Interview: Bjørn Woll
Weinreben und idyllische Olivenhaine, so weit das Auge reicht, das Tyrrhenische Meer nur ein paar Kilometer entfernt: Dort, wo andere Urlaub machen, ist Augustin Hadelich aufgewachsen, in der Toskana, unweit von Pisa. Seine deutschen Eltern, beide Landwirte, haben sich in den Achtzigerjahren dort einen Hof gekauft. Anfang des neuen Jahrtausends zog es den 19-jährigen Musiker dann nach Amerika, wo er an der Juilliard School in New York bei Joel Smirnoff studierte. Bis heute lebt er in den USA, hat die deutsche und die amerikanische Staatsbürgerschaft, bezeichnet die hügelige Landschaft der Toskana aber immer noch als seine Heimat.
2006 gewann Hadelich die Goldmedaille beim Violinwettbewerb in Indianapolis, dem wichtigsten Wettbewerb für Geige in den USA, und das entpuppte sich als wahrer Karriere-Booster. Zunächst machte der Geiger, in dessen Spiel eine stupende Violintechnik und ein hinreißend schöner Ton Hand in Hand gehen, in seiner Wahlheimat auf sich aufmerksam, eroberte schnell aber auch die großen internationalen Podien.
Auch in Hamburg ist der Hadelich längst kein Unbekannter mehr: 2019 hat er sein Debüt in der Elbphilharmonie gegeben, damals mit Alan Gilbert und dem NDR Elbphilharmonie Orchester, wo er von 2019 bis 2023 Associate Artist war. Nun kehrt er als Residenzkünstler an die Elbphilharmonie zurück.
Augustin Hadelich
Er hat den »vielleicht schönsten Geigenton« überhaupt und ist ein Publikumsliebling. Als Residenzkünstler ist er vier Mal in Elbphilharmonie und Laeiszhalle zu erleben – als Solist mit großem Orchester, im Allstar-Trio und -Duo mit Kammermusik.
In der kommenden Spielzeit sind Sie Residenzkünstler der Elbphilharmonie und spielen hier vier Konzerte. Was verbinden Sie mit dem Saal?
Augustin Hadelich: Die Elbphilharmonie ist für mich ein besonderer Ort, an dem ich gerne spiele. Das Gebäude ist erst mal abgefahren – so einen Blick aus den Künstlerzimmern wie hier über die Elbe gibt es sonst nirgendwo. Im Saal ist jede Nuance der Musik gut wahrnehmbar, deswegen kann ich dort so ins Detail gehen, selbst als Solist mit großem Orchester. In anderen Sälen muss man vielleicht ein bisschen mit einem dickeren Pinsel malen, in der Elbphilharmonie kann ich jedoch die volle Dynamik der Geige ausspielen, bis ins leiseste Piano.
Unter anderem sind Sie mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und dessen Musikdirektor Manfred Honeck zu Gast. Der hat selbst Geige und Bratsche studiert und war früher Bratschist bei den Wiener Philharmonikern. Ist das ein Vorteil, einen Dirigenten zu haben, der sich mit der Geige auskennt?
Es gibt fantastische Dirigenten, die zwar nicht Geige spielen, aber dennoch ein gutes Einfühlungsvermögen haben. Trotzdem spüre ich, wenn Dirigenten selbst Geige spielen und irgendwie einen geigerischen Instinkt dafür haben, was ich als nächstes machen werde. Mit dem Pittsburgh Symphony habe ich schon öfter gespielt, es ist eines der besten Orchester in den USA. Deshalb freue ich mich sehr, dass wir in Hamburg gemeinsam das Barber-Konzert spielen werden.
Von den amerikanischen Violinkonzerten ist dieses vielleicht das schönste und edelste – und liegt mir am meisten am Herzen. Es ist sehr gefühlvoll und voller Wärme, und es hat eine Ästhetik der klassischen Schönheit. Man darf es auf keinen Fall seicht oder schnulzig spielen. Ich denke dabei eher an die Schönheit griechischer Statuen: Es sollte eine gewisse Noblesse in der Interpretation haben.
