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Olga Neuwirth: »The Outcast«

Ausgehend von Herman Melvilles visionärem Buch »Moby Dick« schuf Olga Neuwirth mit »The Outcast« ein Stück über die globale Krise unserer Zeit.

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat ihre Musik immer schon gerne um Elemente wie Film, Video oder Hörspiel erweitert und damit in der Welt des Musiktheaters neue, kreative Impulse gesetzt. Gleichzeitig schrieb sie immer schon »Musik mit Haltung«, kämpfte gegen Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch und Diskriminierungen. Beides verbindet sie nun in »The Outcast«: Das »Musik-Installations-Theater mit Video« prangert, genau wie die Vorlage »Moby Dick«, ökologische, politische und soziale Missstände an – und zeigt, dass menschliches Mitgefühl absolut notwendig ist.

Olga Neuwirth über »The Outcast«

Zur Veranstaltung

Am 4. März wird »The Outcast« in der Elbphilharmonie zur Aufführung gebracht, in großer Besetzung mit Orchester, Vokalensemble, Knabenchor und zahlreichen Solisten. Licht- und Videodesign kommen von der britischen Künstlerin Netia Jones.

Zum Konzert

Die Hintergründe

  • Der Autor Herman Melville

    Geboren wurde Herman Melville 1819 in New York. Nach dem Tod seines Vaters musste er schon früh arbeiten gehen, um die Familie finanziell zu unterstützen. Mit 21 Jahren heuerte er zum ersten Mal auf einem Walfang-Schiff an und fuhr mit der Acushnet in den Pazifik. Inspiriert von den Weiten des Meeres und den Abenteuern, die er unterwegs erlebte (er geriet unter anderem mehrmals in Gefangenschaft), schrieb er mehrere Erzählungen. »Moby Dick«, sein bekanntester Roman, erschien 1851. Zwei Jahre später folgte »Bartleby der Schreiber«, eine Geschichte eines Kanzlei-Angestellten, der sich mit den berühmt gewordenen Satz »Ich möchte lieber nicht« (I would prefer not to) den Zumutungen des Bürolebens und des Lebens allgemein widersetzt. Melville starb 1891 einsam in New York, erst lange nach seinem Tod wurden seine Bücher wiederentdeckt – und Melville zu einem der größten Autoren der Weltliteratur erklärt.

  • Die Handlung von »Moby Dick«

    Angezogen vom Meer, beschließt Ishmael (der Erzähler) auf Walfang zu gehen. Zusammen mit seinem neuen Freund, dem Harpunier Queequeg, heuert er auf dem Walfangschiff Pequod an. Als das Schiff unterwegs ist, verrät Ahab, der Kapitän, seiner Mannschaft das wahre Ziel der Fahrt: Er ist auf der Suche nach Moby Dick, einem riesigen weißen Wal, der ihm vor Jahren ein Bein abgerissen hat. Blind vor Rachsucht treibt Ahab seine Mannschaft immer weiter aufs Meer hinaus. Schließlich wird Moby Dick gesichtet, doch der Wal rammt das Schiff. Die Pequod sinkt, Ishmael ist der einzige Überlebende. Neben dieser Haupterzählung hat Melville zahlreiche Exkurse in sein Buch eingebaut, wie Olga Neuwirth erklärt: »Moby Dick ist ein Konglomerat aus Stilen, Kalauern, Naturgeschichte, Philosophie, überschäumendem Sprachreichtum, bewussten und unbewussten Vorgängen im Geiste des Menschen sowie Kritik.«

Zum Werk

Der alte Melville

Der visionäre Autor Melville wurde zu Lebzeiten verlacht und gemieden

Mit Herman Melville (1819–1891), dem genialen Autor des Romans »Moby Dick«, beschäftigt Olga Neuwirth sich schon lange. In »The Outcast« lässt sie ihn aus seinem Grab auferstehen und erfindet hierfür die Figur »Old Melville«. Der visionäre Autor Melville wurde zu Lebzeiten verlacht und gemieden, starb arm und einsam in New York. Seine langen wissenschaftlichen Abhandlungen über den Walfang, die er in Moby Dick immer wieder einstreute, wurden als zu langatmig kritisiert. Olga Neuwirth fand diese jedoch immer perfekt und wollte diese Unterbrechungen auch in »The Outcast« widerspiegeln. Sie bat daher die Schriftstellerin Anna Mitgutsch, mehrere Monologe für Old Melville zu schreiben, vorzutragen von einem Schauspieler. Die Monologe beschwören ein Gewirr aus Bildern hinauf, Fragen über Macht und Ohnmacht, Gott, den Akt des Schreibens, das Schicksal, die Grausamkeit und Schönheit der Natur.

Der wahnsinnig gewordene amerikanische Traum

Johan Leysen
Johan Leysen © Markus Sepperer

Was Olga Neuwirth 2010 niederschrieb, klingt heute fast noch aktueller als damals: Repräsentiert »Ahab den wahnsinnig gewordenen amerikanischen Traum oder den Glauben, die Welt zu sein, um über sie verfügen zu können?« Ahabs Charisma und seine Monomanie machen die Mannschaft der Pequod zu einer leicht beeinflussbaren, disziplinierten und engagierten Kampfgruppe, die die Welt säubern soll. Für Melville wurde die Pequod auch zum Symbol einer Demokratie, die sich noch nicht vollständig von den Lehnsherren befreit hatte, und für die Erkenntnis, dass Menschen, so frei sie auch sein mögen, sich immer nach der Sicherheit eines starken Anführers sehnen werden.

