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Requiem für die Lebenden

Brahms’ »Ein deutsches Requiem« in der Elbphilharmonie – keine düstere Totenmesse, sondern ein Werk voller Trost, Hoffnung und Zuversicht.

Requiem

  • Kirchenmusik zum Gedenken an Verstorbene
  • ursprünglich: Teil der katholischen Liturgie
  • Begriff: abgeleitet von lat. »Requiem aeternam dona eis, Domine« (Ewige Ruhe schenke ihnen, Herr)

Brahms’ »Ein deutsches Requiem« für Chor und Orchester ist eine der meistgespielten Kompositionen überhaupt. Insgesamt 70 Minuten dauert das Werk, das so gar nicht wie eine Totenmesse klingt.

Ins Schwarze getroffen

Erst 34 Jahre alt war Johannes Brahms, als er am Karfreitag 1868 sein »Deutsches Requiem« zum ersten Mal dirigierte. War seine Karriere als Komponist bis dahin eher mühselig verlaufen, machte ihn das neue Werk im ganzen deutschsprachigen Raum berühmt. Bis heute gehört es zu den beliebtesten Kompositionen überhaupt. Zwar waren Requien zu dieser Zeit nichts Außergewöhnliches – doch Brahms schrieb eines, wie man es noch nicht gehört hatte.

Auf den Kopf gestellt

In Brahms’ Werk kommt das lateinische Wort »Requiem« nicht einmal mehr vor, und auch sonst stellt der Komponist die bislang übliche Funktion der Gattung auf den Kopf: Statt die Toten zu beklagen, tröstet es die Lebenden. Brahms hat also eigentlich ein »Requiem des Lebens« komponiert.

Johannes Brahms (ca. 1865)
Johannes Brahms (ca. 1865) © unbekannt/Wikimedia Commons

Auf Umwegen zum Requiem

In der Musik meint »Requiem« eine Totenmesse, eine kirchenmusikalische Komposition für das Totengedenken. Der Begriff leitet sich ab von der lateinischen Bitte »Requiem aeternam dona eis, Domine« (Ewige Ruhe schenke ihnen, Herr). Mit ihr beginnt der Totengottesdienst in der katholischen Liturgie.

Ursprünglich war das Requiem also Musik für die Messe mit festgelegten Textteilen. Im 19. Jahrhundert lösten sich viele Requien aber von dieser kirchlichen Funktion. Texte und Form wurden allmählich freier und die Werke entstanden zunehmend für den Konzertsaal, nicht mehr für den Gottesdienst.

Kurz erklärt: Requiem

Eigentlich wollte Brahms Dirigent in Hamburg werden. Doch er erhielt eine Absage und zog enttäuscht nach Wien. Als Leiter der Singakademie führte er dort Musik der Renaissance­ und Barockzeit auf.

Glück im Unglück: Denn ausgerechnet in den Kompositionen längst vergangener Jahrhunderte fand Brahms Inspiration für sein Requiem: Der knapp 200 Jahre zuvor verstorbene Heinrich Schütz hatte nämlich für seine Musikalischen Exequien – ein Werk für den Trauergottesdienst – auf eigene Faust deutsche Bibeltexte zusammengestellt. Ihn nahm sich Brahms zum Vorbild. Aus seiner alten Kinderbibel wählte er bildhafte Textpassagen, die ihn berührten und den Trauernden Zuversicht spenden sollen.

Wer war Johannes Brahms?

  • einer der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts
  • lebte von 1833 bis 1897
  • geboren in Hamburg. Weitere Stationen: Detmold und Wien
  • einflussreiche Werke in allen Gattungen (außer Oper): vier Sinfonien, Konzerte, Kammer-, Klavier-, Oratorien- und Chormusik (»Ein deutsches Requiem«) sowie rund 200 Lieder
  • Brahms-Evergreens:
Wiegenlied (Guten Abend, gut’ Nacht)
Ungarischer Tanz Nr. 5
Ungarischer Tanz Nr. 1
Auszug aus Brahms’ Manuskript (5. Satz: Ihr habt nun Traurigkeit)
Auszug aus Brahms’ Manuskript (5. Satz: Ihr habt nun Traurigkeit) © Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg

Wunderbar, erschütternd und besänftigend.