Samuel Barber: Violinkonzert :Augustin Hadelich | Krzysztof Urbański | WDR Sinfonieorchester
Sie leben seit über zwanzig Jahren in den USA, kennen sich also bestens mit der amerikanischen Orchesterlandschaft aus. Aktuell sind Sie Residenzkünstler beim Boston Symphony Orchestra. Das gehört zu den sogenannten »Big Five«, gemeinsam mit den Orchestern von New York, Chicago, Philadelphia und Cleveland. Dieses »Qualitätslabel« stammt noch aus dem letzten Jahrhundert. Trifft es immer noch zu, beziehungsweise welche anderen amerikanischen Orchester spielen heute in der Top-Liga?
Vor sechzig Jahren war es mal so, dass diese fünf großen US-Orchester besser spielten als alle anderen, da gab es eine richtige Abstufung. Mittlerweile gehören die Orchester von Los Angeles und San Francisco auf jeden Fall auch zur Top-Liga, so wie auch Pittsburgh, Minnesota, St. Louis und noch eine Reihe anderer. Man kann auch nicht mehr sagen, dass die amerikanischen Orchester anders klingen als die europäischen. Jedes Orchester hat seine ganz eigene Spieltradition: Pittsburgh spielt völlig anders als viele andere amerikanische Orchester, weil die Chefdirigenten, wie aktuell Manfred Honeck, es stark geprägt haben.
Wie sieht’s denn im Konzertleben aus? Unterscheiden sich Konzertprogramme in den USA von denen in Europa, oder gibt’s da gar keine Unterschiede im Publikumsgeschmack?
Die Konzertprogramme sind nicht so anders – das Kernrepertoire, die großen Meisterwerke werden überall geschätzt. Es gibt aber Komponisten, die es in Deutschland eher schwer haben, zum Beispiel Sibelius. In Amerika wird der viel öfter gehört, auch Janáček wird dort mehr gespielt. Ganz extrem ist es natürlich bei der amerikanischen Musik, die man in den USA und auch in England und Australien gut kennt, aber im Rest der Welt eher selten hört, so wie eben das Barber-Konzert. Als ich vor mehr als zwanzig Jahren als junger deutscher Geiger nach Amerika kam, wurde ich dort meistens für Mendelssohn, Beethoven und Brahms eingeladen. Jetzt fällt es mir zu, die amerikanischen Violinkonzerte in Europa ein bisschen bekannter zu machen.
USA 250
Große Orchester, kleine Ensembles, Bluegrass, Jazz und vieles mehr – In der Saison 2026/27 feiert die Elbphilharmonie die Musik der USA in alle ihren Farben und Formen. Anlass ist das 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung.
Stichwort deutscher Geiger in Amerika: Sie sind als Sohn deutscher Eltern in Italien aufgewachsen, leben aber schon sehr lange in den USA. Wie identifizieren Sie sich denn selbst? Oder spielt das gar keine Rolle für Sie?
Früher versuchte ich, meine Identität zu definieren oder eine Antwort auf die Frage zu finden: Bin ich jetzt mehr deutsch oder italienisch? Als ich nach New York kam, merkte ich erleichtert, ich muss mich da nicht entscheiden, es ist alles ein Teil von mir. Die USA sind jetzt mein Zuhause. Wenn ich an Heimat denke, denke ich eher an Italien, an die schönen Olivenbäume und die Landschaft, in der ich aufwuchs. Kulturell war ich aber immer mehr deutsch als italienisch. Auch in der Schule war ich immer der deutsche Junge in der Klasse, da spielte es keine Rolle, wie gut man Italienisch sprach.
