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Venedig: Ein Name wie Musik

In Venedig wird Musikgeschichte geschrieben – seit Hunderten von Jahren.

»Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig«, schrieb einst Friedrich Nietzsche. Und man kann ihm nur zustimmen: Mit ihren pittoresken Palazzi wirkt die Lagunenstadt an der Adria wie eine Stein gewordene Sinfonie. Stets scheint Musik die Gassen und Kanäle zu durchwehen, sei es der Gesang der Gondoliere, der Klang von Kirchenglocken oder schlicht das Plätschern des Wassers. Die Liebe zum Klang hat Tradition: Für die europä­ische Musikgeschichte haben nur wenige andere Städte eine ähnliche Bedeutung wie Venedig. Über 400 Jahre lang war »La Serenissima« der Motor für musikalische Innovationen, die von hier aus um die Welt gingen. Nicht nur der Handel florierte im Herrschaftsgebiet bis Zypern, sondern auch die Kunst.

Venedig im 17. Jahrhundert
Venedig im 17. Jahrhundert © Joan Blaeu

Osterfestival Venedig

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San Marco: Von Klang umgeben

Musikdruck von Petrucci (1506)
Musikdruck von Petrucci (1506)

Eine besondere Rolle spielt seit jeher der Markusdom. Von hier aus begann im 16. Jahrhundert mit der Gründung einer Singschule Venedigs Aufstieg zur glanzvollen Musikmetropole. Komponisten wie Adrian Willaert, der 1527 das Amt des Domkapellmeisters antrat, sowie die Domorganisten Andrea und Giovanni Gabrieli führten sie auf ein Niveau, das sich bald in ganz Europa herumsprach. Die Architektur der Basilika mit ihren gegenüberliegenden Emporen begünstigte zudem räumliche Klangexperimente. Zur Verbreitung dieser »venezianischen Mehr­chörigkeit« weit über die Stadtgrenzen hinaus trug Ottaviano dei Petrucci bei, der um 1500 das Notendruckverfahren mit beweglichen Lettern erfand.

San Marco, Venedig
San Marco, Venedig © Nino Barbieri / Wikimedia Commons

Haus für alle: Die erste öffentliche Oper der Welt

Der nächste Domkapellmeister am Markusdom war ein gewisser Claudio Monteverdi, dessen Name heute untrennbar mit einer weiteren, damals gänzlich neuen Gattung verknüpft ist – der Oper. 1637 eröffnete in Venedig das erste öffentliche Opernhaus der Welt. War diese teure Kunst bisher nur der Aristokratie vorbehalten, konnte nun jeder gegen Eintritt in den Genuss kommen. Die Nachfrage war so groß, dass zeitweise 20 Opernhäuser gleichzeitig existierten. Das bis heute bedeutendste ist das nach Brandkatastrophen (zuletzt 1996) mehrfach wiederaufgebaute barocke Teatro La Fenice, das zu den traditionsreichsten Opernhäusern der Welt gehört.

Teatro La Fenice
Teatro La Fenice © Youflavio / Wikimedia Commons

Giuseppe Verdi etwa wählte diese Bühne häufig für die Uraufführungen seiner Werke, darunter für »La traviata«. Ironie des Schicksals, dass sein größter Antipode Richard Wagner 1883 ausgerechnet in Venedig starb.

Ruhm, Skandal und Tod

Im 20. Jahrhundert ließen dann auch Komponisten wie Britten, Prokofjew und Strawinsky ihre Werke am Fenice (ur-)aufführen. Letzterer wurde, obwohl in New York verstorben, auf eigenen Wunsch auf der Friedhofsinsel San Michele beigesetzt. Längst hatte sich Venedig als romantische Projektionsfläche verselbstständigt, wie etwa Thomas Manns Novelle »Der Tod in Venedig« illustriert. 1961 kam es dagegen zu einem waschechten Skandal, als Luigi Nono mit seiner Oper »Intolleranza« in politisch aufgewühlten Zeiten gegen Unterdrückung und die Verletzung der Menschenwürde protestierte und das Establishment provozierte.

Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.

Friedrich Nietzsche

Instrumentalmusik: Waisenmädchen und Vivaldi-Fieber

Doch nicht nur für die Gesangskunst war Venedig seit jeher ein bedeutendes Zentrum, auch die Instrumentalmusik erlebte hier eine Blütezeit. Schon seit dem 15. Jahrhundert wurde etwa der Bau von Instrumenten stetig perfektioniert, und natürlich wurde auf ihnen auch meisterhaft gespielt, zum Beispiel in den vier Ospedali der Stadt. In diesen Waisenhäusern für Mädchen (aus denen später die Musikkonservatorien hervorgingen) erhielten die Bewohnerinnen erstklassigen Musikunterricht – unter anderem von Antonio Vivaldi, dem vielleicht berühmtesten Sohn Venedigs. Zwischen 1703 und 1716 war er am Ospedale della Pietà als Lehrer angestellt. Die effektvollen Stücke, die er für die virtuosen Mädchen­orchester schrieb, lösten in ganz Europa ein regelrechtes Vivaldi-Fieber aus, das selbst Johann Sebastian Bach infizierte.

Morbide Schöne: Venedig heute

Heute bröckelt der Glanz Venedigs: Touristenmassen überrennen die Altstadt, für deren Betreten Tagesbesucher neuerdings sogar Eintritt zahlen müssen. Kreuzfahrtschiffe lassen die auf Pfählen errichteten Gebäude erzittern, und der Meeresspiegel steigt unaufhörlich. Umso wichtiger ist es, die außergewöhnliche (Musik-)Geschichte dieser Stadt beständig wieder- und weiterzuerzählen. Genau hier setzt das Osterfestival »Venedig« der Elbphilharmonie an.

Text: Simon Chlosta, 8.4.2019

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