Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Musikfest Hamburg 2019: Identität

Wer bin ich? »Identität« lautet das Motto des Vierten Internationalen Musikfests Hamburg.

Ist vom Menschsein die Rede, liegt kein Begriff so nahe und ist zugleich so schwer zu fassen wie dieser: Identität. Genau dieses Spannungsfeld nimmt das Internationale Musikfest Hamburg zum Anlass, in diesem Jahr die Vielfalt persönlicher, gesellschaftlicher und kultureller Identitäten zu zeigen und zu feiern – in Klängen, Bildern und Bewegung.

Eröffnungsrede: Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss

Internationales Musikfest Hamburg 2019

Zum Festivalprogramm

Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!

E.T.A. Hoffmann (1776–1822)

Wer bin ich?

»Ich denke, also bin ich«, postulierte René Descartes 1641. Schön und gut. Doch wer genau dieses »ich« sein soll, was sein Sein auszeichnet, kurz, welche Identität sich in ihm verbirgt, darüber schwieg der Philosoph sich aus. Bis heute ist der Begriff unter Denkern heiß umstritten.

Wenn sich die großen Philosophen, Soziologen, Psychologen und Verhaltenswissenschaftler über die Jahrtausende hinweg über irgendetwas einig waren, dann darüber: Identität ist stets im Fluss und bildet sich aus einem komplexen Wechselspiel von Subjekt und Umgebung, aus bewusster Aneignung oder Abgrenzung. Sie erfordert Selbstwahrnehmung und -reflexion – die Menschen erst in einem gewissen Alter und Tiere nur selten entwickeln – und kann sich je nach Kontext ändern. Identität ist ein soziales Konstrukt.

Oskar Schlemmer: Tischgesellschaft, 1935
Oskar Schlemmer: Tischgesellschaft, 1935 © Städel Museum

Das »Ich« in der Musik: Mozart und Mahler

Künstler haben ihre Identität schon immer in ihre Werke einfließen lassen, allein schon als Kinder einer bestimmten Epoche und ihres Stils. Daraus umgekehrt auf ihre Persönlichkeit rückzuschließen, funktioniert allerdings nur selten: Mozart zum Beispiel war privat ein totaler Chaot und schrieb doch göttliche Musik. Gustav Mahler wiederum entstammte einer jüdischen Familie und konvertierte auch aus taktischen Gründen zum Katholizismus, schrieb aber mit seiner »Auferstehungssinfonie« – die zum Auftakt des Musikfests erklingt und von einer Trauerfeier im Hamburger Michel inspiriert ist – eines der eindrücklichsten Werke christlicher Prägung.

Gustav Mahler

Anders als alle anderen: György Ligeti

Eine dezidiert antiideologische Haltung nahm György Ligeti (1923–2006) ein, berühmt für seine Klangflächenkompositionen, dem das Musikfest einen eigenen Schwerpunkt widmet. Er entwickelte seine Identität in bewusster Abgrenzung von Strömungen oder Dogmen seiner Zeit. Nachzuhören ist das in zahlreichen Konzerten mit Werken, die überwiegend während seiner Zeit an der hiesigen Musikhochschule in den 70er und 80er Jahren entstanden, etwa die Oper »Le Grand Macabre« oder das Orgelstück »Volumina«, dessen spezielle Anforderungen sogar beim Bau der Elbphilharmonie-Orgel berücksichtigt wurden.

Le Grand Macabre in der Elbphilharmonie
Le Grand Macabre in der Elbphilharmonie © Doug Fitch

Livestream: »Le Grand Macabre«

György Ligetis rauschhaft groteske Oper am 13. Mai im Livestream erleben.

Mehr

Isolation und Solidarität: »Ich« in der Gesellschaft

Mit dem gesellschaftlichen Aspekt von Identität setzen sich im Verlauf des Musikfests gleich mehrere Akteure auseinander. Sasha Waltz etwa, die noch vor der offiziellen Eröffnung tanzend die Foyers der Elbphilharmonie eroberte, thematisiert in ihrer neuen Produktion »Kreatur« das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft zwischen Isolation, Konflikt und Solidarität.

Kreatur - Trailer 2017 from Sasha Waltz & Guests on Vimeo.

Wie wollen wir leben?