Das zweite Orchesterkonzert im Rahmen der Residenz spielen Sie mit dem Mahler Chamber Orchestra. Einmal also eine große, spätromantische Orchesterbesetzung für Barber, einmal kleiner und kammermusikalischer für Mozart. Was verändert sich da für Sie als Interpret?
Die Stile der Stücke sind völlig anders, und ich passe eigentlich alle Aspekte des Geigenspiels an. Bei Barber ist der Klang breit und gefühlvoll, mit einer großen Wärme und Sanglichkeit, im letzten Satz dann aber auch hart und modern artikuliert. Mozart ist stilistisch natürlich ganz anders. Es ist nicht nur eine kleinere Besetzung, sondern wir spielen auch ohne Dirigenten. Die Kommunikation zwischen dem Orchester und mir ist da viel unmittelbarer, das Orchester hört mir direkter zu. Wir spielen das erste und das letzte der fünf Violinkonzerte, und man kann anhand der beiden Werke auch sehen, wie sehr sich Mozart in nur einem Jahr entwickelt hat. Das Ganze ist übrigens der Auftakt zu einem großen Mozart-Projekt mit dem Mahler Chamber Orchestra.
Für Ihre Aufnahme der Bach-Sonaten und Partiten haben Sie einen Barock-Bogen benutzt, Mozart spielen Sie in Hamburg mit einem modernen Bogen. Wie sehr ist Ihr Spiel denn von den Erkenntnissen der historisch informierten Aufführungspraxis beeinflusst?
Die historische Aufführungspraxis hat alle Geiger meiner und der jüngeren Generation stark geprägt. Man spielt nicht mehr alles so fett, sondern oft spritziger, mit klareren Texturen. Aber man darf nicht zu dogmatisch oder akademisch an die Sache herangehen. Bei Bach war es für mich eine Offenbarung, mit Barockbogen zu spielen, man sollte jedoch nicht vergessen, dass man theoretisch sowohl auf den modernen Bögen als auch auf den Barockbögen so ziemlich alles machen kann. Sie haben einfach andere Stärken. Mozart dachte eigentlich immer wie ein Opernkomponist: Es gibt auch in seinen Violinkonzerten lyrische Charaktere und lustige Figuren, und die muss man vollkommen anders spielen.
Die persona buffa singt natürlich nicht mit so viel Vibrato und mit ganz anderer Artikulation als andere Charaktere. Ich finde es ganz schlimm, wenn bei Mozart alle Töne gleich vibriert sind, so als würde man dick Nutella aufs Brot schmieren. Das Vibrato ist dazu da, die Phrasierung hervorzuheben – die besten Mozart Sänger machen das auch so, die vibrieren nicht alles gleichmäßig, sondern variieren das Vibrato in der Phrase. Es geht darum, alles schwingen und singen zu lassen.
Sie sind im Rahmen der Residenz auch in zwei Kammerkonzerten zu erleben. Was reizt Sie daran?
Ich wuchs in einem Umfeld auf, wo ich einfach kaum Gelegenheit hatte, Kammermusik zu spielen. Es war für mich dann eine große Entdeckung, als ich nach Amerika kam und das auf einmal oft tun konnte. Man lernt da sehr viel: Das gegenseitige Zuhören und die feinen Nuancen im Zusammenspiel sind auch für einen Solisten wichtig. Ich würde gerne mehr Kammermusik spielen, nur leider lässt mir mein Konzertkalender dafür nicht immer die Zeit. Umso schöner ist es, dass ich in Hamburg Kammermusik spielen werde. Ich freue mich auf das Recital mit Seong-Jin Cho, das ist eine neue Zusammenarbeit mit einem großen Musiker und herausragenden Pianisten.
