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Skandalstück der 60er: Das Floß der Medusa

Am 17. November wird Hans Werner Henzes revolutionäres Oratorium in der Elbphilharmonie aufgeführt.

Sprechchöre von Demonstranten und aufgebrachten Musikern, wütende Proteste und ein brutaler Polizeieinsatz: Die Uraufführung von Hans Werner Henzes Oratorium »Das Floß der Medusa« am 9. Dezember 1968 in Hamburg ging im Tumult unter - ein handfester Musikskandal in politisch aufgewühlten Zeiten, bei dem der Autor des Librettos, Ernst Schnabel, sogar verletzt und schließlich festgenommen wurde. In der Elbphilharmonie wird das Oratorium von Peter Eötvös und dem SWR Symphonieorchester nun wieder aufgeführt.

Hans Werner Henze
Hans Werner Henze © NDR / Susanne Schapowalow

9. Dezember 1968: Auf der Bühne der Ernst-Merck-Halle im Hamburger Park Planten un Blomen ist man startklar. Der NDR Chor, der RIAS-Kammerchor, Knabenchor St. Nikolai, das NDR Sinfonieorchester und eine hochklassige Solistenbesetzung um Edda Moser und Dietrich Fischer-Dieskau sowie 1200 Besucher warten auf den Beginn der Uraufführung. Henze selbst soll dirigieren, der NDR überträgt live im Radio.

Die Proben zur Uraufführung in der Ernst-Merck-Halle
Die Proben zur Uraufführung in der Ernst-Merck-Halle © NDR / Hans-Ernst Müller

Es kommt darauf an, dass von den Schiffbrüchigen nur die Reichen gerettet werden. Und die fast 200 Matrosen und Soldaten müssen sich ein Floß improvisieren – das ist das Floß der Medusa.

Hans Werner Henze

Das Unglück der Medusa

Der NDR hatte das Stück bei dem damals schon berühmten Komponisten Hans Werner Henze in Auftrag gegeben, der Schriftsteller Ernst Schnabel schrieb das Libretto zum »Floß der Medusa«. Es beschreibt die Geschichte der Fregatte Medusa, die 1816 auf ihrer Fahrt in den Senegal verunglückte. Trotz klarer Sicht und ruhiger See navigierte der völlig unerfahrene Kommandant das Schiff vor Westafrika auf eine Sandbank. In den Rettungsbooten brachten sich nur die Offiziere, Priester und wohlhabenden Kaufleute in Sicherheit, die einfachen Passagiere und den Rest der Mannschaft ließ man auf einem hastig gezimmerten Floß zurück.

150 Schiffbrüchige - 15 Überlebende

So trieben rund 150 Schiffbrüchige tagelang unter der glühenden Sonne. Totschlag, Kannibalismus, Vergewaltigung und ein verstörend brutaler Kampf ums Überleben zeigen, dass die Spezies Mensch unter bestimmten Bedingungen zu allem fähig ist. Als das Floß der Medusa nach 13 Tagen zufällig gesichtet wurde, fand man nur noch 15 Überlebende. Die Berichte über das Schiffsunglück und das unmenschliche Verhalten von Kapitän und Offizieren befeuerten die revolutionäre Stimmung im Europa des frühen 19. Jahrhunderts.

Hans Werner Henze über »Das Floß der Medusa«

Auf dem Höhepunkt der Studentenproteste

Im Jahr des Höhepunktes der Studentenproteste, des Attentats auf Rudi Dutschke und der Verabschiedung der Notstandsgesetze blickt man hilflos auf die überall eskalierende Gewalt. Mit ihrer Version des Medusa-Sujets wollten Hans Werner Henze und Ernst Schnabel ein Zeichen setzen.

»Musik für Che«

Die zurückgelassenen Schiffbrüchigen auf dem Floß waren für sie die Entrechteten, Unterdrückten und Hungernden der Dritten Welt. »Opfer der Herzlosigkeit von Egoisten aus der Welt der Reichen und Mächtigen,« sagt Henze. Als er ankündigte, das Oratorium dem marxistischen Revolutionär Che Guevara zu widmen, geriet er in die Kritik. Der Spiegel beschimpfte Henze als »Salonlinken« und »gepflegten Epigonen«, der das bürgerliche Musikideal nur politisch übertünche. Sein Floß treibe »Im Sog der Konterrevolution.« Die konservative Presse hingegen ereiferte sich darüber, dass der öffentlich-rechtliche NDR dem »Kommunisten« Henze überhaupt einen Kompositionsauftrag erteilt hatte. Süffisant kündigte die Programmzeitschrift »Hörzu« aus dem Hause Springer die Radioübertragung als »Musik für Che« an.

