Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Rebell & Visionär

Der französische Organist Jean Guillou ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

Besonders wegen seiner Improvisationskunst und seiner eigenen Kompositionen galt Jean Guillou als einer der wichtigsten Organisten unserer Zeit. Er war ein Vordenker, der zeitlebens für den Ruf und das Ansehen der Orgel kämpfte – und dabei die Tradition nie aus den Augen verlor. So setzte er sich gleichzeitig intensiv mit neuen Möglichkeiten des Orgelbaus sowie dem Werk Johann Sebastian Bachs auseinander. Nun ist der französische Organist und Komponist am 26. Januar in seiner Heimatstadt Angers gestorben.

Jean Guillou in der Elbphilharmonie

Am 18. April feierte der »Grand maître« seinen 88. Geburtstag in der Elbphilharmonie mit einem seiner letzten großen Konzerte – und wie man es von ihm gewohnt war, schonte er sich auch an diesem Abend nicht. Mit seiner Bearbeitung von Modest Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« und seinem eigenen Opus Magnum »La révolte des orgues op. 69 / für neun Orgeln und Schlagwerk« hatte er sich ein höchst forderndes Programm auferlegt.

Der Organist Thomas Cornelius begleitete Jean Guillou damals, um ihm an der Elbphilharmonie-Orgel zur Seite zu stehen. Hier berichtet er von seinen Erinnerungen, an diesen Tag und an einen der größten Organisten des 20. und 21. Jahrhunderts:

Diesen Menschen noch persönlich erlebt und ihn drei Tage zu seinem nun letzten großen Konzert in einem Konzertsaal begleitet und unterstützt zu haben, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Für mich war er eine »lebende Legende«, jemand der bei den Größen der französischen Orgelwelt wie Messiaen, Dupré oder Duruflé gelernt hatte, mehr als ein halbes Jahrhundert älter als ich. Im Umgang hatte er eine Frische, schlagfertigen Humor und es strahlte noch immer diese visionäre Kraft aus ihm. Nicht nur musikalisch, kompositorisch sondern auch orgelbautechnisch war er jemand, der die Dinge stets weitergedacht hat.

Thomas Cornelius

Jean Guillou und Thomas Cornelius
Jean Guillou und Thomas Cornelius © Daniel Dittus

An seinem Geburtstag in der Elbphilharmonie sang das Publikum bereits im Einführungsgespräch ein Geburtstagsständchen und später dann noch einmal der ganze Große Saal zu Beginn des Konzerts.

Für ihn sei dies sein schönster Geburtstag gewesen und er hätte schon viele gehabt. Nun war es sein Letzter. Er war ein ehrwürdiger und verdienter Mann, der als Rebell, Visionär oder auch Bewahrer der Tradition galt. Das Rebellische war wohl schon etwas gewichen, dennoch hatte er noch ganz klare Vorstellungen, etwa bei den Klängen und Registrierungen der Orgel.

Thomas Cornelius

Jean Guillou
Jean Guillou © Daniel Dittus

Einmal sagte er zu einem Klang, das sei schön, es würde leuchten, aber es sei zu weich es müsse rebellischer und etwas spitzer sein. Manchmal war er verträumt, in seinem Blick, in den hellen blauen Augen schimmerte dann für mich auch eine Vision des Jenseitigen. Sein Wille war noch immer unbändig, trotzdem bat auch er um Hilfe. Manchmal war es eine persönliche Äußerung oder nur ein diskreter Blick, dann war er mit warmherziger Dankbarkeit so glücklich über jede Unterstützung, die ich ihm geben konnte.

Thomas Cornelius

Jean Guillou
Jean Guillou © Daniel Dittus

Nach dem kräftezehrenden Konzert spielte er noch einmal frisch und auswendig sein Arrangement der Sinfonia aus der Kantate »Wir danken dir Gott, wir danken dir« von Johann Sebastian Bach. Es war ein einmaliger und unbeschreiblicher Konzertabend. Der bachsche D-Dur Schlussakkord gleicht nun in der Erinnerung einem würdigen Finale und Schlusspunkt im Leben eines so großen Künstlers und Meisters.

Thomas Cornelius

Weitere Artikel