Und ich freue mich, mit Martin Helmchen und Marie-Elisabeth Hecker aufzutreten. Wir haben schon oft miteinander gespielt und fühlen uns musikalisch sehr seelenverwandt. Wir haben einen ähnlichen Geschmack und einen ähnlichen Instinkt für die Phrasierung. Überhaupt ist es schön in der Kammermusik, dass man so nah zusammensitzt. Im besten Fall vergisst man vielleicht sogar, dass da noch ein Publikum dabei ist. Ganz anders als im Solokonzert, wo man sich in jedem Moment sehr bewusst ist, dass man im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
Vor fünf Jahren haben Sie das Instrument gewechselt, sind von einer Stradivari auf eine Guarneri umgestiegen. Wie schwierig war denn die Umgewöhnung?
Die Stradivari war sehr hell im Klang, sehr direkt und fokussiert. Die Guarneri del Gesù ist dagegen warm und etwas sanfter im Ansatz. Der Klang hat mir auf Anhieb so gut gefallen, dass sich die Umstellung überhaupt nicht mühsam angefühlt hat. Es gab vielleicht zwei Monate, in denen ich ein bisschen unzufrieden war – die Geige klang toll, aber ich habe noch nicht so toll darauf gespielt. Dann kam die Pandemie und der Lockdown, da war es ein großes Glück, diese neue Geige zu haben und monatelang damit im Studio aufzunehmen. Als es dann wieder mit Live-Konzerten losging, war ich wirklich gut auf das Instrument eingestellt.
Anne-Sophie Mutter hat mir mal erzählt, dass jede Geige ihren eigenen Charakter habe. Welche Persönlichkeit hat denn Ihre Guarneri? Was gibt sie gerne preis, und wo müssen sie vielleicht ein bisschen mehr investieren, um das von ihr zu bekommen, was Ihnen vorschwebt?
Die große Stärke dieser Geige ist, dass Sie in den Mittellagen, auf den zwei mittleren Saiten, warm und gesanglich klingt, irgendwie sehr menschlich. Da ist zum Beispiel der Anfang des Barber-Konzerts toll! Allerdings muss ich allgemein mit mehr physischem Einsatz spielen, weil der Klang nicht ganz so von selbst aus der Geige springt und man ihn ein bisschen mehr anschieben muss. Aber daran habe ich mich gewöhnt und gelernt, wie ich das Gewicht meines Arms effizienter einsetze.
Diese Guarneri hat vor Ihnen schon Henryk Szeryng gespielt, einer der großen Geiger des 20. Jahrhunderts. Wer sind für Sie denn die größten Geiger der Vergangenheit? Wem hören Sie gerne zu, wenn Sie mal nicht selbst spielen?
Ich hatte schon immer eine besondere Liebe zu den Aufnahmen von David Oistrach. Als ich aufwuchs, war er ein Vorbild für mich: Er hatte einen schönen Klang, aber auch eine bescheidene Art als Musiker. Es ging ihm nie darum, sich selbst zur Schau zu stellen, sondern er hat immer versucht, das Stück selbst in den Vordergrund zu rücken. Aber wenn ich Geigenmusik höre, ist das für mich tatsächlich meist mehr Arbeit als Vergnügen. Zum Spaß höre ich also oft anderes Repertoire, Lieder zum Beispiel oder sinfonische Musik.
Das Interview erschien im Elbphilharmonie Magazin (3/26).
- Elbphilharmonie Großer Saal
Augustin Hadelich / Seong-Jin Cho
Werke für Violine und Klavier von Johannes Brahms, Leoš Janáček, Amy Beach und Sergej Prokofjew
- Elbphilharmonie Großer Saal
Mahler Chamber Orchestra / Augustin Hadelich
Mozart: Sinfonie A-Dur, Violinkonzerte B-Dur KV 207 und A-Dur KV 219
- Laeiszhalle Kleiner Saal
Augustin Hadelich / Marie-Elisabeth Hecker / Martin Helmchen
Beethoven: Violoncellosonate A-Dur / Kodály: Duo für Violine und Violoncello / Schumann: Klaviertrio Nr. 1

