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Reisemusik

Viele Komponisten ließen sich von ihren Reisen inspirieren. Es gibt nichts, wozu die Musik nichts zu sagen hätte.

Den kompletten Reisemusik-Artikel jetzt in der neuen Ausgabe des Elbphilharmonie Magazins lesen.

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Reisen mit Franz Liszt

Kreuz und quer durch Europa

Als reisender Klaviervirtuose war Franz Liszt Zeit seines Lebens kreuz und quer in Europa unterwegs und begeisterte sein Publikum – insbesondere zahlreiche weibliche Groupies – mit übermenschlichen Fähigkeiten.

»Das Klavier ist für mich, was dem Seemann seine Fregatte und dem Araber sein Pferd«, pflegte er zu sagen. Die vielfältigen Eindrücke, die er auf diesen Reisen über vierzig Jahre hinweg sammelte und die bei ihm »tiefe Gemütsbewegungen erregten«, hielt er ab 1848 in »musikalischen Tagebüchern«, den »Années de pèlerinage« fest.

Dazu zählen atmosphärische Schilderungen italienischer Landschaften und Schweizer Bergseen, glitzernde Imitationen von Springbrunnen und Quellen, aber auch der Nachhall literarischer Entdeckungen, etwa Petrarca oder Dante.

Mit einer Gesamtspielzeit von mehr als zweieinhalb Stunden stellen die »Années de pèlerinage« eine eigene, ausgedehnte Welt dar, die zu bereisen sich noch immer lohnt.

Das Klavier ist für mich, was dem Seemann seine Fregatte und dem Araber sein Pferd.

Franz Liszt

Metapher auf das menschliche Leben: eine Reise von der Geburt über die Stürme des Lebens bis zum Tod

Reisen mit Richard Strauss

Die Alpensinfonie

Im Sommer 1879 unternahm der 15-jährige Richard Strauss eine Bergtour auf den 1.800 Meter hohen Heimgarten in den Bayerischen Voralpen. Er brach noch bei Dunkelheit auf, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel sehen zu können, geriet beim Abstieg allerdings in ein heftiges Gewitter.

Das Erlebte übersetze er danach in Musik: »Natürlich riesige Tonmalereien und Schmarrn nach Wagner«, wie er zugab. Viel später – Strauss hatte es als Komponist längst zu Weltruhm gebracht – schrieb er auf dieser Basis sein letztes großes Orchesterwerk, die einstündige »Alpensinfonie« (1915).

Am Ergebnis scheiden sich bis heute die Geister. Die einen schwelgen angesichts des berauschenden Klangpanoramas (125 Orchestermusiker, Wind- und  Donnermaschine), die anderen werfen Strauss naiven Bombast vor. Doch lesen lässt sich das Stück auch anders: als Metapher auf das menschliche Leben, als Reise von der Geburt über die Stürme des Lebens bis zum Tod.

Reisemusik - eine Playlist

Reisen mit Johann Sebastian Bach

»Capriccio über die Abreise des geliebten Bruders«

Wann und warum Johann Sebastian Bach sein »Capriccio über die Abreise des geliebten Bruders« schrieb, ist nicht bekannt – vielleicht, weil sein älterer Bruder Johann Jacob 1704 als Oboist in den Dienst des Schwedenkönigs trat, der gerade Polen eroberte; vielleicht, um seinen besten Freund Georg Erdmann am Ende der gemeinsamen Schulzeit 1702 aus Lüneburg zu verabschieden.

Jedenfalls stellt das zehnminütige Klavierwerk mit seinen plastischen Titeln ein Unikum in Bachs Schaffen dar. So ist der erste Satz eine »Schmeichelung« in süßlichen Sexten, »um den Bruder von seiner Reise abzuhalten«. Eine gewagt modulierende Fuge beschreibt »unterschiedliche Casuum, die ihm in der Fremde zustoßen könnten«.

Schließlich stimmen die Freunde ein »allgemeines Lamento« an, das verblüffend dem 45 Jahre später entstandenen »Crucifixus« der h-Moll-Messe ähnelt. Zum Abschied ertönt eine keck trötende Posthorn-Aria samt Fuge. 

