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Thom Yorkes Klassik-Debüt

Der Sänger der Band Radiohead präsentiert sein erstes klassisches Werk »Don’t Fear the Light« in der Elbphilharmonie.

Wie nur wenige andere Künstler hat Thom Yorke die internationale Musikszene der vergangenen Jahrzehnte beeinflusst. Mit seinem charakteristischen zarten Falsett prägte er den zukunftsweisenden Sound der Band Radiohead. Als deren Leadsinger und Songwriter hat er zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, darunter mehrere Grammys. Für ihre künstlerischen Verdienste wurde Radiohead in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Yorke, der seit jeher wenig auf Medienrummel gibt, blieb der Zeremonie fern. Die Begründung: Er habe keine Zeit, sei mit den Proben für sein neues Stück »Don’t Fear the Light« beschäftigt.

Im Rahmen seines Konzertes in der Elbphilharmonie hat das gesamte Ensemble des Konzertes »Minimalis Dream House« Rede und Antwort gestanden. Mehr dazu im Video:

Minimalist Dream House

Video (oben): Einblicke in die Probe und Interview mit dem Ensemble

Foto (unten): Uraufführung von »Don’t Fear the Light« in Paris

Thom Yorke nach der Uraufführung am 7. April 2019 in Paris, mit Katia und Marielle Labèque, Bryce Dessner (links) und David Chalmin (rechts)
Thom Yorke nach der Uraufführung am 7. April 2019 in Paris, mit Katia und Marielle Labèque, Bryce Dessner (links) und David Chalmin (rechts) © Avatam Studio

Es passt zu Yorke, der stets lieber an Neuem tüftelt, als sich auf alten Erfolgen auszuruhen. Als der Radiohead-Song »Creep« sich zum weltweit gehypten Hit entwickelte, strich die Band ihn konsequent aus ihrem Live-Programm. Als die Label-Chefs 1997 warnten, die Veröffentlichung des dritten Radiohead-Albums »Ok Computer« (das an vielen Stellen mit dem bisherigen Britpop-Sound brach) käme einem Band-Suizid gleich, veröffentlichten die Musiker das Album natürlich trotzdem – und feierten damit riesige Erfolge. Nach diesem Muster erfand Radiohead sich in den nächsten Jahren immer wieder neu. Und auch Yorke blieb nie lange stehen: Im vergangenen Jahr etwa komponierte er zum ersten Mal Musik für einen Spielfilm – für Luca Guadagninos Remake des Kulthorrorfilms »Suspiria«.

Am 10. April 2019 stellt Thom Yorke sein neues Stück im Rahmen des Programms »Minimalist Dream House« in der Elbphilharmonie vor.

Zum Konzert

Thom Yorke: Suspirium (2018)

Thom Yorke

Für klassische Musiker und Konzerthäuser

Nun also Yorkes nächstes Abenteuer: »Don’t Fear the Light«. Zum ersten Mal schrieb er ein Stück für klassische Musiker – und klassische Konzertsäle: Nach der Uraufführung in der Pariser Philharmonie erklingt das Stück im Auditorium in Lyon und im Londoner Barbican Centre. Mit diesen Konzertsälen zusammen hatte die Elbphilharmonie das 25-minütige Werk in Auftrag gegeben. Im Großen Saal der Elbphilharmonie erlebt es am 10. April seine deutsche Erstaufführung.

Thom Yorkes Debüt in der zeitgenössischen Klassik ist ein kühner Triumph

Pitchfork

Rezension auf Pitchfork.com (Englisch)

Es ist eine anspruchsvolle Musik, harmonisch und rhythmisch extrem komplex

Katia Labèque

»Don’t Fear the Light« ist ein Stück für zwei Klaviere, Elektronik und modulare Synthesizer. Yorke, der sich in seiner Karriere nie sonderlich um das Notenlesen und -notieren scherte, spielte seine Komposition selbst ein und schickte die Aufnahmen dann an den Gitarristen David Chalmin. Dieser setzte sie in Noten um. »Es ist eine anspruchsvolle Musik, harmonisch und rhythmisch extrem komplex«, verrät die Pianistin Katia Labèque. Das Stück besteht aus drei Sätzen: der erste ist von der Musik der amerikanischen Avantgarde-Komponistin Laurie Spiegel inspiriert, der zweite, langsame Satz erinnert an Radiohead, der dritte baut auf Arpeggios auf, die sich gegeneinander verschieben. In »Gawpers«, einem zweiten, kürzeren neuen Stück, das Yorke in der Elbphilharmonie vorstellt, singt er zum Abschluss dann auch selbst.

Minimalist Dream House

Der Auftritt von Thom Yorke ist Teil des von Katia und Marielle Labèque konzipierten Programms »Minimalist Dream House«. 2013 veröffentlichten die beiden Klavier-Schwestern ein gleichnamiges Album, das sich mit den Pionieren der Minimal Music und ihren künstlerischen Nachkommen beschäftigte, die mit Loops und Patterns experimentieren. Bei ihrem Konzert in der Elbphilharmonie spielen die Labèque-Schwestern Werke von Protagonisten der aktuellen Minimal-Music-Szene wie Max Richter, Caroline Shaw, Timothy Andres und David Lang. Im Mittelpunkt steht dabei das Repertoire für zwei Klaviere und zwei Gitarren.

Bryce Dessner: »Haven«

Mit den Labèques auf der Bühne stehen die beiden Gitarristen David Chalmin und Bryce Dessner, beide bringen auch eigene Stücke mit. Bryce Dessner kennt die Elbphilharmonie schon wie seine Westentasche, immerhin hat er hier im Oktober 2017 ein ganzes »Reflektor Bryce Dessner«-Wochenende gestaltet, mit den Labèque-Schwestern musiziert und mit seiner Rockband The National den Großen Saal zum Kochen gebracht. Für Katia und Marielle Labèque schrieb er bereits 2018 ein Konzert für zwei Klaviere, das diese mit dem London Philharmonic Orchestra uraufführten. Nun hat er ihnen auch sein neues Werk »Haven« gewidmet. Schließlich »spielen sie nicht nur fantastisch Klavier«, erklärt Dessner, »sie sind überhaupt unglaublich offen und abenteuerlustig.«

Text: François Kremer, 08.04.2019

Sie spielen fantastisch Klavier und sind überhaupt unglaublich offen und abenteuerlustig.

Bryce Dessner

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