Und unter dem Titel »Happiness Machine (aka Zum Gemeinwohl!)« werden zehn Kurzfilme gezeigt, die ein alternatives ökonomisches System vorstellen, das nicht maximalen Profit belohnt, sondern ethisches, nachhaltiges und sozialverträgliches Handeln.

    Nationale Identität ...

    Greifbarer und gleichzeitig kontroverser wird es, wenn von »kollektiver Identität« die Rede ist. Im 19. Jahrhundert entdeckten sich viele Länder als Nationen. Die Monarchie, die ihre Untertanen entweder in grotesken Riesenreichen zusammengezwungen oder in einen Flickenteppich von Mini-Fürstentümern zersplittert hatte, verlor an Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft; Völker entdeckten ihre eigene Identität und suchten sich in Staaten zu konstituieren. Den Soundtrack dazu lieferten gefeierte Nationalkomponisten wie der Tscheche Bedřich Smetana oder der Finne Jean Sibelius, die auch im Musikfest vorkommen.

      ... und ihre Tücken

      Inzwischen hat dieser Aspekt einen eher unangenehmen Beigeschmack, verdorben durch die faschistische Propaganda von Nazideutschland und Sowjetunion, die sich auch der Musik bediente. Ein musikalisches Mittel dagegen fand der Komponist Benjamin Britten, der mit seinem »War Requiem« nach dem Zweiten Weltkrieg eine Brücke zwischen den Nationen baute.

      Doch davor gefeit sind wir bis heute nicht. In seinem aktuellen Buch »Identität« warnt der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama vor dem Missbrauch dieses Begriffs durch populistische Parteien, die Themen wie »Heimat« erneut politisch instrumentalisieren. Konsequenterweise beschäftigt sich der Komponist Philippe Manoury in seinem »Lab.Oratorium« zum Ende des Musikfests mit der Zerrissenheit Europas im Angesicht der sogenannten Flüchtlingskrise.

        Überall und nirgendwo: gespaltene Identität

        Überhaupt wird die Bedeutung von Identität vor allem da erkennbar, wo sie in Bewegung ist, sich im Zusammenspiel unterschiedlicher Strömungen bildet. Im wahrsten Sinne ein Lied davon singen kann und wird beim Musikfest die Bağlama-Spielerin Derya Yildirim, die türkische Wurzeln hat, auf der Veddel aufwuchs und nun mit dem Ensemble Resonanz auftritt.

        »derya's songbook« // Ensemble Resonanz from Ensemble Resonanz on Vimeo.

        Oder der US-Jazzer Jason Moran, der die Historie der Black Identity in Musik nachvollzieht. Und nicht zuletzt die Musiker der Reihe »Blues der Großstadt«, die die traditionelle, identitätsstiftende Musik ihrer jeweiligen (geistigen) Heimat – griechischer Rembetiko, finnischer Tango, algerischer Raï, jüdischer Klezmer – in die urbane Umgebung moderner Metropolen mitgenommen und entsprechend modifiziert haben.

          Spiel und Täuschung

          Überhaupt bietet die Kunst natürlich die Möglichkeiten raffinierter Vexierspiele der Identitäten. Das lässt sich in Shakespeares »Sommernachtstraum« beobachten, kongenial vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, in dem die Protagonisten auf mehreren Ebenen gleichzeitig durcheinandergewürfelt werden. Oder in Hector Berlioz’ pseudo-autobiografischem Violakonzert »Harold in Italien«, in dem sich der Komponist selbst zu einer Kunstfigur stilisiert.

          Die wechselseitige Inspiration von aktuellen bildenden Künstlern und Musikern erkundet die Reihe »Hyper! Sounds« als Komplementär zu einer Ausstellung in den Deichtorhallen.

          Und bei den Hallo: Festspielen im alten Kohlekraftwerk Bille, die dieses Jahr erstmals beim Musikfest dabei sind, kann man erleben, wie eine innovative Initiative durch Kunst die Identität eines Ortes ändert.

            Nicht zuletzt hat die Elbphilharmonie anlässlich des Musikfests Hamburgerinnen und Hamburger eingeladen, ihre eigene Identität in Texten und Noten zu formulieren: im »Stadtlied«. So trägt das Internationale Musikfest seinerseits zur Stärkung der Identität der Musikstadt Hamburg bei.

              Autor: Clemens Matuschek, 16.04.2019

              Weitere Beiträge