Zum Inhalt springen

Blog & Streams

»Written on Skin«

Sir George Benjamins Oper »Written on Skin« handelt von einer tödlichen Dreiecksbeziehung – und gehört schon jetzt zu den meistgespielten Bühnenwerken der Moderne.

Multiversum George Benjamin: In der aktuellen Saison ist Sir George Benjamin Residenzkünstler der Elbphilharmonie. In zahlreichen Konzerten erklingen seine Werke, die Benjamin zum Teil sogar selbst dirigiert.

Zum Programm

»Reiß’ mir die Augen aus, schneid’ mir die Zunge heraus, ertränke mich, steinige mich – nichts wird die Spuren dieses Jungen in mir auslöschen.« – Letzte, flammende Worte, die Agnès ihrem rasenden Mann entgegenschleudert, bevor sie sich vom Balkon stürzt. Das Ende einer fatalen, dämonisch-magischen Geschichte mit betörender Bannkraft: »Written on Skin«, Sir George Benjamins erste große Oper.

2012 im französischen Aix-en-Provence uraufgeführt, schlug »Written on Skin« in der zeitgenössischen Opernszene ein wie eine Bombe. Enthusiastisch feierte man das gut 90-minütige Stück als neues Referenzwerk des 21. Jahrhunderts. Und tatsächlich blickt die Oper nach nur sechs Jahren auf gut 100 Aufführungen von London über Amsterdam, New York, Moskau und Toronto bis Stockholm zurück – für eine zeitgenössische Oper ein sensationeller Erfolg.

Macht, Leidenschaft, Blut

Kein Wunder: Vieles an diesem Werk ist außergewöhnlich. Da wäre die blutgetränkte Geschichte um eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung, die der Dramatiker Martin Crimp für die Oper schrieb. Sie beruht auf einer mittelalterlichen Sage um den Tod des (historisch verbürgten) katalanischen Troubadours Guillem de Cabestany, der im 12. Jahrhundert lebte und sich angeblich in die Frau seines Gönners verliebte. In der Oper wird daraus ein modernes Drama um Sinnlichkeit und rohe Gewalt, Unterwerfung und Selbstbefreiung. Schon bei ihrer ersten Kooperation hatten sich Crimp und Benjamin eines alten Stoffes bedient; in Written on Skin behielten sie dieses Konzept bei: »Reale Personen kippen leicht ins Anekdotenhafte oder Journalistische. Oft sind es dagegen ältere oder antike Geschichten, in denen jeder etwas von sich wiederfinden kann«, meint Benjamin.

Trailer zur Produktion des Royal Opera House mit Christopher Purves als Protector, Barbara Hannigan als Agnès und Bejun Mehta als Boy © Royal Opera House

George Benjamin im Interview:

Im Interview mit dem Webmagazin VAN spricht Sir George Benjamin über den Zeichentrickfilm, der als Kind sein Leben veränderte, seine frühesten musikalischen Erinnerungen und über das Wichtigste, was ihm sein legendärer Lehrer Olivier Messiaen beibrachte.

Zum Interview

Mit ihrem Prinzip, die Oper als Geschichte zu erzählen, stellten sich Benjamin und Crimp gegen die Tendenz der Zeit. Die führte nämlich weg vom Storytelling. »Wir wollten, dass der Zuschauer sofort begreift, worum es geht«, erklärt Schriftsteller Martin Crimp. »Und in dieser mittelalterlichen Geschichte erkannten wir etwas enorm Direktes. Sie handelt von Leidenschaft, von Gewalt, und ist gleichzeitig unheimlich modern.«

George Benjamin (links) und Martin Crimp bei der Verleihung des Gramophone Contemporary Award 2014
George Benjamin (links) und Martin Crimp bei der Verleihung des Gramophone Contemporary Award 2014 © Benjamin Ealovega / Gramophone

Von Unterwerfung und Rebellion: Die Handlung

»Written on Skin« spielt in einer mittelalterlichen Welt: Der Protektor, ein mächtiger Gutsbesitzer, herrscht dort mit harter Hand – nicht nur über die Ländereien ringsum, sondern auch über seine Frau Agnès. Diese Ordnung wird empfindlich gestört, als er den jungen Maler Boy engagiert. Der soll ein bebildertes Buch anfertigen, das den Geldgeber gottgleich idealisiert darstellt. Boy malt zwar, was er soll, doch durch seine Anwesenheit verändert sich auch Agnès. Schrittweise legt sie ihre Identität als stille, gehorsame Gattin ab und bittet den Maler schließlich, die Welt so darzustellen, wie sie wirklich ist: Er soll eine ihr angemessene Frau zeichnen, real und ungeschönt. Indessen warnen Besucher den Protektor vor seinem Gast. Zu spät: Agnès und Boy beginnen ein Verhältnis.

Stich unsere Liebe in das Auge dieses Mannes. Lass ihn Blut weinen.