Opfer der Herzlosigkeit von Egoisten aus der Welt der Reichen und Mächtigen.

Hans Werner Henze

Kultur und Revolution

Die Widmung an Che Guevara im Programmheft abzudrucken, konnten die Verantwortlichen im NDR Henze gerade noch ausreden. Der Guerillakämpfer war nach seiner Hinrichtung 1967 in Bolivien zur Ikone der linken Protestbewegungen in Europa geworden. Die öffentliche Kontroverse um Henzes und Schnabels Werk machte die Uraufführung in Hamburg endgültig zum Politikum.

Ohne rote Fahne!

Musiker des Abends / Musician on the evening

Die gescheiterte Uraufführung

Im Saal versammeln sich sozialistische Studenten der Hamburger Musikhochschule und protestieren gegen den ritualisierten und bourgeoisen Musikbetrieb. Die Studenten fordern, dass man Modelle der Musikausübung entwickeln solle, die durch staatliche Subventionen nicht manipulierbar sind. Auch die Berliner Projektgruppe »Kultur und Revolution« des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes reist an und kritisiert auf ihren Flugblättern das »organisierte Kesseltreiben« gegen Hans Werner Henze.

Originalaufnahme der Liveübertragung von 1968: Pfiffe, Sprechchöre, Handgemenge. Insgesamt 20 Minuten übertrug das 3. Hörfunkprogramm die gescheiterte Uraufführung von Henzes Oratorium. Danach bricht man die Livesendung ab und sendet stattdessen eine Aufzeichnung der Generalprobe.

Die Rote Fahne und die Schwarze Flagge der Anarchisten werden auf der Bühne angebracht und von einem Banner blickt der Revolutionär Che Guevara ins Publikum. Die Mitglieder des Westberliner RIAS Kammerchors – der Chor des Rundfunks im amerikanischen Sektor – weigern sich unter der Roten Fahne aufzutreten. Teile des Publikums unterstützen sie, Sprechchöre ertönen. Hans Werner Henze steht hilflos neben seinem Dirigentenpult, während der stellvertretende NDR Intendant Ludwig Freiherr von Hammerstein-Equord persönlich die Flagge von der Bühne reißt.

Es geht doch darum, dass der Komponist Hans Werner Henze gesagt hat, er spiele heute Abend nicht, wenn die rote Fahne heruntergenommen wird.

Protestierender Student / Protesting Student

Nachkriegs-Rundfunkpionier Ernst Schnabel erinnert sich in einem Interview von 1978 an die Geschehnisse um die geplatzte Uraufführung des Oratoriums.

Nach der gescheiterten Uraufführung: Hans Werner Henze verlässt fluchtartig Planten un Blomen.
Nach der gescheiterten Uraufführung: Hans Werner Henze verlässt fluchtartig Planten un Blomen. © NDR / Hans-Ernst Müller

Ernst Schnabel erinnert sich Jahre später immer noch erschüttert an diesen 9. Dezember 1968. Er selbst wird bei dem Polizeieinsatz durch eine Glastür gestoßen, verletzt und später angeklagt: »Widerstand gegen die Staatsgewalt« und »Gefangenenbefreiung« lauten die Vorwürfe in dem langwierigen Gerichtsverfahren. Henze hört man im Radio noch mit den Worten: »Ich distanziere mich von der Brutalität der Polizei!« bevor das 3. Programm des NDR Hörfunks seine Übertragung abbricht, und eine Aufzeichnung der Generalprobe sendet. Hans Werner Henzes Oratorium »Das Floß der Medusa« sollte in Hamburg erst 33 Jahre später aufgeführt werden. Ingo Metzmacher dirigierte im Juni 2001 das Philharmonische Staatsorchester bei der Hamburger Erstaufführung in der Laeiszhalle.

Und dann kamen sie. Einsatztrupp. 40-50 Mann. Die Financial Times hat geschrieben: And then something horrible happened. Germany is a hateful country now.

Ernst Schnabel

Text: Mischa Kreiskott / NDR Kultur
Vielen Dank an NDR Kultur für die Originalaufnahmen von 1968.

www.ndrkultur.de

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