckte er mit den Achseln und nutzte sie für sein neues Streichquintett.

Die Anerkennung

Ähnlich wie Dvořák ging es auch vielen Amerikanern. Und so gingen immer mehr Bandleader der US Army und Ausrichter öffentlicher Events dazu über, »The Star-Spangled Banner« faktisch wie eine offizielle Hymne zu behandeln. Ab der Jahrhundertwende etablierte sich auch die bis heute bestehende Tradition, das Lied vor großen Sportereignissen wie dem Saisonauftakt der Baseball-Liga oder dem Super-Bowl-Finale zu spielen. Nur die Politik stellte sich stur. Sechsmal brachte der demokratische Kongressabgeordnete John Charles Linthicum in den 1920er-Jahren den Antrag ein, die Hymne als solche anzuerkennen – vergeblich. Stattdessen gab es eine öffentliche Ausschreibung für eine ganz neue Alternative, die trotz 900 Einsendungen aber keinen Gewinner hervorbrachte. Erst als sich der Verein Amerikanischer Kriegsveteranen für »The Star-Spangled Banner« einsetzte und eine Petition mit fünf Millionen Unterschriften vorlegte, stimmte Präsident Herbert Hoover 1931 zu.

Die Provokation

Gedacht ist eine Hymne ja eigentlich zur Glorifizierung des Landes. Das sahen aber nicht alle Interpreten so – Igor Strawinsky etwa, der 1940 vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA geflüchtet war. Für ein Konzert in seiner ersten Wahlheimat Boston erstellte er 1944 eine eigene Fassung mit ungewohnten Dissonanzen, die seinem Status als Avantgarde-Komponisten ebenso Reverenz zollte wie dem Kriegseintritt der USA. Als die Bostoner Polizei davon Wind bekam, sah sie die nationale Ehre bedroht und drohte ihm mit Verhaftung, sodass er sein Arrangement grummelnd zurückzog. Doch seine Variante ist geradezu harmlos gegen die Version, die Jimi Hendrix 1969 zum Abschluss des Woodstock-Festivals mit stark verzerrter Gitarre losließ. Die Melodie geht darin unter in einem mit Rückkoppelungen, Effektpedalen und Vibratohebel erzeugten Soundgewitter, das das Fallen und die Explosionen von Bomben, das Rattern von Maschinengewehren und die Schreie von Verwundeten imitiert. Ein ohrenbetäubender Protest gegen den Vietnam-Krieg, der zu einem landesweiten Aufschrei führte und bis heute eine Sternstunde der E-Gitarre darstellt.

Die Probleme

Schon im Prozess der Anerkennung warnten Kritiker, die Hymne sei zu schwer zu singen. Die zwischenzeitliche Modulation der Tonart, vor allem aber die großen Sprünge und der Tonumfang der Melodie von mehr als anderthalb Oktaven, der weit über normale Volkslieder hinausgeht, überfordere jeden Sänger. Eine Prophezeiung, die sich bis heute tausendfach erfüllt hat – vor allem, weil sich immer wieder Popstars verpflichten lassen, sie bei prominenten Sportereignissen unter unkontrollierbaren Live-Bedingungen darzubieten. Ganze Youtube-Playlists sind gefüllt mit den desaströsen Auftritten von Taylor Swift, Christina Aguilera, Fergie, R. Kelly, Justin Timberlake und anderen, die auf die eine oder andere Weise hoffnungslos scheitern, während prominente Sportler oder Politiker im Publikum mit den Augen rollen oder sich auf die Lippen beißen, um ihr Lachen zu unterdrücken und Fassung zu wahren. Die mit großem Abstand grausamste Fassung lieferte eine Sängerin, die ihren Namen bis heute erfolgreich geheim halten konnte, bei einer Veranstaltung von Donald Trumps erstem Wahlkampf 2016 im Städtchen Eugene (Oregon). Ungefähr acht Mal verrutschte sie in der Tonart – was einen New Yorker Jazzpianisten nachträglich zu einer höchst vergnüglichen Klavierbegleitung animierte.

 

Text: Clemens Matuschek, Mai 2026

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