Im Gamelan-Ensemble der Elbphilharmonie, einem von fünf Mitmach-Ensembles des Hauses, spielen engagierte Laien wöchentlich zusammen. Normalerweise proben sie in den Kaistudios der Elbphilharmonie, spielen dort auf traditionellen indonesischen Gongs, Metallofonen, Trommeln und Saiteninstrumenten, angeleitet vom erfahrenen Gamelan-Lehrer Steven Tanoto. Einmal im Jahr treten sie öffentlich auf, im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.
Im Sommer 2025 aber trat das Ensemble eine große Reise an: 14 Mitglieder flogen zusammen nach Indonesien. Bei einem 14-tägigen Workshop im Zentrum Griya Seni Ekalaya tauchten sie intensiv in die Gamelanmusik und -kultur ein – eine einmalige Erfahrung, die bei den Mitgliedern des Gamelan-Ensembles vermutlich noch lange nachhallt. Hier berichten sie von der Reise:
Wie kam es zu der Idee, nach Java zu fliegen?
Patrick: Nach unserem erfolgreichen Gamelankonzert in den Resonanzräumen im Juli 2024 kam im Ensemble die Idee auf, nach Java zu reisen, um dort Gamelanunterricht zu nehmen. Einen Urlaub zu verknüpfen mit der Möglichkeit, Kunst, Kultur, und Musik mit Gleichgesinnten zu verbinden, fand sofort große Begeisterung. Unser Ensembleleiter Steven Tanoto nahm diese Idee mit Freuden auf und präsentierte uns bereits im Herbst konkrete Reisepläne. Im Sommer 2025 war es so weit. Mit insgesamt 14 Personen reisten wir in das Herz des Gamelan: in die Stadt Solo in Zentral-Java.
Veronika: Auf einer achtstündigen Zugfahrt von Jakarta nach Solo bekamen wir gleich einen ersten Eindruck des Landes: Wir reisten in einem komfortablen Zug, vorbei an Reisfeldern, Dörfern und kleinen Städten. Eine schöne Fahrt!
Wie sah der Gamelanunterricht in Solo aus?
Alexandra: Unser Unterricht war in drei Schwerpunkte unterteilt. Fast täglich konnten wir an einem Sprachkurs teilnehmen, wahlweise Javanisch oder Bahasa Indonesia. Anschließend hatten wir Einzelunterricht bzw. Unterricht in Kleingruppen. Jede(r) Teilnehmer:in konnte sich dafür für zwei Instrumente anmelden. Einige Gruppenmitglieder haben in dieser Zeit intensive Tanzstunden genommen. Insgesamt war dieser Einzelunterricht auf die individuellen Wünsche ausgerichtet: Wir konnten ein neues Instrument kennenlernen oder die Spielweise eines bereits bekannten Instruments verbessern. Der dritte Schwerpunkt waren dann unsere Gruppenstunden, in denen wir alle gemeinsam an einem Projekt gearbeitet haben.
Was haben die Puppen mit dem Gamelan zu tun?
Übergeordnetes Ziel unseres Workshops war es, ein Wayang (indonesische Schattenspiel) auf unseren Instrumenten zu begleiten. Das ostasiatische Figurentheater ist immaterielles Kulturerbe. Während unserer gemeinsamen Gruppenunterrichtphasen haben wir grundlegende Stücke, die im klassischen Wayang oft vorkommen und immer wiederholt werden, einstudiert.
Bei diesem Schattenspiel gibt es immer einen »Dalang«. Er ist ein beeindruckender Allroundkünstler: Er bewegt virtuos die Puppen hinter der Schattenwand, schenkt ihnen seine Stimme und dirigiert über Zeichen das ihn begleitende Gamelanorchester.
Wir Hamburger studierten im Workshop die Begleitung des Wajang. Wir lernten Kompositionen auswendig zu spielen, die z.B. das Laufen oder das Kämpfen der Figuren begleiten. Es ist eine Herausforderung, gleichzeitig zu musizieren und das Geschehen im Figurenspiel zu beobachten. Zum Abschluss des Workshops haben wir an zwei Abenden im Gamelan Orchester mitgespielt.
Ihr seid also auch vor Publikum aufgetreten?
Ja, es gab zwei öffentliche Konzerte, die auch per Livestream auf Youtube zu sehen waren. Das erste Konzert war anlässlich einer Geburtstagsfeier eines bekannten Wayang-Künstlers. Sein 21-jähriger Enkel war der Wayangspieler und wir die Gamelanmusiker bei einem fünfstündigen Konzert. Wir wurden durch einige unserer Lehrer und durch Sängerinnen unterstützt.
Das zweite Konzert fand in der Gamelanschule statt. Hier hatten wir die große Ehre, mit einem von Javas bekanntesten Wayangspieler aufzutreten.
