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Reflektor Laurie Anderson

Geschichtenerzählerin, Hypnotiseurin, Wundermusikerin: Vier Tage lang übernahm Laurie Anderson das Ruder in der Elbphilharmonie.

Laurie Anderson ist Musikerin, Filmemacherin, Autorin, Performance­-Künstlerin, Malerin und Erfinderin von elektronischen Instrumenten. Was immer diese Frau anfasst, wird zum kreativen Kunstwerk. In den 1970er Jahren erregte sie in der New Yorker Kunstszene erstmals Aufsehen, seitdem ist sie ihrer Zeit stets zwei Schritte voraus. Dabei laufen Laurie Andersons Kunstwerke allesamt an einem Punkt zusammen: Sie erzählen Geschichten.

Auch bei ihrer Reflektor­-Woche in der Elbphilharmonie schuf Laurie Anderson Kunstwerke aus Musik, Dichtung und Bildern – gemeinsam mit Musikerfreunden aus allen Genres.

Laurie Anderson in der Elbphilharmonie

Laurie Anderson in der Elbphilharmonie

Reflektor Laurie Anderson

In der »Reflektor«-Reihe erhalten ausgewählte Künstler symbolisch den Schlüssel zur Elbphilharmonie. Das heißt: Sie bestimmen das Programm.

Zum Programm von Laurie Anderson

Tibetanische Gesänge: Songs of the Bardo

Mit einem tiefsinnig-spirituellen Abend eröffnete Laurie Anderson ihre Reflektor-Woche: Ihre hypnotische Stimme mischte sich im Großen Saal mit wummernden Gongs, E-Geige, Streicherklängen und den Gesängen des aus Tibet stammenden Musikers Tenzin Choegyals. Im Zentrum der meditativen Klangreise: das Tibetanische Totenbuch Bardo Thödröl, das den Seelenzustand nach dem Tod beschreibt.

Reflektor Laurie Anderson: Songs from the Bardo

Songs from the Bardo

Reflektor Laurie Anderson: Songs from the Bardo

Songs from the Bardo

Film: Heart of a dog

Mit Vergänglichkeit setzt sich die Buddhistin auch in ihrem rätselhaften, wie im Traum verklärten, oft herzzerreißenden Film »Heart of a Dog« auseinander, in dem sie den Tod ihrer 2013 verstorbenen Hündin Lolabelle verarbeitet.

Reflektor Laurie Anderson: Film »Heart of a dog«
Reflektor Laurie Anderson: Film »Heart of a dog« © Peter Hundert

In »Heart of a Dog« mischen sich Kunst und Realität unentwegt. Erinnerungen an die eigene Mutter, Lou Reed, Kindheitsaufnahmen und die Sicht aus Hundeperspektive gehen über in Zeichnungen und Visionen vom buddhistischen Totenreich. Der Sinn des Todes, so heißt es im Film, sei die »Freisetzung von Liebe«. Eine Meditation über das Leben auf so vielen Ebenen: politisch, zutiefst persönlich, universell menschlich.

Reflektor Laurie Anderson in den Tagesthemen:

Sound-Installation: Listen behind you

Im Geiste mit dabei war auch Laurie Andersons 2013 verstorbener Ehemann Lou Reed, Frontman der Band The Velvet Under­ground: Die Installation »Listen Behind You« mit Original-Gitarren und -Verstärkern des Rockers ließ ­Drones, also Rückkopplungswellen, durch das Elbphilharmonie-Kaistudio wabern. Höchstselbst dabei: Lou Reeds Gitarrentechniker Stewart Hurwood.

Zu Drones, also Feedback­-Schleifen von E­-Gitarren, fühle ich mich schon lange hingezogen. Sie leeren, entspannen und fokussieren meine Sinne gleichermaßen. Für mich sind sie pure Meditation.

Laurie Anderson

Reflektor Laurie Anderson: Installation Listen behind you

Listen behind you

E-Gitarren-Installation im Kaistudio

Reflektor Laurie Anderson: Installation Listen Behind You

Listen behind you

E-Gitarren-Installation im Kaistudio

Reflektor Laurie Anderson: Installation Listen Behind You

Listen behind you

E-Gitarren-Installation, bespielt von Lou Reeds Gitarrentechniker Stewart Hurwood

Lost

Sich in der Musik verlieren, die Kontrolle abgeben, um künstlerisch völlig frei zu sein – dieser Idee folgte der im wahrsten Sinne improvisierte Abend »Lost« im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Dafür tat sich Laurie Anderson mit dem Cellisten Rubin Kodheli und dem Kontrabassisten Greg Cohen zusammen, einem der visionärsten Klangkünstler auf seinem Instrument, mit dem sie seit drei Jahren zusammenspielt. Den Spielfluss inspirierten großflächig auf die Leinwand projizierte Bilder – von realen Landschaften bis hin zu abstrakten Formen.

