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Polen: 100. Jahrestag der Unabhängigkeit

Vor 100 Jahren erlangte Polen seine Unabhängigkeit zurück: Überblick über die wechselvolle Geschichte eines Landes, das sich stets nach Freiheit sehnte.

Schwerpunkt »Polen« in der Elbphilharmonie

Vom 10. September bis 25. November 2018

Zu den Konzerten

Mit zahlreichen Veranstaltungen feiert Polen 2018 den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Die Elbphilharmonie nimmt das Jubiläum zum Anlass für einen musikalischen Schwerpunkt: Drei Monate lang stellen die NDR Ensembles sowie zahlreiche polnische Künstler und Ensembles die Vielschichtigkeit der polnischen Musik vor.

Polen blickt auf eine über tausend Jahre lange Geschichte zurück, doch das Jahr 1918 sticht bis heute besonders hervor. Es ist das Jahr, in dem Polen sich aus einer jahrzehntelangen Umklammerung löste und einen Neustart als unabhängige Republik wagte. Doch der Traum von der Freiheit zerplatzte bald wieder – und konnte erst 1989 weitergeträumt werden.

Polen 1918 bis 2018 im Überblick

Die drei Polnischen Teilungen
Die drei Polnischen Teilungen © John Nennbach

VOR 1918: EINE NATION OHNE STAAT

In den drei Polnischen Teilungen teilen sich Russland, Preußen und Österreich-Ungarn das polnische Territorium ab 1772 untereinander auf. 1795, nach der dritten Teilung, bleibt nichts von Polen mehr übrig: Das Land ist von der Landkarte verschwunden. Eine Demütigung und ein Trauma, das noch lange nachwirken sollte. Viele Politiker ziehen nach dem Ende des polnischen Staates ins Ausland, so auch Józef Wybicki. Er verfasst 1797 im italienischen Exil den Text zum Lied »Noch ist Polen nicht verloren« (Jeszcze Polska nie zginęła), der heutigen polnischen Nationalhymne. Politische Aktivisten kämpfen weiter für die polnische Unabhängigkeit, versuchen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wieder Aufstände, die jedoch alle scheitern.

Józef Piłsudski (Mitte) 1926 in Warschau
Józef Piłsudski (Mitte) 1926 in Warschau © Marian Fuks

1918: DIE WIEDERGEBURT

»Ein unabhängiger polnischer Staat soll errichtet werden, der alle Gebiete einzubegreifen hätte, die von unbestritten polnischer Bevölkerung bewohnt sind…« – mit Punkt 13 seines 14-Punkte-Plans über die Nachkriegsordnung Europas gibt der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson Anfang 1918 die Richtung vor. Am 11. November 1918 übernimmt der spätere polnische Staatschef Józef Piłsudski die Militärgewalt im deutsch besetzten Warschau und ruft die Republik Polen aus. Da die Grenzen des neuen, unabhängigen Staates aber nicht klar festgelegt werden, kommt es in den nächsten Jahren immer wieder zu Konflikten mit den Nachbarländern.

Junge in den Trümmern Warschaus, 1939
Junge in den Trümmern Warschaus, 1939 © Julien Bryan

DER ZWEITE WELTKRIEG

Durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939 findet sich Polen erneut zwischen den Mühlsteinen der beiden Großmächte Sowjetunion und Deutsches Reich. Nach dem deutschen Angriff im September 1939 verschwindet Polen erneut von der Landkarte, für das polnische Volk beginnt eine jahrelange Leidenszeit. Die polnische Regierung flieht nach Großbritannien und organisiert von dort den Widerstand, unter anderem über die polnische Heimatarmee, die größte militärische Widerstandsorganisation zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG

Insgesamt fünf Millionen Einwohner Polens sterben im Zweiten Weltkrieg, viele davon, wie die Juden und die polnischen Eliten, werden gezielt hingerichtet. Die Hauptstadt Warschau liegt 1945 in Trümmern. Nach dem Krieg verschieben sich erneut die polnischen Grenzen, zwei Millionen Menschen werden umgesiedelt. Obwohl Polen am Ende des Krieges auf der Gewinnerseite steht, fällt es unter den Einfluss der Sowjetunion, der Kommunismus wird als politisches System durchgesetzt.

Manifest des von der Sowjetunion gestützten »Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung«
Manifest des von der Sowjetunion gestützten »Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung«

BIS 1989: VOLKSREPUBLIK POLEN

Der Wiederaufbau Polens nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgt unter schwierigen Bedingungen: Die politische und kulturelle Isolation, eine anti-demokratische Führung und ein ineffizientes Wirtschaftssystem sorgen dafür, dass der Wiederaufbau hier langsamer verläuft als in anderen europäischen Ländern. Die Landwirtschaft wird kollektiviert, politische Freiheit und Medien eingeschränkt, die Ökonomie stagniert, immer wieder kommt es zu Engpässen bei der Versorgung mit alltäglichen Waren und Lebensmitteln. Soziale Unruhen und daraus resultierende, regelmäßig wiederkehrende Proteste prägen die Volksrepublik.

Lech Walesa
Lech Walesa

1980: SOLIDARNOŚĆ WIRD GEGRÜNDET

1980 verschlechtern sich die Lebensbedingungen vieler Polen noch einmal. Das Land steckt in einer Wirtschaftskrise, die Preise für Lebensmittel steigen drastisch an. In einer Werft in Danzig wird die Kranführerin Anna Walentynowicz entlassen, woraufhin ihre Kollegen zum Streik aufrufen und die Werft besetzen. Anführer des Streikkomitees wird der Elektriker Lech Walesa. Streikende Betriebe aus ganz Polen zeigen sich solidarisch, Lech Walesa wird zum Vorsitzenden von Solidarność. Die erste unabhängige Gewerkschaft Polens markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Moskau will dies nicht hinnehmen, verbietet die Gewerkschaft 1981 – und kann die Massenbewegung doch nicht aufhalten.

Warschauer Wolkenkratzer
Warschauer Wolkenkratzer

1989 – HEUTE

Nach dem Zerfall des Ostblocks wird Polen wieder zur demokratischen Republik. Es beginnen umgehend tiefgreifende Reformen: Vom Ein-Parteien-System zum politischen Pluralismus, von der staatlich kontrollierten Wirtschaft zum freien Markt. Auf die Abhängigkeit vom Osten folgt die Öffnung zum Westen. Lech Walesa wird 1990 der erste demokratisch gewählte Präsident. 1999 tritt Polen der NATO bei, 2004 der Europäischen Union. Bei der Parlamentswahl 2015 erlangte die rechtskonservative Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) die absolute Mehrheit und regiert das Land seitdem allein.

Autor: François Kremer

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