Reisen mit Modest Mussorgsky

»Bilder einer Ausstellung«

Obwohl eine Kunstausstellung, wie sie Mussorgskys berühmtem Orchesterwerk (1874) zugrunde liegt, an sich eine recht statische Sache ist, tritt das Thema der Reise doch in zweifacher Hinsicht zutage. Einerseits im Satz »Bydło«, der einen schweren, von Ochsen gezogenen Karren porträtiert: Mit rumpelnden Räder rattert er monoton dahin.

Andererseits in der mehrfach wiederkehrenden »Promenade«: Sie versinnbildlicht den Komponisten selbst, der durch die Ausstellung wandert. Und obwohl seine Persönlichkeit dieselbe bleibt, lässt er sich doch von den betrachteten Bildern beeinflussen und ändert seine Haltung und Stimmung. Ein besseres Bild der Reise als aktives Sammeln und Verarbeiten von neuen Eindrücken kann es kaum geben.

Wäre ich als Jude zur selben Zeit in Europa aufgewachsen – ich hätte wohl in anderen Zügen fahren müssen.

Steve Reich

Reisen mit Steve Reich

Auf langen Zugfahrten

Als Scheidungskind pendelte der amerikanische Komponist Steve Reich in den 1940er-Jahren zwischen seinen Eltern hin und her – wobei seine Mutter in Los Angeles wohnte und sein Vater in New York.

Die langen Zugfahrten verarbeitete er später in seinem hypnotischen Stück »Different Trains« für Streichquartett und Tonband, einem Paradebeispiel der Minimal Music.

Das musikalische Material gewann er aus zuvor aufgezeichneten Tonschnipseln: aus Lokomotivgeräuschen, aus der Stimme des Schaffners, der die Stationen ausruft – und aus Berichten von Holocaust-Überlebenden. Denn, so Reich lakonisch:»Irgendwann wurde mir klar, dass ich – wäre ich als Jude zur selben Zeit in Europa aufgewachsen – wohl in anderen Zügen hätte fahren müssen.«

New York

Martialische Marschrhythmen und ein Credo für eine bessere Welt

Reisen mit Hanns Eisler

Credo für eine bessere, gerechtere Welt

Mit Reisen kannte sich Hanns Eisler notgedrungen aus. Geboren 1898 in Leipzig, wuchs er in Wien auf, wo er Schüler von Arnold Schönberg wurde.

Als aktiver Kommunist, kongenialer Partner von Bertolt Brecht und Sohn eines jüdischen Vaters musste er 1933 aus Berlin vor den Nazis fliehen – mit Stationen in Prag, Wien, Paris, London, Moskau, Spanien, Mexiko, Dänemark und den USA. In dieser Zeit entstand auch seine »Reisesonate« für Violine und Klavier (1937).

Angesichts der Weltlage kann von fröhlicher Ausflugsmusik keine Rede sein. Die Sonate erkundet vielmehr extreme emotionale Ausdrucksbereiche, karikiert die Grimasse des NS-Regimes mit martialischen Marschrhythmen und formuliert am Ende ein stürmisches Credo für eine bessere, gerechtere Welt.

Hanns Eisler

Reisen mit Antonín Dvořák und Arthur Honegger

Unter Trainspottern

Das stärkste Sinnbild für den technischen Fortschritt ist zweifellos die Dampflok, diese rauchende, fauchende, stampfende Masse aus Stahl, die auch die öffentliche Mobilität auf ein neues Niveau hob.

Zu den größten Trainspottern unter den Komponisten zählten Antonín Dvořák (der täglich zum Prager Bahnhof wanderte) und der Schweizer Wahl-Pariser Arthur Honegger. Letzterer verewigte 1923 seine Lieblingslokomotive vom Typ »Pacific« in einem fünfminütigen Orchesterstück. Darin gehe es ihm nicht um die »Nachahmung ihrer Geräusche«, beteuerte er, sondern um die »Wiedergabe eines optischen Eindrucks und eines körperlichen Wohlgefühls«.

Allein, der Titel »Pacific 231« (2-3-1 bezeichnet die Achsfolge des Typs) und seine weitere Erläuterung verraten den Nerd: Man höre, so Honegger, »das ruhige Atmen der stillstehenden Maschine, die Anstrengung der Abfahrt, die Beschleunigung und das gewaltige Schauspiel des 300 Tonnen schweren Zuges, der mit 120 km/h durch die dunkle Nacht rast«.

Text: Clemens Matuschek

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