Heidrun: Hier ein Eindruck aus dem Konzerterlebnis: »Das Wajang hat begonnen. Ich sitze vor meinem Saron, eingerahmt von 2 Profimusikern, die gelassen spielen und dabei seelenruhig Kette rauchen. Ich bin aufgeregt und hoffe, alle Musikstücke richtig zu erinnern. Der Musiker rechts neben mir nimmt Fahrt auf und spielt die Kompositionen in mehrfacher Geschwindigkeit. Fasziniert und irritiert von seinem Spiel verliere ich den Faden. Gleich zeigt ein Finger von links auf die richtige Klangplatte und ich finde zurück ins Spiel. Die Hilfen geschehen locker und unaufgeregt. Durch die schöne Atmosphäre verfliegt meine Anspannung und ich lasse mich von der spielerischen Freude des Dalang und des Orchesters mitnehmen.
Bei den Proben und den Performances bin ich für einen Moment Teil dieser beeindruckenden Kunst. Das gemeinsame Musizieren und Arbeiten schenkt mir Erfüllung und künstlerische Inspiration und vertieft mein Verständnis der indonesischen Kultur.«
Veronika: Bei einer der Aufführungen spielten auch die drei Brüder Petruk, Gareng und Bagong mit, die sich über alles und alle lustig machten: Mitspieler und Sängerinnen, Iblikum, Klatsch, auch wir wurden nicht verschont! Es war ein großer Spaß fürs Publikum!
Gab es bei den Auftritten besondere Herausforderungen für euch?
Es war für uns manchmal schwierig herauszuhören, welches der verschiedenen Stücke oder Elemente als Nächstes gespielt werden soll. Diese werden durch akustische Signale des Dalang (Puppenspieler) sowie des Trommlers eingeleitet. Das war für uns eine besondere Herausforderung, denn diese Intros sind kurz und erfordern höchste Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit der einzelnen Musiker. Die akustischen Signale klingen ähnlich und sind leicht zu verwechseln. Anders als in der klassischen Musik gibt es hier keine Partitur, sondern der Dalang entscheidet spontan, wie es weitergeht.
Was hat euch am meisten beeindruckt?
Veronika: Da gibt es einiges: die herzliche Aufnahme, das Können der Musiker, die geduldigen und auch lustigen Lehrer und dass wir auftreten konnten! Sehr beeindruckend fand ich einen kleinen 5-jährigen Dalang, den wir erlebt haben, er führte die Puppen unglaublich souverän! Schön war auch der Stoffkauf und der Schneider, der nach unseren Wünschen Hemden und anderes aus den schönen Stoffen genäht hat. Insgesamt waren die zwei Wochen sehr intensiv und eine wunderbare Erfahrung!
Alexandra & Patrick: In der Gamelanschule Griya Seni Ekalaya wurden wir mit offenen Armen aufgenommen. Alle unsere Lehrer waren motiviert, aufgeschlossen, geduldig, freundlich und immer für einen Spaß zu haben. So entstand aus unserer Sicht schnell eine familiäre Atmosphäre. Obwohl es selbstverständlich Sprachbarrieren gab, hat die Musik uns verbunden.
Was habt ihr sonst erlebt?
Wir haben so gut gegessen! Während unseres zweiwöchigen Workshops haben wir täglich drei köstliche Mahlzeiten serviert bekommen. Das gemeinsame exotische Essen und der allgegenwärtige süße schwarze Tee war stets ein Höhepunkt und ein wichtiger Bestandteil des Gamelan. Traditionell wird während der Proben und der Konzerte gegessen, getrunken und es werden die berühmten indonesische Nelkenzigarette »Kretek« geraucht.
Die Elbphilharmonie hat auf Java neue Instrumente bestellt. Wart ihr auch bei den Instrumentenbauern?
Ja, der Ausflug zum Gongschmied war sehr beeindruckend. Hier werden mit archaischen Methoden die Bronze- und Eisengongs sowie die Töpfe für die Bonangs produziert. In einer dunklen Hütte werden mithilfe von glühender Holzkohle die Rohlinge geschmolzen und anschließend per Hand von vier Mann rhythmisch in Form gehämmert. Das alles bei einer infernalischen Hitze sowie viel Dreck und Staub. Anschließend übernimmt der Gongmeister mit Hilfe einer Flex die Feinstimmung. Alles geschieht weiterhin traditionell in reinster Handarbeit. Seit diesem Ausflug kann unsere Gruppe den Wert der Instrumente noch mehr schätzen und ihren Erbauern noch mehr Respekt erweisen. So ist es zum Beispiel bei Proben verpönt, über die Instrumente zu steigen. Die Szenen in der Gongschmiede werden wir wohl niemals vergessen.
Als wir da waren, wurden unsere bestellten Instrumente für Hamburg gerade eingepackt. Anschließend haben wir den Transport per Schiff verfolgt. Zu wissen, wo und durch welche Hände die Instrumente hergestellt wurden, ist für uns nicht nur interessant, sondern lässt eine noch engere Bindung zu den Instrumenten in der Elbphilharmonie erwachsen.