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Radiophonic Workshop

40 Jahre lang schuf der Radiophonic Workshop im Auftrag der BBC neue Klangwelten

Radiophonic Workshop beim Festival »Elektronauten«

Zum Konzert am 17. Juni 2018

Am 1. April 1958 wurde der Radiophonic Workshop in den Maida Vale Studios der BBC ins Leben gerufen – und es ahnte wohl niemand, dass ausgerechnet hier, im kleinen Raum 13, Klänge entstehen würden, die Generationen an Fernsehzuschauern, Bands und DJs weltweit in ihren Bann ziehen sollten.

Die neue Abteilung hatte vielmehr eine ganz praktische Aufgabe: Passende Klänge für die Radiohörspiele, später auch die Fernsehproduktionen des BBC entwickeln. Mit einem Budget von 2000 Pfund und spartanischem Equipment machten sich die ersten Klangtüftler Desmond Briscoe, Daphne Oram und Dick Mills an die Arbeit. Als Arbeitsmittel dienten zunächst vor allem alte Tonbandgeräte, Filter, Turntables und Oszillatoren. »Angefangen haben wir mit Geräten, die keiner mehr wollte, die die anderen Abteilungen weggeschmissen hatten. Ab und zu gab man uns, um Desmond (Briscoe) ruhigzustellen, auch mal was eigenes«, erinnert sich Brian Hodgson.

Richard Bird und Daphne Oram, 1958
Richard Bird und Daphne Oram, 1958

Das Studio, das mit unkonventionellen Methoden arbeitete und aus dem täglich neue, verrückte Klänge nach draußen auf den Flur drangen – es sorgte am Anfang bei manchem für Misstrauen: »Es gab sogar eine ärztliche Empfehlung, dass niemand mehr als drei Monate in unserer Abteilung arbeiten sollte. Man dachte, die Leute würden hier drin verrückt werden«, so Hodgson. Gleichzeitig löste dieses Seltsame, etwas Verschrobene, das vom Radiophonic Workshop ausging, eine ungeahnte Faszination aus. »Mit unserem Equipment waren wir Spezialisten für schroffe, angsteinflößende, verzerrte Klänge«, so Dick Mills. Es waren neue Töne, die so noch niemand kannte, und die die Hörer in ihren Bann zogen.

Pioniere des Klangs - Die Geschichte des Radiophonic Workshops

Mit ihrer neuen Abteilung hatte die BBC den Anschluss hergestellt zu einer Entwicklung, die zuvor schon in anderen Radiostudios Europas begonnen hatte. In Paris hatte der Komponist und Toningenieur Pierre Schaeffer bereits einige Jahre früher angefangen, Tonbänder auseinander zu schneiden, neu zusammen zu setzen und elektronisch zu verfremden. Er erfand hierfür den Begriff »Musique concrète«, 1948 wurde sein »Geräuschkonzert« mit Aufnahmen von pfeifenden Dampfloks und manipulierten Stimmen im französischen Radio übertragen. Karlheinz Stockhausen, ein Schüler Schaeffers, veröffentlichte 1956 den »Gesang der Jünglinge« – ein Meilenstein der elektronischen Musik, aufgenommen im Studio für Elektronische Musik am Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Die Komponisten und Klangingenieure des Radiophonic Workshops griffen diese Entwicklungen auf und setzten schon bald eigene Maßstäbe. Ihr Studio wuchs, es kamen neue Instrumente hinzu, und Anfang der 60er klopfte auch das Fernsehen der BBC an und fragte nach Soundtracks. Die berühmteste Titelmelodie entstand 1963: Der Komponist Ron Grainer hatte Musik für die neue Science-Fiction Serie »Doctor Who« geschrieben, und bat die Mitglieder des Radiophonic Workshops, sie in Ton umzusetzen.

Wir waren Spezialisten für schroffe, angsteinflößende, verzerrte Klänge

Dick Mills

Die Entstehung des Doctor-Who-Soundtracks

Delia Derbyshire, Desmond Briscoe, 1965

Fast 25 Jahre lang schufen sie weitere Musik für »Doctor Who«, daneben produzierten sie Soundtracks für große Serien wie unter anderem»The Living Planet« oder»Per Anhalter durch die Galaxis«

Eine Vorgabe für ihr Schaffen gab es in der ganzen Zeit nicht: »Damit die Maschinen das machten, was wir wollten, mussten wir nach dem Trial-and-Error-Prinzip vorgehen«, sagt Dick Mills. Sie probierten aus, und aus den anfangs misstrauisch beäugten Tüftlern wurden nach und nach Pioniere, die in ihrem Hauptquartier die Entwicklung der elektronischen Musik intensiv beobachteten und selbst vorantrieben.

Der Jazzpianist John Baker, 1965
Der Jazzpianist John Baker, 1965 © BBC archive

Als würden wir bezahlt, um Spaß zu haben

Paddy Kingsland

Weltweites Echo

»Nach den ersten Jahren, in denen wir vor allem mit Tonbandgeräten arbeiteten, begann die Ära der Synthesizer, später arbeiteten wir mit Sampler und konnten alte Aufnahmen wieder ausgraben«, erklärt Mark Ayres. Der Radiophonic Workshop war stets mittendrin und übte zunehmend auch selbst Einfluss auf die Elektro- und Popmusik aus. Die Beatles, Rolling Stones, Pink Floyd – sie alle verfolgten die Entwicklungen in den BBC-Studios mit großem Interesse. Martyn Ware, ebenfalls Elektro-Pionier und Gründer von The Human League und Heaven 17, meint im Rückblick: »Als wir angefangen haben, mit unseren zwei geliehenen Keyboards, war der Radiophonic Workshop eine Art Traumland, ein magischer Ort, an dem alle Klänge möglich waren. Wenn jemand mir damals gesagt hätte: ›Du kannst alles aufgeben, was du erreicht hast und Mitglied des Radiophonic Workshop werden, du brauchst nur mit den Fingern zu schnipsen‹, ich glaube, ich hätte es getan. So sehr haben wir sie bewundert.«

Der Radiophonic Workshop wurde zu einer Ikone: »Es war als würden wir bezahlt, um Spaß zu haben», erklärt Paddy Kingsland, der in den 1970er dazukam, »wir hatten alle Freiheiten. Es musste natürlich etwas Gutes dabei herauskommen, aber wir lieferten ab. Es war ein wunderbares Arbeitsklima.«

Die Magie geht weiter

1998 wurde der Radiophonic Workshop aus Kostengründen aufgelöst. Doch die ehemaligen Musiker Peter Howell, Roger Limb, Dr Dick Mills, Paddy Kingsland und Mark Ayres hatten noch nicht genug: Sie stiegen 2009 für ein gemeinsames Konzert auf die Bühne. Seitdem erschaffen sie auch wieder neue Musik, vermischen alte Instrumente mit neuen digitalen Technologien, schreiben Musik für Filme und besondere Events – und gehen mit teils über 80 Jahren gemeinsam auf Tour.

»Wir sind eine Band, die eigentlich nie eine war, denn wir haben so ja nie zusammen gespielt«, erklärt Paddy Kingsland. Doch offenbar haben sie Gefallen am Band-Leben gefunden: Nachdem sie 2017 das Album »Burials in Several Earth« veröffentlicht haben, touren sie derzeit durch Europa. Am 17. Juni gastieren sie auch in der Elbphilharmonie – im Rahmen des Festivals »Elektronauten«, das Pioniere der Synthesizer-Musik nach Hamburg bringt.

Autor: François Krämer

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