Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Rauschhafte Musik beim Festival »Greatest Hits«

Das »Greatest Hits«-Festival widmet sich dem Thema »Rausch« in der zeitgenössischen Musik. Unser Podcast zeigt, wie sich das anhört.

Igor Strawinskys »Le Sacre du printemps«, Arnold Schönbergs »Pierrot Lunaire«, Karlheinz Stockhausens »Gesang der Jünglinge« oder Luciano Berios »Sinfonia« – Werke des 20. Jahrhunderts, deren weitreichende Bedeutung zur Zeit ihrer Uraufführung höchstwahrscheinlich den Wenigsten bewusst war. Heute kann man sich das letzte musikalische Jahrhundert ohne diese Meilensteine nicht mehr vorstellen – sie sind sozusagen zu »Greatest Hits« geworden.

Auf welche Hits unserer Zeit man in 100 Jahren zurückblicken wird, versucht das gleichnamige Festival »Greatest Hits« in der Elbphilharmonie und auf Kampnagel auch in diesem Jahr wieder herauszufinden. In unserem aktuellen Elbphilharmonie Podcast sprechen wir dabei mit Sven Hartberger, dem Intendanten des Klangforum Wien, über das Festivalmotto »Rausch«. Außerdem kommt der Dirigent Johannes Fischer zu Wort – er leitet ein Porträtkonzert zu Ehren der Komponistin Olga Neuwirth, deren innovative Kompositionen schon seit den 90er Jahren für Aufsehen sorgen.

Der Elbphilharmonie Podcast

Eine neue Folge erscheint immer am ersten Samstag des Monats.

Zum Podcast

Faszinierender Klangfarbenkosmos

Die Österreicherin Olga Neuwirth ist ohne Frage eine der innovativsten und spannendsten Komponistinnen unserer Zeit – im Rahmen des »Greatest Hits«-Festivals erklingen gleich mehrere ihrer Werke. Neben der aufregenden Musik zum spektakulär wiederentdeckten Stummfilm »Die Stadt ohne Juden« am Eröffnungstag des Festivals widmet das Ensemble Resonanz der Künstlerin am zweiten Festivaltag im Kleinen Saal der Elbphilharmonie ein komplettes Porträtkonzert.

Johannes Fischer
Johannes Fischer © Boris Breuer

Als Dirigent konnte das Ensemble den Schlagzeuger Johannes Fischer gewinnen. Große Überzeugungsarbeit war aber nicht wirklich notwendig – sich mit der Musik von Olga Neuwirth auseinanderzusetzen, war ein lang gehegter Traum des Wahl-Hamburgers. Nachdem er Neuwirths Schlagzeugkonzert in Luzern hörte, ist ihre Musik ein dauerhafter Begleiter. Besonders fasziniert ist er von der Art und Weise, wie es die Komponistin schafft, sich in jedem Stück aufs Neue selbst zu erfinden und ihrem Œuvre dadurch immer wieder neue Facetten hinzuzufügen.

In dem brandneuen Werk »Aello – ballet mécanomorphe«, welches erst in diesem Jahr uraufgeführt wurde, bedient sich Neuwirth beispielsweise eines barocken Gestus, lässt aber auch eine verstärkte Schreibmaschine erklingen.

Olga Neuwirth: »Aello – ballet mécanomorphe«

Olga Neuwirth

Olga Neuwirth schafft es, sich in ihren Werken immer wieder aufs Neue selbst zu erfinden

Johannes Fischer

Im Rausch konzentriert man sich immer auf den gerade stärksten Reiz – die Musik!

Sven Hartberger

Mit Anmut betrinken

Dem Motto des diesjährigen Festivals »Rausch« nähert sich das Klangforum Wien, ein Solistenensemble mit Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik, seit 2001 auf eine besondere Art und Weise. Während die Schulmedizin einen Rausch als einen Zustand, »in dem nach Einnahme einer bewusstseinserweiternden Substanz eine Störung von Wahrnehmung und kognitiven Fähigkeiten einhergeht«, definiert – konzentriert sich das Ensemble dagegen auf die positiven Eigenschaften dieses Zustands. Dabei bedienen sich Intendant Sven Hartberger und das Ensemble einer antiken Sozialtechnik – dem sogenannten »Symposion«.

Klangforum Wien
Klangforum Wien © Lukas Beck

In der Antike stellte solch ein »Symposion« eine Gesellschaft dar, die sich unter Einfluss des dionysischen Geschenks, dem Wein, berauschte und sich dabei über das aktuelle Weltgeschehen austauschte. Anstelle des geselligen Diskurses tritt beim Klangforum ausgewählte zeitgenössische Musik – verknüpft mit einer Weinprobe in acht Akten entsteht so ein »Symposion« des 21. Jahrhunderts.

Neben der praktischen Berauschung durch den Wein soll hierbei auch musikalisch der typische Verlauf eines Rausches nachgezeichnet werden. Ausgehend von Gustav Mahlers »Trinklied vom Jammer der Erde« wandert der Hörer von leichten Wahrnehmungsänderungen bis zum orgiastischen Rausch und der folgenden ruhigen Luzidität am Ende des Rausches. Und dieses Konzept geht laut Sven Hartberger gänzlich auf, denn gerade durch die einschränkende Wirkung des Rausches konzentriere man sich immer auf den stärksten gegenwärtigen Reiz – in diesem Fall die Musik. Statt zur Wahrnehmungsstörung wird der Sinnestaumel hier also zum Musikvermittlungsinstrument. Berauschend!

Autor: Julian Conrad

Konzerte des Greatest Hits Festivals

    Weitere Artikel