Clara Schumann über »Ein deutsches Requiem« / Clara Schumann on »A German Requiem«

Tränenreiche Uraufführung

So komponierte er die ersten beiden Sätze –­ doch die landeten erst einmal in der Schublade. Erst vier Jahre später, nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1865, scheint Brahms die Arbeit an seinem Werk wieder aufgenommen zu haben. Am Karfreitag des Jahres 1868 dirigierte er sein vollendetes Requiem vor über 2000 Besuchern im Bremer Dom. Und feierte einen riesigen Triumph: Schon beim Eingangschor sollen viele Menschen im Publikum geweint haben.

Sieben Seelenbilder

In seinem Requiem führt Brahms den Hörer durch sieben Stationen der menschlichen Seele: Besingt der Chor am Anfang die Vergänglichkeit des Lebens, steht am Ende die Hoffnung auf das ewige Leben. Überhaupt steht der Chor im Mittelpunkt: Sein Anteil an der Musik ist überdurchschnittlich hoch.

I. Selig sind, die da Leid tragen

II. Denn alles Fleisch, es ist wie Gras

Zum monotonen Rhythmus der Pauken schreitet der Trauermarsch des zweiten Satzes voran. Fleisch, Gras, Blumen – mit diesen eindringlichen Bildern beschwören die tiefen Chorstimmen die Endlichkeit des Menschen.

Gras

III. Herr, lehre doch mich

Eine besondere Textstelle singt der Solo-­Bariton im dritten Satz:

»Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben. Sie gehen daher wie Schemen und machen viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird (Psalm 39, Vers 6-7).

Klingt das nicht ziemlich aktuell?

Brahms für Besserwisser

  • Das Wörtchen »sterben« taucht während des rund 70-minütigen Werks nur einmal auf.
  • »Deutsches« Requiem hat Brahms es nur genannt, weil es in deutscher – statt wie üblich in lateinischer – Sprache steht.
  • Den fünften Teil komponierte Brahms erst nach der Uraufführung. Die heute bekannte, siebenteilige Version erklang 1869.

IV. Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth

Flöten und Frauenstimmen flirten im vierten Satz mit dem Leben nach dem Tod. Die Musik scheint zu schweben und direkt in den Himmel zu führen.

VI. Denn wir haben hie keine bleibende Statt

Im sechsten Satz erreicht das Requiem seinen dramatischen Höhepunkt. Brahms verwendet hier das urgewaltige Bild der Posaune aus dem lateinischen »Dies irae«, dem »Tag des Zorns«, des Jüngsten Gerichts. Der führt bei ihm aber nicht ins Fegefeuer, sondern in eine Verspottung des Todes: »Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?«

Gewitterwolken

Brahms, der gläubige Freigeist

»Mit allem Wissen und Willen« hat Brahms in seinem Requiem mehrfach das neutrale Wort »Herr«, nie aber »Christus« verwendet. Aus Angst, der christliche Ton des Werks könnte zu schwach ausfallen, schob man bei der Uraufführung sicherheitshalber noch Musik anderer Komponisten ein. Doch bald setzte sich die Erkenntnis durch: In Brahms’ Requiem zeigt sich ein tiefer christlicher Glaube, nur eben nicht im kirchlichen Sinne.

Und ...?

Brahms’ so unkonventionelle Totenmesse ist im Konzerthaus genauso zu Hause wie in der Kirche. Dem menschenfreundlichen Freigeist Brahms hätte es sicher gefallen, sein Requiem in der Elbphilharmonie zu hören.

Text: Katja Tschirwitz

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