Agnès

Agnès (Barbara Hannigan) und Boy (Bejun Mehta)

© Festival d’Aix-en-Provence 2012 / Bel Air Production pour Arte

Dem Hausherrn sind die Veränderungen an seiner Frau nicht entgangen. Dunkle Träume suchen ihn heim. Agnès verweist ihn im Streit an Boy, den er zur Rede stellt. Um seine Geliebte und sich selbst zu schützen, gibt der Maler vor, ein Verhältnis mit Agnès’ Schwester Marie zu haben. Doch Agnès akzeptiert die Lüge nicht. Boy soll die Wahrheit mit einem Bild ans Licht bringen und sie dem Protektor vor Augen führen: »Stich unsere Liebe in das Auge dieses Mannes. Lass ihn Blut weinen.«

Aix-en-Provence 2012 © medici.tv

Schließlich erfüllt Boy Agnès’ Bitte und enthüllt ein Pergament, das dem Protektor sein geheimes Liebesverhältnis mit Agnès offenbart. So nimmt das Unheil seinen Lauf: Der Protektor tötet zuerst den Maler und serviert seiner Frau anschließend das Herz des Ermordeten. Als sie erfährt, was sie verspeist hat, beschwört sie in einer flammenden Rede ihre Freiheit und stürzt sich, bevor ihr rasender Mann sie erreichen kann, vom Balkon.

Sicher ist die Handlung furchteinflößend. Aber genau das braucht man auf der Bühne: Spannung, Drama.

George Benjamin

© Steven Pisano / Opera Philadelphia

Die dunklen Seiten der Psyche

»Sicher ist die Handlung furchteinflößend«, meint George Benjamin. »Und gerade deshalb ziehen sich solche Stoffe wie ein roter Faden durch die Operngeschichte. Schon die Sagen der alten Griechen sind teilweise grauenerregend. Aber genau das ist es, was man auf der Bühne braucht: Spannung, Drama. Musiktheater blickt den zentralen menschlichen Herausforderungen ins Auge, und das schließt auch die dunklen Seiten der Psyche ein.«

Mein halbes Leben lang wollte ich etwas Derartiges schreiben.

George Benjamin

Zwischen Magie und Abgrund: die Musik

Dies verströmt auch Benjamins feinnervig-präzise und dennoch abgründige, enthemmte Musik. »Ich nutze eine breite Palette an instrumentalen Farben, schließlich geht es in der Handlung um die Kunst der Illustration.« Des Komponisten erklärtes Ziel ist, »jeder Szene eine eigene Atmosphäre, spezifische Farben und Rhythmen zu geben, mit quasi-filmischen Schnitten dazwischen«. Den Zusammenhang der Szenen schaffen Klangfolgen, die im Verlauf des Werkes immer wieder auftauchen. 

Dafür passt Benjamin die Besetzung individuell an: Klarinetten, Trompeten und Schlagzeuger sind gleich vierfach vertreten, die Streicher reduziert. Außerdem erweitern exotische Instrumente mit ungewöhnlichen Klangfarben das Orchester: Die Glas­harmonika beispielsweise, bei der rotierende Glas­glocken mit angefeuchtetem Finger zum Klingen gebracht werden, begleitet mit ätherischen Klängen Agnès’ Sturz vom Balkon in der letzten Szene. Denn Agnès fällt, aber sie fällt gen Himmel.

Glasharmonika im Museum Unterlinden, Colmar
Glasharmonika im Museum Unterlinden, Colmar © jkb/Wikimedia Commons

Eine Geschichte für jeden

Einer gänzlich anderen Sphäre scheinen auch die Engel zu entstammen, insbesondere Boy, den Benjamin als Countertenor von den übrigen Figuren absetzt. »Etwas Überirdisches, Mythisches« gehe von der durch Kopfstimmentechnik hervorgehobenen Stimmfarbe aus, so Benjamin. Besonders reizvoll in diesem Fall: Das Liebespaar singt in derselben Lage. Ein Indiz für ihre Verbandelung, aber auch dafür, dass die Figuren nicht zwingend Mann und Frau sein müssen. Sie sind austauschbare Typen, in denen sich jeder wiederfinden kann. So, wie es Benjamin vorschwebte.

Boy und Agnès: Written on skin

© Fondazione Haydn Stiftung / OPER.A 20. 21

Die letzte Note von Written on Skin schrieb George Benjamin an seinem 52. Geburtstag. »Ich habe alles in diese Oper gelegt, mein Herz und meine Seele. Mein halbes Leben lang wollte ich etwas Derartiges schreiben – und endlich sprudelte es nur so aus mir heraus«. Auf die Frage, ob Oper heute überhaupt noch relevant sei, entgegnet er nur: »Oper ist die aufregendste und unmittelbarste Form. Wie könnte die Kunst, Geschichten zu erzählen, jemals irrelevant werden?«

Text: Laura Etspüler

Bildrechte:

Titelbild: Agnès (Georgia Jarman) © Stephen Cummiskey

Oper ist die aufregendste und unmittelbarste Form. Wie könnte die Kunst, Geschichten zu erzählen, jemals irrelevant werden?

George Benjamin

Weitere Artikel