Die Pequod als Symbol einer Demokratie, die sich noch nicht vollständig von den Lehnsherren befreit hat

Ahab und seine Anhänger

Die Schiffsbesatzung in The Outcast ist anfangs eine eher sanftmütige Gruppe von Individuen. Sie glauben noch an »thou Just Spirit of Equality« (den gerechten Geist der Gleichheit), bevor sie ihr Ich an Ahabs Rachepläne abgeben und ihre Individualität völlig aufgeben. Ahab nimmt bei der Verfolgung seines Ziels keinerlei Rücksicht auf Andere. Angetrieben von einem Hass, der alle menschlichen Grenzen sprengt, reißt er seine Besatzung mit in die Tiefe.

»Melville«, wie Neuwirth schrieb, »hat bereits damals Kritik an der Ausbeutung der Ressourcen geübt und ein ethisches Problem erkannt, das an der Wall Street bis heute ungelöst bleibt: Den Beginn eines Denkens, das nach maximalem Gewinn strebt. Es gab zwar damals noch kein digitales weltweites Zocken, aber durch seinen Roman bekommen wir ein Gefühl für diese Veränderung, diese anarchische, zentrifugale Flucht und Auflösung des Ichs durch eine Gesellschaft, die nur an Geld interessiert, ehrgeizig und gierig ist.«

Melville hat bereits damals ein ethisches Problem erkannt, das an der Wall Street bis heute ungelöst bleibt: Den Beginn eines Denkens, das nach maximalem Gewinn strebt.

Olga Neuwirth

Ishmael

In Moby Dick ist Ishmael eine verunsicherte Person, ein Außenseiter, ein einsamer Misanthrop, zeitweise selbstmordgefährdet. Olga Neuwirth sieht ihn als einen von Herman Melvilles Alter Egos. Ishmael ist natürlich eine Figur des Buches, aber vor allem auch dessen Erzähler. Im Gegensatz zu Ahab, dessen Entwicklung durch seine Paranoia verhindert wird, verändert sich Ishmael, indem er über seine Erfahrungen nachdenkt. Seine Erzählung als Überlebender zeigt, dass er erkannt hat, dass ein Wal auch nur ein Lebewesen ist, das ums Überleben kämpft, wenn es von Menschen angegriffen wird. Indem er durch die Verarbeitung seiner Traumata Frieden findet, wird es ihm möglich, in die Freiheit zu leben. Er sehnt sich danach, sozial verantwortlich zu handeln – und zu verstehen. Alles wird zu einer Frage von Identität und der Suche nach ihr.

Ishmael wird zu Ishmaela

Genau aus diesem Grund hat Olga Neuwirth sich entschlossen, Ishmael zu Ishmaela zu machen. Frauen war es zu Melvilles Zeit untersagt, auf Schiffen zu arbeiten; wenn sie es dennoch wagten, mussten sie ihre wahre Identität verbergen. Diese Metamorphose machte sie zu rätselhaften Figuren zwischen Mythos und Wirklichkeit. »Der Traum davon, dass jede Frau das Recht auf ein gutes, erfülltes Leben in Freiheit hat, ist schon immer wichtig für mich gewesen. Das habe ich auch immer wieder versucht durch meine Musik auszudrücken. Es ist für mich wichtig, daran zu glauben, dass jeder Mensch ein lebenswertes Leben verdient. Für dieses Ziel muss man den Mund aufmachen. Melville hat es getan. Gegen die Beengung einer Zuordnung zu einer einzigen Identität«, so Neuwirth.

Die Ausgestoßenen

Es ist für mich wichtig, daran zu glauben, dass jeder Mensch ein lebenswertes Leben verdient. Für dieses Ziel muss man den Mund aufmachen.

Olga Neuwirth

Die »Outcasts«, die Ausgestoßenen und Verwirrten, sind für Olga Neuwirth Symbole der Hoffnung.

Auch wenn das Stück eine Chronik von Gewalt, Liebe, Verlust und Schmerzen ist – für Olga Neuwirth sind die »Outcasts«, die Ausgestoßenen und Verwirrten – Bartleby, Ishmaela, Queequeg, Pip, der Knabenchor und Herman Melville selbst – Symbole der Hoffnung. Wie sie im Februar 2010 bemerkte, als sie in New York City den größten Teil des Stückes schrieb: »Um dieses Aufrütteln der Sinne, dieses Anrühren der Seele ging es mir beim Schreiben von The Outcast: die Ohren, die Augen und das Denken aufzuwecken jenseits der allseits geforderten Grenzen und unserer wirtschaftlichen Zwänge. Durch die Folie von Moby Dick und Herman Melville selbst.«

Mit Moby Dick führte Melville, wie kaum ein Schriftsteller zuvor, bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts die menschliche Natur zurück auf den unersättlichen Hunger nach Unterwerfung, Verachtung, Ausbeutung und die Eroberung des Raums für wirtschaftliche Zwecke. Mit The Outcast verfasste Olga Neuwirth eineinhalb Jahrhunderte später ein eindringliches Plädoyer gegen Fremdenhass, gegen die Angst vor dem Anderen und dem Unbekannten, und legt den Finger auf Themen wie Freiheit, Machtmissbrauch, persönliche Verantwortung sowie die Ausbeutung und Zerstörung der Natur. Eines gilt nach wie vor: Gewalt führt vor allem zu Gewalt. Vor allem, wenn die Machthabenden sie verwenden, um Andere einzuschüchtern und zu schikanieren. Dann verlieren wir alle. Das ist die zentrale Aussage von The Outcast.

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Einführungstextes von Tom Michelsen. Der vollständige Text ist hier nachzulesen: Zum Programmheft von »The Outcast«

Ein eindringliches Plädoyer gegen Fremdenhass, gegen die Angst vor dem Anderen und dem Unbekannten

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