Reflektor Laurie Anderson: Lost

Lost

Cellist Rubin Kodheli und Laurie Anderson

Reflektor Laurie Anderson: Lost

Lost

Reflektor Laurie Anderson: Lost

Lost

Laurie Anderson, Cellist Rubin Kodheli und Kontrabassist Greg Cohen

Meine Kunst dreht sich um Geschichten: wie sie entstehen, was passiert, wenn man sie vergisst und wie sie unser Leben beeinflussen. Wir leben in einer Zeit des geplanten Chaos. Die Narrative werden immer komplexer und zahlreicher. Wir müssen jeden Tag die Realität und unseren Platz in ihr neu verhandeln. Das ist längst kein rein politisches Problem mehr, sondern ein existenzielles.

Laurie Anderson

Live-Hörspiel: Scenes from my Radio Play

Mit größerem Ensemble brachte Laurie Anderson schließlich das Livehörspiel »Scenes from My Radio Play«, auf die Bühne, in dem sich persönliche Geschichten, USA-Politik und Reflexionen über den Zustand der Gesellschaft begegnen. Hintergrund: Rund um die amerikanische Präsidentschaftswahl sah Anderson den Kern ihres Künstlerdaseins – die Geschichten – bedroht: »Jeder erzählte seine eigene Story. Gerüchte, Lügen und Falschmeldungen brachten alle aus der Balance, schufen noch mehr Storys, und irgendwann merkten wir: Wir sind dabei, in unseren eigenen Storys zu ertrinken.« Und so ließ Anderson in ihrem Live-Hörspiel verschiedene Geschichten entstehen, ließ sie vom Publikum verändern und spielte mit Zeit und Erinnerung – angeregt durch Geräuschkünstler, Musiker und Visual Artists.

Reflektor Laurie Anderson: Scenes from my Radio Play

Scenes from my Radio Play

Reflektor Laurie Anderson: Scenes from My Radio Play

Scenes from my Radio Play

Reflektor Laurie Anderson: Scenes from my Radio Play

Scenes from my Radio Play

Reflektor Laurie Anderson: Scenes from my Radio Play

Scenes from my Radio Play

Reflektor Laurie Anderson: Scenes from my Radio Play

Scenes from my Radio Play

Sol: Ensemble Resonanz

Geometrische Formen, minimalistische Strukturen und knallbunte Farben prägen die Kunstwerke Sol LeWitts (1928–2007), der Laurie Andersons künstlerische Entwicklung maßgeblich prägte. Der US-Amerikaner gilt als wichtiger Vertreter der sogenannten Konzeptkunst, für die nicht das Kunstwerk selbst, sondern die ihm zugrundeliegende Idee im Vordergrund steht. Dem 2007 verstorbenen Künstler hatte Laurie Anderson bereits 1972 ein Streichquartett gewidmet. Das auf minimalistischen Techniken beruhende Werk brachten Musiker des Ensemble Resonanz im Foyer zum Klingen. Besondere Herausforderung: Auf den klassischen Instrumenten werden sogenannte »Drones« imitiert, Feedbackschleifen, die eigentlich dem Sound-Arsenal von E-Gitarren entstammen.

Reflektor Laurie Anderson: »Sol« mit dem Ensemble Resonanz, Foyer

Sol

Mitglieder des Ensemble Resonanz im Foyer

Reflektor Laurie Anderson: »Sol« mit dem Ensemble Resonanz, Foyer

Sol

Mitglieder des Ensemble Resonanz im Foyer

Reflektor Laurie Anderson: »Sol« mit dem Ensemble Resonanz, Foyer

Sol

Laurie Anderson und Mitglieder des Ensemble Resonanz

Improvisieren fühlt sich an, als würden wir ein großes Schiff bauen, das über uns in der Luft schwebt, das wir nach Belieben hin­- und herwenden und auf dem wir wegsegeln können.

Laurie Anderson

Here Comes the Ocean

Zum Abschluss tauchte Laurie Anderson den Großen Saal – wie der Titel ihres Konzerts »Here comes the Ocean« andeutet – in einen Ozean aus Klang. Dies tat sie abermals improvisierend, obwohl die 71-Jährige nach eigener Aussage ein relativer Neuling auf dem Gebiet ist. Vor ihrer ersten Improvisation mit dem US-Bandleader und -Komponisten John Zorn vor zehn Jahren habe sie noch Panik verspürt: wer die erste Note spiele, welche Tonart sie wählen solle. Doch »sobald das Konzert losging, überkam mich ein Gefühl von Freiheit. Seither liebe ich die Improvisation. Es fühlt sich an, als würden wir gemeinsam ein großes Schiff bauen, das über uns in der Luft schwebt, das wir nach Belieben hin-­ und herwenden und auf dem wir wegsegeln können.« Berauschend sei dieses Gefühl, meint Anderson, und verabschiedete sich aus Hamburg mit einer letzten, rauschhaft-meditativen Feier des Moments.

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Laurie Anderson

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Reflektor Laurie Anderson: Here comes the Ocean

Here comes the Ocean

Gästebuch: Kreativer Künstlergruß

Laurie Anderson ist Künstlerin durch und durch – auch jenseits der Bühne. Dies offenbart selbst ihr Eintrag im Künstler-Gästebuch der Elbphilharmonie.

Gästebucheintrag Laurie Anderson

zuletzt aktualisiert: 12.03.2019

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